> } f l ^ * r^ i^ tj^. >,- ^*i|[* V Al'A fxbrarg of tlj^ gtus^um OP COMPARATIYE ZOÖLOGY, AT HARVARD COLLEGE, CAMBRIDGE, MASS. The gift of tX?. 'idsLh. "Un^UiSiyyUQAcJjl^ ^Oju, UJy>^ No. nt ! 0^ IS^%(j- Uun.. to.i'rrQ ö SITZUNGSBERICHTE DEK KiisEiiiJcei gmm m wrasciiii mmm cusse. SIEBENUNDNEUNZIGSTER BAND. WIEN, 1889. AUS DER K. K. HOF- UND STAATSDRUOKEREI. IN COMMISSION BEI F.TEMPSKY, B \' (• It II \ N I) I, >•; K I) F. i; K A I S 1^; U I, I (• II I- \ a k a n E M l E D E R W I S S E N S C H A FT E n SITZUNGSBERICHTE iiAiiiFira-fiÄTiwissroiiAmi cLffl DER KAISER X^IOHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. XCVII. BAND. I. ABTHEILÜNG. Jahrgang 1888 — Heft I bis X. (Mit 24 Tafeln, ä Textfiguren und i Tabelle.) '" WIEN, 1889. AUS DER K. K. HOF-UND ST A ATSDRUCK EREL IN COMMISSION BEI F.TEMPSKY, BUCHHÄNDLER DER KAISEULICHKN AKADEMIK DEKWISSENSCHAKTEN INHALT. I. Sitzung: vom 5. Jänner 1888: Übersicht 3 II. Sitzung vom 12. Jänner 1888: Übersicht b III. Sitzung vom 19. Jänner 1888: Übersicht 52 lY. Sitzung vom 3. Februar 1888: Übersicht 55 V. Sitzung vom 9. Februar 1888: Übersicht 68 VI. Sitzung vom 1. März 1888: Übersicht 85 VII. Sitzung vom 8. März 1888: Übersicht 87 VIII. Sitzung vom 15. März 1888: Übersicht 96 IX. Sitzung vom 12. April 1888: Übersicht 155 X. Sitzung vom 19. April 1888: Übersicht 161 XI. Sitzung vom 3. Mai 1888: Übersicht 165 XII. Sitzung vom 11. Mai 1888: Übersicht 213 XIII. Sitzung vom 17. Mai 1888: Übersicht 214 XIV. Sitzung vom 7. Juni 1888: Übersicht 217 XV. Sitzung vom 14. Juni 1888: Übersicht 246 XVI. Sitzung vom 21. Juni 1888: Übersicht 248 XVII. Sitzung vom 5. Juli 1888: Übersicht . . , 313 XVIII. Sitzung vom 12. Juli 1888: Übersicht 566 XIX. Sitzung vom 19. Juli 1888: Übersicht 567 XX. Sitzung vom 11. October 1888: Übersicht 593 XXI. Sitzung vom 18. October 1888: Übersicht 675 XXII. Sitzung vom 25. October 1888: Übersicht 677 XXni. Sitzung vom 8. November 1888: Übersicht 681 XXIV. Sitzung vom 16. November 1888: Übersicht 683 XXV. Sitzung vom 22. November 1888: Übersicht 684 XXVI. Sitzung vom 6. December 1888: Übersicht 687 XXVII. Sitzung vom 13. December 1888: Übersicht 689 XXVin. Sitzung vom 20. December 1888: Übersicht 691 Brücke, Über die optischen Eigenschaften des Tabaschir (Mit 1 Textfigur) [Preis 15 kr. = 30 Pfg.] 69 Correns E. C, Zur Anatomie und Entwicklungsgeschichte der extranuptialen Nectarien von Dioscorea. (Mit 1 Tafel.) [Preis: 45 ki-. = 90 Pfg.] 651 Diener C, Geologische Studien im südwestlichen Graubünden. (Mit 4 Tafeln und 3 Textfiguren.) [Preis: 1 fl. 10 kr. = 2 RMk. 20 Pfg.] 606 Grohben C, Die Pericardialdrüsc der chaetopodcn Anneliden nebst Bemerkungen über die perienterische Flüssigkeit derselben. [Preis : 15 kr. = 30 Pfg.] 250 VI Seilte Ilandiirsch A., Monographie der mit Nysson und Bembex ver- wandten Grabwespen. (III.) (Mit 3 Tafeln.) [Preis: 2 fl. 20 kr. = 4 RMk. 40 Pfg.] 316 Ileimerl A., Beiträge zur Anatomie der Nyctaginaceen-Frllchtc. (Mit 1 Tafel.) [Preis: 25 kr. = 50 Pfg.] (i92 Katzer F., Spongienschichten im mittelböhmischen Devon (Hercyn). (Mit 1 Tafel.) [Preis: 25 kr. = 5Ü Pfg.] ... 300 v. Kerner A., Studien über die Flora der Diluvialzeit in den öst- lichen Alpen [Preis 30 kr. = 60 Pfg.] 7 — Über die Verbreitung von Quarzgeschiebe durch wilde Hühnervögel [Preis 5 kr. = 10 Pfg.] 158 Kronfeld, Über vergrünte Blüten von Viola albaBess. (Mit 1 Tafel) [Preis 20 kr. = 40 Pfg.] 58 Molisch H., Zur Kenntniss der Thyllen, nebst Beobachtungen über Wundheiluug in der Pflanze. (Mit 2 Tafeln.) [Preis : 50 kr. = 1 RMk.] ,264 Peyritsch J., Über künstliche Erzeugung von gefüllten Blüthen und anderen Bildungsabweichungen. [Preis: 15 kr. = 30 Pfg.] 597 Reinitzer, Beiträge zur Kenntniss des Cholesterins 167 Rodler, Einige Bemerkungen zur Geologie Nordpersiens [Preis 15 kr. = 30 Pfg.] 203 Rosoll, Über zwei neue an Echinodermen lebende parasitische Copepoden: Ascomyzon comatitlae und Aslericola Clausa (Mit 2 Tafeln) [Preis 35 kr. = 70 Pfg.] 188 V. Schauh, Über die Anatomie von Hydrodroma (C. L. Koch) (Mit 6 Tafeln) [Preis 1 fl. 25 kr. = 2 RM. 50 Pfg.] ... 98 Schuster, Über Findlinge aus dem vicentinischen Basalttuffe 88 Szajnocha L., Über fossile Pflanzenreste aus Cacheuta in der Argentinischen Republik. (Mit 2 Tafeln und 1 Tabelle.) [Preis: 50 kr. = 1 RMk.] 219 V. Wettslein, Rhododendron Ponticunt L., fossil in den Nordalpen (Mit 1 Tafel und 1 Textfigur) [Preis 25 kr. = 50 Pfg.) 40 — Über die Compositen der österreichisch-ungarischen Flora mit zuckerabscheidenden Hüllschuppen. [Preis: 20 kr. = 40 Pfg.] 570 SITZUNGSBERICHTE DEE mmmm äümiie öee wisseisceafti. UATHEHATlSCU-NiTDRWlSSENSGUAFlTLlGUE CLUSE. XCVII. Band. I. Heft. ABTHEILUNG I. Enthält die Abhandlungen aus dem Gebiete der Mineralogie, Kryatalio- graphie, Botanik, Physiologie der Pflanzen, Zoologie, Paläon- tologie, Geologie, Physischen Geographie und Reisen. r. SITZUNG VOM 5. JÄNNER 1888. DerSecretär legt eingelangte Dankschreiben für bewilligte Subventionen vor, und zwar: 1. von Herrn Dr. V. Hilber in Graz zur Untersuchung der behaupteten Senkung der österreichischen Küstenländer, — und 2. von Herrn Dr. J. M. Pernter in Wien zur Ausführung von physikalisch - meteorologischen Untersuchungen auf der Höhe des „Sonnblick''. Das c. M. Herri Regierungsrath Prof. Dr. Constantin Freih. V. Ettingshausen übersendet eine von ihm und Herrn Prof. Dr. Franz Standfest in Graz verfasste Abhandlung: „Über Myrica lignitum Ung. und ihre Beziehungen zu den lebenden Myrica-Arten". Das c. M. Herr Prof. V. v. Ebner in Graz tibersendet eine Abhandlung: „Über das optisch anomale Verhalten des Kirschgummis und des Traganthes gegen Span- nungen". Das w. M. Herr Prof. L. v. Barth übersendet eine von Herrn Dr. Guido Goldschmiedt im I. k. k. Universitätslabo- ratorium in Wien ausgeführte Arbeit: „Über das vermeint- liche optische Drehungsvermögen des Papaverins". Das w. M. Herr Prof. E. Weyr übersendet eine Abhandlung von Herrn Johann L. Schuster in Wien: „Über jene Gebilde, welche geschlossenen, aus drei tordirten Streifen hergestellten Flächen durch gewisse Schnitte ent- springen". Das c. M. Herr Prof. Rieh. Maly übersendet eine im Laboratorium der k. k. deutschen Universität in Prag aus- geführte Arbeit des Herrn Dr. Robert Leipen: „Über einige Verbindungen der Äthylidenmilchsäure". 1* Herr Prof, Dr. A. Wassmuth in Czernowitz übersendet eine Abhandlung: „Über eine einfache Vorrichtung zur Bestimmung der Temperaturänderungen beim Aus- dehnen und Zusammenziehen von Metalldrähten." Herr Prof. Max Rosenfeld an der k. k. Ober-Realschule in Teschen übersendet eine Abhandlung unter dem Titel: „Pyro- gallussäure als Reagens auf Salpetersäure und sal- petrige Sänre". Das w. M. Herr Hofrath Prof. E. Ritter v. Brücke über- reicht eine Abhandlung: „Über das Verhalten des Congo- rothes gegen einige Säuren und Salze". Das w. M. Herr Director J. Hann überreicht eine Abhand- lung: „Resultate des ersten Jahrganges meteoro- logisch er Beobachtungen auf dem Sonn blick (3095 ?w)". Herr Dr. B. Igel, Docent an der k. k. technischen Hoch- schule in Wien, überreicht eine Abhandlung: „Über einige algebraische Reciprocitäts -Sätze". Selbständige Werke oder neue, der Akademie bisher nicht zuge- kommene Periodica sind eingelangt : Voyage of H. M. S. Chailenger 1873—1876. Report oi the scientific results. Zoology — Vol. XX; Vol. XXI in two Parts, with a Volume of Plates; Vol. XXII. London^ 1887; 4«. IL SITZUNG VOM 12 JÄNNER 1888. Das w. i\l. Herr Director E. Weiss dankt für die ihm von der Akademie gewährte Subvention zur Neuberechnung und Her- ausgabe der Bessel'schen Zonen /wischen — 15° und 4-15° Declination. Herr Dr. Jakob Singer in Prag dankt für die ihm bewil- ligte Subvention zur Fortsetzung seiner Untersuchungen über Bau und Verrichtung des Central-Nervensystems. Die Direction des Communal - Obergymnasiums in Hohenmauth dankt für die Betheilung mit akademischen Schriften, Das w. M. Herr Regierungsrath Prof. E. Mach in Prag übersendet eine Mittheilung des Herrn 6. Jaumann: „Ent- gegengekuppelte Fadenwagen zur absoluten Kraft- messung". Herr P. C. Puschl, Stiftscapitular in Seitenstetten, über- sendet eine Abhandlung: „Über das Verhalten der Gase zum M ariot t e 'sehen Gesetze bei sehr hohen Tem- peraturen". Herr Dr. Gottlieb Adler, Privatdooent an der k. k. Univer- sität in Wien, übersendet eine Abhandlung: „Über die elek- 6 trischen Gleichgewichtsverhältnisse von Conductoren und die Arbeitsverhältnisse elektrischer Systeme überhaupt". Das w. M. Herr Hofrath Director A. v. Kern er überreicht eine Abhandlung unter dem Titel: „Studien über die Flora der Diluvialzeit in den Alpen". Herr Dr. M. Kronfeld in Wien überreicht eine Abhandlung: „Über vergrünte Bltithen von Viola alba Bess". Studien über die Flora der Diluvialzeit in den östlichen Alpen A. Kerner v. Marilaun, w. M. k. Ak;i(l. Neben jenen Pflanzenarten, welche über das Gelände der östlichen Alpen in ununterbrochenem Zuge verbreitet sind, findet man auch solche, welche dort nur in beschränkten Bezirken, oft nur an einer einzigen Bergleline oder in einem abgeschiedenen kleinen Thalwinkel gedeihen, und von welchen in der Umgebung keine Spur aufgefunden werden kann. Erst in weiter Ferne, nicht selten hunderte von Meilen nach Norden, Osten oder Süden ent- fernt, tauchen diese in den Alpen so seltenen Pflanzen wieder auf und zwar in grosser Menge, in ausgedehnten Beständen und als charakteristische Bestandtheile der Flora, welche gegenwärtig die Besatzung jener abseits gelegenen Gegenden bildet. Wie erklärt sich das Vorkommen dieser Gewächse, die wir im Folgenden der Kürze wegen Findlinge nennen wollen, an ihren isolirten Standorten in den Alpen? Es sind zweierlei Erklärungen möglich. Es können die Keime dieser Findlinge durch Stürme oder durch wandernde Thiere aus jenem Gebiete, dessen Flora sie gegenwärtig ange- hören, erst in jüngster Zeit in die Alpen verschleppt worden sein, konnten dort auf einem für ihr Fortkommen geeigneten Boden keimen und sich an beschränkter Stelle erhalten, oder aber es stammen diese Findlinge von einer Flora, welche vor langer Zelt die Besatzung in einer bestimmten Höhenregion der Alpen gebildet hatte, in Folge grosser klimatischer Veränderungen aber abgezogen ist und nur an einzelnen sehr beschränkten Punkten, wo sich die früheren Zustände des Klimas unter der Gunst eigenthümlicher Bodengestaltung ziemlich gleich erhielten, zurückgeblieben ist. 8 A. Kerner V. Marilaun, Ob das Eine oder Andere stattgefunden hat, wird daran» erkannt werden, dass im letzten Falle gewöhnlich ganze Gruppen von Arten, welche an das Klima gleiche Anforderungen stellen und schon durch ungemessene Zeiträume die gleiche Scholle im geselligen Verbände als Genossenschaften bewohnten, auf dem abgelegenen Posten zurückgeblieben sind und sich hier inmitten der neu eingebürgerten Flora auch in geselligem Verbände erhalten haben, während im ersten Falle nur vereinzelte Arten als Vorposten sich ansiedeln, da ja die Ansiedelung ganzer Arten- gruppen, beziehungsweise das Zusammenfinden mehrerer verschie- dener anschwärmender Arten auf einer eng beschränkten, weit abgelegenen »Stelle inmitten einer anderen Flora mit Rilcksicht auf die Verbreitungsvorgänge nicht wahrscheinlich ist.* Unter den Findlingen, welche mit Bestimmtheit als die Reste einer aus den Alpen verdrängten Flora anzusehen sind, bean- spruchen insbesondere jene ein hervorragendes Interesse, welche gegenwärtig ferne im Süden und Osten an vielen Orten und in grosser Individuenzahl vorkommen. Dieselben gehörten einer Flora an, welche ich hiemit als aquilonare Flora bezeichne und auf deren Scheidung in die mediterrane und pontische Flora am Schlüsse dieser Abhandlung noch zurückzukommen sein wird. Als Beispiele aquilonarer Pflanzenarten im Gebiete der Centralalpen und Nordalpen führe ich folgende auf: Astrag((lns exscapus, vesicarius, Oxijtropis Uralensis, Dracocephalum Austria- cu7n, Telephinm Imperati, Ephedra distachya im obersten Vintsch- gau; Astragrdus Onobrychis, O.vytropis pilosa, Dorycnimn decum- bens, Helmnthemum Fumana, Rliammis sn.vatilis, Ostryn carpini- folia, Stipa pennata und capillata an südlichen Lehnen bei Innsbruck, Paeonia corallina bei Reichenhall in Baiern und St. Egid in Niederösterreich, Corylus tubnlosa am Grünberg bei Gmunden, Buxus sempcrvirens und Saxifraya umbrosa an der Südseite des Schobersteins in Oberösterreich, Crocus vernus (Nenpolitanus) und Anemone apeniüna bei Gresden im kleinen I Vergl. A. Kern er, Einfluss der Winde auf die Verbreitung der Samen im Hochgebirge, in Zeitschrift des deutschen Alpenvereines 1871, und Beiträge zur Geschichte der Pflanzenwanderungen, in der Deutschen Revue 11, 7. Flora der Diluvialzeit. 9 Erlaftbale, Arenaria grafu/ifloia auf der Raxalpc, Plantago Cynops und Cyperus longus bei Badeu in Niederösterreieli. Diese Pflanzenarten sind in Betreff ihrer gegenwärtigen Ver- breitimg über die alte Welt so genau bekannt, das gesellschaft- liche Wachsthum derselben in jenen Gegenden, wo sie jetzt nicht nur vereinzelt, sondern als charakteristische häutige Bestand- theile einer über weite Strecken ausgebreiteten geschlossenen Flora gedeihen, ist so gut i^tudirt, dass es gestattet ist, ein Bild der Vegetation zu entwerten, welche seinerzeit die untersten Stufen der östlichen Alpen in ununterbrochenem Zuge überkleidet haben musste. An den Gehängen der Berge bis zu 1300»« See- böhe Waldformationen mit Laub- und Nadelbäumen, reichliches immergrünes Unterholz: ßu.vus seinpercirens, Daphne Luureola, Ile.v aqaif'oUiim] von Laubhölzern: Osfrya carpmifolia, Celtis australis. Fra.vi/nis Ornus; holie Gräser in dichten Rasen, an den Felsen schuppige Farne (Ceterach officlnarum, Notochlaena Ma- raiitae), kurz eine Flora, wie sie gegenwärtig von Frankreich her über die niederen Bergabhäuge des südlichen Alpenrandes, über die unteren Bergstufen Spaniens, Italiens, des Balkans, der ponlischen Gebirge und des Kaukasus ausgebreitet ist. In den Thälern und im präalpinen Vorlande waren Pflanzeuformationen entwickelt, welche gegenwärtig für die Fluren der poutischen Flora charakteristisch sind, die Federgrasformation mit Astra- gahis- und Oxytropis- Xxitw, mit Ephedra und Dracocephahim Austriacitm, wie sie in den ebenen Steppen in der Umgebung des Pontus vorkommt, von dort in die Thäler der Gebirge vor- dringt und sich dort auch in die Waldibrmationen einschiebt. Es taucht nun die Frage auf, wann hat dieser Zustand, den wir am richtigsten mit jenem vergleichen, welcher jetzt in der Umgebung des Schwarzen Meeres beobachtet wird, in den Alpen nnd deren nächster Umgebung bestanden? Gesetzt den Fall, es wäre diese Flora schon vor der grossen Eiszeit, das heisst vor jener Periode, in welcher die Gletscher in den Alpen ihre grösste Ausbreitung erreicht hatten, vorhanden gewesen, so wäre sie zuversichtlich während dieser Periode ver- nichtet worden. Nicht einmal an den sUdseitigen sonnigen Lehnen hätten sich Elemente dieser Flora lebend erhalten können und es ist daher mit Sicherheit anzunehmen, dass diese Flora erst nach 10 A. Keruer v. Marilaun, der Zeit der grössten Ausdehnung der Gletscher in die Alpen gekommen ist. Ob aber sofort nach dem Rückgange der riesigen Gletscher, ist eine andere Frage. Bekanntlich hat nach dem grossen Rückzüge ein nochmaliges Vordräugen der Gletscher stattgefunden, wenn auch in viel bescheidenerem Masse, und wenn man annehmen wollte, dass die Einwanderung aquilonarer Pflanzen in die östlichen Alpen sofort nach der grossen Eis- zeit erfolgte, so wäre zu erwägen, ob nicht vielleicht einzelne Elemente der aquilonaren Flora die zweite diluviale Eiszeit, die wir die Periode der diluvialen Thalgletscher nennen, an klimatisch begünstigten Stellen im Bereiche der Alpen zu überdauern ver- mochten. Der Umstand, dass gegenwärtig in der nächsten Nähe der Thalgletscher in den südwestlichen Alpen Kirschenbäume ihre Früchte reifen, Hesse daran denken, dass sich einige Elemente der aquilonaren Flora, wie z. B. die Hopfenbuche und der Buchs- baum an sonnigen windgeschützten Stellen der Bergabhänge erhalten konnten. Ich möchte diese Annahme nicht unbedingt ablehnen, insbesondere nicht für jene Arten der aquilonaren Flora, welche heute noch im niederen Berglande des süd- lichen und südwestlichen Europa weit verbreitet sind. Ein gewichtiges Bedenken erregen aber Stipa pennata, Astrayalns eccscapus, vesicarius und Onobrychis, Ephedra distachya, Draco- cephalum Austriacum u.s.f., welche nur in einem warmen trockenen Klima gedeihen können. Ein solches Klima ist für die Periode der diluvialen Thalgletscher auszuschliessen. Es ist ja das noch- malige Anwachsen der Gletscher in jener Periode nur aus reich- lichen Niederschlägen und einem feuchten Klima zu erklären und ist daher gar nicht denkbar, dass die jetzt der pontischen Steppen- flora angehörenden Arten die Periode der diluvialen Thalgletscher sollten überdauert haben. Es führt diese Erwägung aber zu dem Schlüsse, dass die aquilonare Flora erst nach der Periode der diluvialen Thalgletscher in die Thäler der Alpen gekommen ist oder mit anderen Worten^ dass zwischen die Periode der diluvialen Thalgletscher und die Gegenwart eine Periode mit warmen trockenen Sommer eingeschoben war, in welcher sich die erwähnten Pflanzen über die niedere Hügelregion der Alpenthäler bis hinauf Flora der Diluvialzeit. 11 ZU den Quellen der Etsch im oberen Vintscbgau, wo sich der Ötzthalerstock und Ortlerstock gegenüberstehen, verbreiteten, und in welcher Periode in den östlichen Alpen klima- tische Verhältnisse herrschten, wie sie derzeit in der Umgebung des Schwarzen Meeres beobachtet werden. Das Klima hat sich seither wesentlich geändert, die Sommer- temperatur hat namhaft abgenommen, die Pflanzen der aquilonaren Flora, insbesondere die pontischen Arten sind in den Alpenthälern grösstentheils ausgestorben, haben sich nur an einzelnen warmen Berglehnen^ erhalten und an Stelle der ausgestorbenen Arten haben sich Pflanzen aus der nächst höheren Region angesiedelt. Ob diese Veränderung gegenwärtig bereits abgeschlossen ist, wage ich nicht zu entscheiden. Die meteorologischen Beob- achtungen in den Alpen erstrecken sich über einen viel zu kurzen Zeitraum, als dass man aus ihnen sichere Anhaltspunkte zur Lösung dieser Frage gewinnen könnte. Auffallend ist allerdings, dass im Laufe der letzten Jahrhunderte die obere Grenze der Bäume um mehr als 124m zurückgegangen ist*, und dass an manchen Punkten, wie /. R. bei Hötting im Innthale in früheren Zeiten — lange bevor man meteorologische Beobachtungen aus- führte — Weingärten bestanden, während dort heutzutage nicht einmal ein sauerer Wein würde erzeugt werden können. Anderseits fehlt es nicht an Erscheinungen, welche dafür sprechen, dass in allerjüngster Zeit wieder ein Vordringen ponti- scher Pflanzen in westlicher Richtung stattfindet. Zahreiche Oewächse sind nämlich seit einigen Decennien schrittweise von der Balkanhalbinsel her über T^ngarn in das Weichbild Wiens und darüber hinaus, selbst bis in die Alpenthäler, eingewandert, vorläufig allerdings nur entlang der grossen Verkehrswege und unter unabsichtlicher Mithilfe von Menschen und Thieren.'' 1 Über die günstigen klimatischen Verhältnisse einzelner Berglehnen vergl. A. Kerner, Wanderungen des Maximums der Bodentemperatui", in der Zeitschr. d. Österr. Gesellschaft tür Meteorologie, 1871, VI, S. 65. - Vergl. A. Kern er, Studien über die oberen Grenzen der Holz- pflanzen in den österreichischen Alpen, in Österr. Revue 1864, II, S. 218. 3 Vergl. A. Kerner, Österreich-Ungarns Pflanzenwelt, in: Die österr.- ung. Monarchie in Wort und Bild, I, S. 245. 1 2 A. K e r u er v. M ;i r i 1 ;i ii n , Es ist von Wichtigkeit an der Erfahrung- festzuhalten, dass für den Fall des Aussterbens der Bäume an der Grenze der alpinen Eegion so wie überhaupt von Gewächsen, welche ein wärmeres Klima, zumal höhere Sommertemperaturen bean- spruchen, Arten aus der nächstoberen Region des Gebirges nach- rücken, dass also mit der Verschlechterung des Klimas ein schrittweises, sehr allmäliges Verschieben der alpinen, beziehent- lich subalpinen Flora nach der Tiefe Hand in Hand geht. Auch die durch das Aussterben aquilonarer Pflanzen gebildeten Lücken werden durch Arten aus den nächsthöheren Gebirgslagen ersetzt, und wenn z. B. die Hopfenbuchen auf den Hügeln bei Mühlau im Innthale durch eine Reihe von Jahren keine keimfähigen Samen zur Reife bringen und endlich abdorren und absterben, so werden an ihrer Stelle Kiefern und Fichten aufwachsen. Die höheren Gebirge bilden eine unerschöpfliche Vorraths- kammer zur Besiedelung der tieferen Regionen und der vorge- lagerten Niederungen mit Pflanzen. Es sind an ihren Gehängen gewissermassen Pflanzen für alle möglichen Klimate am Lager, für eine Abkühlung geringeren Grades die Gewäclise der unteren Waldregion, für eine Abkühlung mittleren Grades jene der oberen Waldregion und so fort bis zu der Pflanzenwelt, welche noch hart an der Grenze des ewigen Schnees mit der Wärme von etwa fünfzig schneefreien Tagen ihr Auskommen findet. Es brauchen die Berge nicht einmal besonders hoch zu sein, um die angedeutete Rolle spielen zu können. In niederen Breiten folgen schon auf Bergen mit 1800 m Seehöhe vier Floren mit ver- schiedenen klimatischen Bedürfnissen übereinander. Wir haben in dieser Beziehung eines der interessantesten Beispiele in nächster Nähe, nämlich im Velebit und den kroatischen Hochgebirgen, ja schon auf dem Krainer Schneeberg nördlich von Fiume. Wenn man vom Ufer des Meeres bei Abbazia in nördlicher Richtung über die unteren Karststufen emporsteigt, so verschwinden zuerst die Lorbeergehölze, die immergrünen Eichen, die Pistazien und die StechAvinde und man kommt in eine Region, in welcher die flaumhaarigen, sommergrünen Eichen, die Manna-Esche und Hopfenbuche lichte Waldbestände, meterhohe Gräser (Pollhüa Gryl/)tfi), üppige Grasfluren und niedere Seggen (Cnrex humilis) dichte Rasenteppiche bilden. Sobald man über das Plateau von Flora der Diluvialzeit. 13 Castua liiiiaiisgekomnieD ist, verschwinden aiicb diese Pflanzen und man betritt herrliche Buchen- und Tannenwälder, die mit Bergwiesen abwechseln, auf welchen Carex montatia, Aruica monfann und OrcJiis f/lohosn gedeihen. Noch weiter aufwärts unter dem Gipfel des Sehneeberges verkrüppeln die Buchen zu niederem Strauchwerk, dagegen erheben sich dunkle Fichtenwälder in den Senkungen und Mulden des Gehänges und endlich ist die vierte Flora erreicht, für welche Bestände aus Carex firma, Salix arbitscula, Rhododemhon hirsutum, Pinuft Maffhus und zahlreiche, nicht in Beständen wachsende Alpinen: Gentianen, Soldanellen etc. charakteristisch sind. Die Gehänge vom Ufei- des Meeres bei Abbazia bis hinauf zur Kuppe des Kraiuer Schneeberg-es, in der Luftlinie wenig mehr als 28 km entfernt, könnten in der That die Samen für vier verschiedene Floren abgeben und selbst für den Fall, dass eine im Laufe der Zeit sich einstellende Abkühlung- und eine Verschiebung der Regenzeiten zur Folge haben sollte, dass der Küstensanm bei Abbazia neun Monate laug mit meter- hohem Schnee bedeckt bleibt, und dass dort ein Klima ähnlich wie am Franz Josephsfjord zur Geltung kommt, würde es an geeigneten Ansiedlern nicht fehlen; die Zwergweiden und Alpen- rosen, die Legföhren und die steife Segge, die Gentianen und Soldanellen würden von der Höbe des Schneeberges allmälig bis zum Meere herabkommen und den Küstensnum bevölkern Es wurde dieses Vorrücken der an den Gehängen eines Berges oder eines ganzen Gebirges übereinander geschichteten Floren mit der Bildung concentrischer Wellenkreise verglichen, die durch das Hineinwerfen eines Steines in ruhiges Wasser entstehen. Gewisse Erscheinungen mögen vielleicht durch diesen Vergleich dem Laien anschauhch gemacht werden, aber in einer Beziehung ist derselbe nicht zutreffend, vielmehr geeignet, irrige Vorstellungen zu ver- anlassen. Die aus einer bestimmten Höhenregion des Gebirges thalwärts vorrückende Flora wird sich nicht rings um den Aus- gangspunkt in einem erweiternden Kreise gleichmässig ausbreiten, sondern das Vorrücken wird vorwaltend in einer Richtung er- folgen, oder besser gesagt, nur nach einer Richtung wird die vor- geschobene Flora festen Fuss fassen und sich auf dem eroberten Boden erhalten können. Wenn die eines warmen Sommers und einer langen frostfreien Jahresperiode bedürftigen Pflanzen aus 14 A. Kerner V. Marilaiin, dem Gelände der Alpen durch jene klimatischen Verhältnisse, welche ihren Ausdruck in dem Vorrücken der Gletscher fanden, verdrängt wurden, so konnten sich dieselben nur in der Richtung nach Süden und Osten erhalten, weil sie dort auch zur Zeit der grössten Ausbreitung der alpinen Gletscher das fanden, was ihnen noththat. Auf den niederen Höhen, welche das Mittelmeer um- randen, im Bereiche des Balkans und im pontischen Gebirge, in welchen Gebieten niemals eine Vergletscherung stattfand, waren für diese Pflanzen die Bedingungen des gedeihlichen Fortkommens gegeben und dort vermochten sie auch ungefährdet an ihren Standorten zu verbleiben. Manche Anzeichen sprechen dafür, dass sich die aquilonaren Pflanzen zur Zeit der grössten Aus- breitung der alpinen Gletscher nur im südlichen Spanien, Sizilien, Kalabrien und in den wärmsten Lagen des Balkangebietes und der pontischen Gebirge erhalten konnten. Nördlich der Alpen war das unmöglich, dort waren alle Pflanzen der aquilonaren Flora dem Untergange geweiht, weil zur Zeit des Vorrückens der alpinen Gletscher die klimatischen Verhältnisse in den Geländen nordwärts der Alpen nicht günstiger waren als in den Alpenthälern selbst. Ganz anders verhält es sich mit den Floren der höheren Gebirgsregionen. Ein grosser Theil der Pflanzen dieser Floren kommt im südlichen Europa aus dem Grunde nicht fort, weil dort ihr Erwachen aus dem Winterschlafe zu früh im Jahre beginnt. Die Fichten- und Zirbenbäume bedürfen, wie ich anderwärts nach- gewiesen habe,^ schon zur Zeit des bei sehr niederer Temperatur erfolgenden Erwachens aus dem Winterschlafe einer täglichen Lichtdauer von 14, beziehungsweise 16 Stunden. Wo diese Bedingung . nicht erfüllt ist — und im südlichsten Europa konnte sie selbst zur Zeit der grössten Ausbreitung der alpinen Gletscher nicht ■ erfüllt sein — gehen die Fichten- und Zirbenbäume zu Grunde. Dasselbe gilt von dem gemeinen Haidekraut (Calluna vulgaris) und zahlreichen anderen in der oberen Waldregion der Alpen verbreiteten Pflanzen, Darum aber fanden diese Pflanzen in südlicher Richtung alsbald eine Grenze. Fichten und Haide- kraut sind selbst zur Zeit der grössten Ausbreitung der alpinen 1 Österreichische Revue 1864, Bd III, S. 199, uud 1865, Bd. VII, S. 203. Flora der Dihivialzeit. J 5 Gletscher über die Breite von 45° 15' nicht nach Süden vorge- drungen. Dagegen fanden diese aus den höheren Regionen herab- gekommenen Pflanzen nordwärts der Alpen die erwähnte Lebens- bedingung und dem entsprechend in nördlicher Richtung eine ungeheuere Verbreitung. Auf dem Schutte, welchen die im Rückgange begriffeneu Gletscher zurücklassen, siedeln sich schon nach wenigen Jahren Pflanzen an. Allerdings ist dort die Vegetation anfänglich eine recht spärliche und nur auf die Sandanhäufungen zwischen den Steinblöcken beschränkt, aber schon nach einem Deceunium sind die Sandanhäufungen durch den Einfluss der ersten Ansiedler mit so viel Humus durchsetzt und überhaupt so zubereitet, dass eine zweite Generation von Pflanzen nachfolgen kann. Auf den grösseren Moränenblöcken haben sich auch Flechten angesetzt, welche, an Umfang zunehmend, sich allmälig zu schorfartigen Überzügen gestalten, und diese wieder bilden die geeignete Unterlage für Laub- und Lebermoose, welche sich in polster- förmigen Rasen und weichen Teppichen über das Gestein aus- breiten. In den Humus, welchen diese durch Moose charakterisirte Generation erzeugt, dringen nun auch die Elemente einer dritten Generation mit ihren Wurzeln ein; niedere Weiden, Gräser und Seggen, Primeln, Nelken, Gentianen, Steinbreche und noch viele andere haben sich eingefunden und erheben sich über dem Schutte und über dem Blockwerke der Moräne. Endlich kommen wohl auch noch Rhododendron und andere den tiefen Humus liebende Pflanzen dazu, und das vom Eise befreite Land trägt jetzt eine verhältnissmässig üppige alpine Flora. Im Laufe der Zeit können sich, wenn es das Klima gestattet, auch Fichten, Lärchen, Birken, Erlen und verschiedenes Strauch- werk ansiedeln; an der Stelle, wo noch vor zweihundert Jahren das Eis eines Thalgletschers sich ausbreitete, können sich nun Coniferenwäldchen mit eingesprengten Birken, Formationen aus Gräsern und Riedgräsern und Gestrüppe aus Eriken, Heidelbeeren und Preisseibeeren erheben. Die Samen und Sporen dieser Ansiedler wurden nicht aus weiter Ferne, sondern aus den zunächstliegenden Gegenden her- 16 A. Kerner v. Marilauu, beigetiihrt und man kann hier so recht deutlich sehen, wie die Pflanzenwelt tieferer Regionen das von den Gletschern ver- lassene Gebiet besetzend, Schritt für Schritt in die höheren Re- gionen vordringt. In einzelnen Thälern der Centralalpen kann man den Mo- ränenschutt vom Rande der noch jetzt vorhandenen Gletscher in fast ununterbrochenen Linien thalabwärts bis in Regionen ver- folgen, wo jetzt Wein und Mais gebaut wird, wo sich über den Moränenblöcken flaumhaarige Eichen und Manna-Eschen erheben und wilde Birnen- und Apfelbäume ihre Früchte reifen. Es braucht wohl kaum näher begründet zu werden, dass sich auch an solchen tiefgelegenen Punkten einstens derselbe Vorgang abgespielt hat, wie heutzutage vor unseren Augen in den höhereu Regionen, dass der Gletscherschutt auch dort an- fänglich in der früher dargestellten Weise mit Pflanzen bevölkert wurde, welche der alpinen Flora angehören, dass diese Vegetation allmälig von einer Waldflora verdrängt wurde, für welche Fichten, Birken, Eriken und Heidelbeeren als die bezeichnendsten Ele- mente hervorzuheben sind, dass aber auch diese Waldflora wieder durch eine andere ersetzt und verdrängt wurde, für welche flaum- haarige Eichen, Manna-Esche und Hopfenbuche als bezeichnendste Formen genannt werden mögen. Die Arten dieser Floren sind ebensowenig aus weiter Ferne angerückt wie jene, welche sich einst auf dem Schutte in der Nähe des abschmelzenden Gletschers als erste Ansiedler eingefunden hatten, sondern ihre Samen stammen aus den zunächst angrenzenden klimatisch mehr begünstigten Gebieten her. Die Lage dieser Gebiete aber ist nach dem früher Mitgetlieilten nicht schwer zu errathen; für den hier besprochenen Theil der Alpen waren es die südlichen und öst- lichen Gelände, deren Flora sich Schritt für Schritt vorrückend in den tieferen Regionen einbürgerte. In dem Masse als klimatische Änderungen eintraten, welche den allgemeinen Rückgang der Gletscher bewirkten, rückte dem- nach den Gletschern zunächst die alpine Flora, dann die Fichteu- waldflora ^ und endlich auch noch die aquilonare Flora nach. 1 Um Missverständuissen zu begegnen, welche durch die Wahl einer anderen Bezeichnung für diese Flora hervorgerufen werden könnten, ge- brauche ich hier den Ausdruck Fichtenwaldtiora Flora der Diluvialzeit. 17 Bei der abwecbisluug-sreicheu Gestaltimg des Bodens uud der dadurch bedingten grossen Verschiedenheit der Temperatur und Feuchtigkeit, welche sich in den Alpen nicht selten inner- halb eines eng begrenzten Thaies zeigt, konnte es nicht fehlen, dass bei der mit dem Rückgange der Gletscher Hand in Hand gehenden Verschiebung der Floren hie und da Spuren der ver- drängten Pflanzenwelt in der Tiefe zurückgeblieben sind. An Stellen, wo der Schnee in Folge eigenthümlicher Terrainverhält- nisse so lange liegen bleibt, dass die Vegetation erst im Mai zur Zeit der langen Tage aus dem Winterschlafe erwachen kann, also beispielsweise an nordseitigeu Gehängen, in engen Thal- schluchten und auf kalten Moorgründen sind in der That alpine Pflanzen tief unterhalb der jetzigen alpinen Region keine Selten- heit und es Hessen sich hunderte von Punkten aufführen, wo die alpine Flora bis auf den heutigen Tag von den nachrückenden Floren nicht verdrängt werden konnte, wo sie gleichsam nur umgangen wurde und daher förmliche Enclaveu in einem anderen Florenreiche bildet. Auf der Diluvialterrasse an der rechten Seite des Etschthales unter der Mendel bei Bozen, in der Umgebung der sogenannten Eislöcher bei Planitzing wuchert das Gestrüpp des Rhododendron f'errufi'uu'nm, während in nächster Nähe die süssesten Trauben reifen und am Gehänge der Mendel Manna-Eschen, Hopfenbuchen und flaumhaarige Eichen einen dichten Waldbestand bilden. Im Innthale erhebt sich nächst dem Dorfe Mühlan bei Innsbruck ein kegelförmiger Hügel aus diluvialem Sand und Schotter. An der Nordseite desselben dicht unter der Kuppe stehen uralte Stöcke von Rho(lodcndro)i hiri (nach Stur, 1. c. S. 41 von '20cm), eine Breite von 8cm (nach Stur 6 fw); das kleinste bei einer Länge von 6 (nach Stur 9 — \Ocm) eine Breite von 2h cm. Die mittlere Länge beträgt 13, die mitt- lere Breite 4-3 rw. Auch an den Zweigen des reeenten ^//o^/o- (lendron Ponticmn sind die Blätter von verschiedener Länge; sehr kleine Blätter finden sich an der Basis der Äste (das kleinste beobachtete 5:2 cm), während unter der Bliitbentraube die Blätter ansehnliche Dimensionen erreichen (die grössten von mir beob- achteten 18:7). Aus Messungen von 43 Blättern ergibt sich ein Mittel von \'2-bcm für die Länge, von 4:2 cm für die Breite, welche Zahlen vollkommen mit den an den fossilen Blättern ge- fundenen übereinstimmen. Die Blattstiele der fossilen Pflanze zeigen eine Länge von 1 — 1 -8 fw,jene der recenten von 0-8 bis 2 • 2 cm. Von .arösster Wichtigkeit für die Bestimmung des Blattes ist die Ausbildung des Strangnetzes. An allen Handstücken tritt der kräftige, dicke Primärstrang (Medianus) in den Blättern der fossilen Pflanze hervor. Derselbe theilt das Blatt in zwei sym- metrische Hälften, durchläuft es allmälig sich verjüngend bis zur Spitze, tritt an der Blatttinterseite als kräftiger Kiel hervor und erreicht an den grössten Blättern au der Basis eine Dicke von 2"5 ww. Ausserdem kommen secundäre, tertiäre und quaternäre Stränge zur Ausbildung, von denen die ersteren ausgesprochen schlingenläufig, die übrigen netzläufig sind. Nur an wenigen Stücken ist die feinere Strangvertheilung zu beobachten; ich erwähne besonders das von Stur auf Taf, II, Fig. 2, abgebildete und das im Innsbrucker Universitäts-Cabinete befindliche. * Ich habe diesbezüglich den Beobachtungen Stur 's (1. c. p. 43) nichts beizufügen und verweise daher auf diese. Ein eingehender Vergleich der Strangvertheilung mit jener des recenten Rh. Ponticnm zeigt eine vollständige Übereinstimmung bis in die kleinsten Einzelheiten. Die Art des Strangverlaufes ist genau dieselbe und dass auch die Dimensionen vollkommen übereinstimmen, mag aus den nachfolgenden Beobachtungen 1 Mau vergleiche die auf Taf. I, Fig. 3, nach Stur dargestellte Strang- vertheilung des fossilen Blattes mit jener des recenten, von der Fig. 1 eine Darstellung gibt. Fig 1 wurde nach einer Photographie angefertigt, die ich der Güte meines Freundes F. v. Kerner verdanke. 46 R. V. Wettstein, hervorg-ehen, die sich insbesondere auf die Secundärstränge (Primärnerven Stur's, Secundärnerven Ettingshausen's) be- ziehen. Die Entfernung der Abzweigungsstellen der einzelnen Se- cundärstränge ist sehr verschieden. An den mir zu Gebote stehen- den Exemplaren der fossilen Blätter konnte ich 94 diesbezügliche Messungen ausfuhren, die eine durchschnittliche Entfernung von 11-7 mm ergaben. An dem von Stur aufTaf.I, Fig. 2, dargestell- ten Handstücke findet sich eine mittlere Distanz von ll-Smw. An recenten Blättern führte ich 180 analoge Messungen aus, die eine mittlere Entfernung von 11-4 mm ergaben. Ganz ähnliche Resultate ergaben Messungen der Winkel, welche die f^ecundärstränge mit den Primärsträngen einschliessen. Dieselben sind zumeist an der Blattbasis kleiner als an der Spitze, ohne dass sich eine Constanz in dieser Hinsicht bemerken liesse. Die grössten bei fossilen Blättern beobachteten Winkel betragen 62°, die kleinsten 40°, bei recenten Blättern finden sich Winkel von 39 — 64°. An 64 Beobachtungen an den ersteren er- gab sich ein Durchschnitts werth von 55° (nach den Abbildungen Stur's von 53°), 112 Messungen an lebenden Blättern führten zu einem Mittel von 54-5, woraus sich die Übereinstimmung beider Pflanzen wohl wieder auf das Überzeugendste ergibt. Die bisher angeführten Thatsachen führten zu dem Resul- tate, dass die Blätter der in der Höttinger Breccie häufigsten Pflanze vollkommen mit jenen des recenten Rh. Poiiticum überein- stimmen, dagegen unmöglich in irgend einer anderen Pflanzen- ordnung systematisch untergebracht, geschweige denn mit irgend einer anderen heute lebenden Art identificirt werden können. Die anderen von derselben Pflanze fossil erhaltenen Theile sind nicht dazu angethan, irgend eine Entscheidung herbeizuführen; sie stimmen vollkommen mit den gleichAverthigen Theilen des Bh. Potiticiim Uberein, ohne desshalb nur diesem angehören zu müssen. Hieher gehören die häufig mit den Blättern zusammen vor- kommenden Stammstücke und die von Stur aufgefundenen und auf Taf. I, Fig. 4 abgebildeten Hüllblätter. Über die von demselben 1. c. p. 41 beschriebenen und auf Taf. I, Fig. 9 abgebildeten muthmasslichen Blüthentheile enthalte ich mich jedes Urtheilcs, Bhododendrun Poitticum L. 47 da ich dieselben nicht untersuchte, solche Reste aber auch zahl- reiche andere Deutungen zulassen, daher mehr minder wcrth- los sind. Anschliessend mögen einige Bemerkungen hier Platz finden, die einerseits den Charakter der in der Höttinger Breccie fossil erhaltenen Flora kennzeichnen und anderseits die Bedeutung des Fundes für die Geschichte der Pflanzenwelt überhaupt andeuten sollen. Die Verbreitung des recenten Rh. Ponticum bietet einige interessante Thatsachen. ' Die Pflanze ist verbreitet in der Wald- region der pontischen Gebirge und des Kaukasus, und bewohnt ausser diesem grossen geschlossenen Verbreitungsgebiete ein Areale im südlichen Spanien ^ (Gebirge an der Strasse von Gibraltar, S. Morena, S. Monchik, Algarves). Die Erklärung dieser eigenthümlichen Verbreitung musste bisher bedeutende Schwierigkeiten bereiten, so dass Grisebach (Veget. d. Erde I, pag. 368) zu der Deutung Zuflucht nahm, dass man .,für diese die Gärten zierende Pflanze eine Verpflanzung nach Spanien durch die Araber für wahrscheinlich halten möchte". De Candolle vermochte (1. c. p. 1020) die Erscheinung nur durch zwei gleich wenig berechtigte Annahmen zu erklären, entweder durch mehr- malige Entstehung der Art an getrennten Orten oder durch den Untergang von Landtheilen, die von der Pflanze einst im Zwischengebiete (Mittelmeer) bewohnt wurden. Die Erscheinung, dass einerseits der südwestliche Theil Europas, anderseits Gebirge des fernen Orientes dieselben, in den dazwischen liegenden Gebirgen fehlenden Pflanzen beherbergen, gilt auch für einige andere Pflanzen; ich nenne nur Jmiiperus thurifera L., Geum heterocarpnm Boiss., Garidella Nnjellastrum L., Queria Hispanica Boiss., Mimrn'fia montana ho e ff., Hohen- ackerki hupleiivifoUa Fisch, et Mey., Cnllipeltis cuculhirla DC, Viscum cruciutum Lieb., Rochelia stellulata Reich., Anchiisa Orieiitalis L., Myosotis refrada Boiss., Campanula fastigiata Desf. u. a. 1 Vergl. De Cand., G6ogr. botan. I, pag. 162, 198, und Taf. II. 2 Rhododendron Baedcum ist nämlich zweifellos identisch mit Hfi. Ponticum. 48 R. V. Wettstein, Die heutige Verbreitung des Rh. Ponticum, sowie wohl auch der genannten anderen Pflanzen wird ganz erklärlich durch den Nachweis desselben in der Höttinger Breccie. Wir sind auf Grund dieses Fundes vollkommen berechtigt, anzunehmen, dass zur Zeit der Ablagerung, respective Bildung der Breccie Rh. Ponticum in den Gebirgen Mitteleuropas verbreitet war und die heutigen Fundorte der Pflanze nur mehr als die letzten Reste des ehe- maligen Verbreitungsbezirkes anzusehen sind. Die Auffindung des Rh. Ponticum in der Höttinger Breccie gibt uns aber nicht nur das Recht zu dieser Annahme, sondern die Betrachtung der übrigen Pflanzenfunde bringt uns zu der Überzeugung, dass damals überhaupt an den Thalgehängen nörd- lich von Innsbruck in einer Seehöhe von 1100 — 1200 m und darüber eine von der heutigen Flora vollkommen abweichende sich fand, die ihr Analogon in der heutigen Flora der Waldregion der pontischen Gebirge bei 400 — 1900 Meeresböhe hat. Nach K. Koch (^Reise d. Russl. u. d. Kauk. p. 129) finden wir heute Rh. Ponticum daselbst in Gesellschaft von Arten der Gattungen Taxus, Hex, Viburnum, Cornus, Rhamnus (Franyida), Carpinus, Ffu/us, Castnnea, Populus, Smilax etc. Ahnliches ergibt sich aus den Angaben F.allmerayer's (Fragm. a. d. Orr. I. Ed., p. 104), der als Genossen des Rh. Ponticum folgende Pflanzen angibt: Corylus, Vitis , Ficus, Juglans, Pyrus, Cornus, Rhamnus, Mespilus, Acer, Platanus, Quercus Ile.v, Ulmus, Fayus, Buxus u. s. w. Nach Grisebach (Veget. d. Erde I, pag. 341) herrschen in der Verbreitungszone des Rh. Ponticum Buchenwälder mit Coniferen (P. Orientalis L.) „mit einigen Sträuchern der Oleander- und Rhamnus-YoxmaiiiQw vor". Wenn wir nun versuchen, aus den fossilen Resten die einstige Gesellschaft des Rh. Ponticum am Gehänge der Solsteinkette zu reconstruiren, so finden wir zweifellose Arten der Gattung Rhamnus [Ulmus Braunii Heer nach Unger, Rh. Franyula nach Ettingshausen, Actinodaphne Franyula nach Stur), Acer (A. Pseudo-Platanus L., nach Ettingshausen, A. trilobatum A. Br. nach Unger), Fayus (silvatica L. nach Unger), Viburnum {Lantuna L. nach Ettingshausen), Hex (ylacialis E 1 1 i n g s h.) Salix, Carpinus (von mir aufgefunden), ferner zwei 7^/y/?/,s- Arten (davon stimmt die eine mit P. Oricntalis L. überein); also mit Rhododendron Ponticum L. 49 Ausnahme vou Salkv, durchwegs Arten, die heute noch der Pflauzengenossenschaft des Rh. Ponticum angehören. Nachstehende kleine Tabelle (vgl. Hahn, Handb. d. Klimat. p. 419 und 475 u. Temperaturverh. d. östl. Alp. in Sitzber, XCII, I, 1885) zeigt die Temperaturverhältnisse an Orten, die den heutigen Standorten des Rh. Ponticum zunächst liegen, im Ver- gleiche mit jenen von Innsbruck und jenen am Fundorte der Höttinger Breccie. Dieser Vergleich gibt auch eine Vorstellung der klimatischen Verhältnisse, die zur Zeit der Existenz des Rh. Ponticum in Nordtirol geherrscht haben müssen: Ort pq iz; Temperatur iu C. <1 Mittlere Jahres- temperatur Trapezunt Tiflis Gibraltar . Innsbruck 41-1 41-43 36 -G 47 • 16 39-45 44-47 5-21 11-24 Südgehänge der Solsteinkette . 23 430 15 574 1200 6-S 0-5 12-2 —3-1 -5-3 12-2 11-8 15-9 8-7 4-5 24-8 24-3 23-5 17-8 14-0 15-5 12-6 18-2 9-3 5-9 18-5 14-0 17-2 8-1 4-5 Auch die Schueeverhältnisse an dem heutigen Fundorte der Höttinger Breccie sind derart, dass sie beweisen, wie sehr sich die klimatischen Verhältnisse seit der Zeit, in welcher Rh. Ponti cum hier wuchs, geändert haben müssen. Nach F. V, Kerner (Unters, über die Schneegr. im Geb. d. mittl. Innth. in Denkschr. Wien. Ak. 1887) beträgt die Zahl der Schneetage 140 und reicht die schneefreie Zeit nur vom 3. Mai bis 21. October, Solche Schneeverhältnisse machen die Existenz einer Pflanze wie Rh. Ponticum unmöglich, die an ihren heutigen Standorten nirgends dauernder Schneebelastung ausgesetzt ist und in Folge dessen auch erst in Unter-Italien ohne Schutz während der Wintermonate in Gärten gedeiht und selbst in Orten mit Sitzb. d. mathem.-naturw. Cl. XCVII. Bd. Abth. I. 4 50 R. V. Wettstein, mildem Klima, die nördlicher liegen, wie Abbazia und Miramare nur an besonders geschützten Stellen den Winter unversehrt über- dauert. Gegenwärtig findet sich von den oben angeführten, die Ge- nossen des Rh. Ponticum bildenden Arten nur mehr Fagus sil- vatica an der Fundstätte der fossilen Flora, diejenigen der an- deren Pflanzen, welche der Flora von Innsbruck heute noch an- gehören, haben schon viel tiefer ihre Höhengrenze und die Arten, die ein wärmeres Klima beanspruchen, fehlen gäuzlich. Und doch finden wir in dem Gebiete heute noch einige Erscheinungen, die sich ungezwungen mit dem ehemaligen Vorherrschen einer der heutigen pontischen Flora etwa entsprechenden Vegetation in Zusammenhang bringen lassen, ja gerade nur dadurch ihre Er- klärung finden. Hiezu gehört vor Allem das schon von A. v. Kern er (in Österreich-Ungarn in Wort und Bild I, pag. 245) hervorgehobene, vereinzelte Vorkommen von Ostrya carpinifoUa am Fusse der Solsteinkette bei Innsbruck, das Auftreten östlicher Astragalus- Arten im oberen Vintschgau (Kern er 1. c), das merk- würdige Vorkommen der erst wieder in Südtirol häufig sich findenden Orchis pallens an einzelnen Punkten bei Hötting, die Inseln südöstlicher Pflanzen auf dem Mittelgebirge zu Innsbruck u. s. f. Und blicken wir weiter, so sehen wir in den Inseln medi- terraner Flora in den benachbarten Thälern der Schweizer Alpen, in den Buxus-Wäldern im Jura, in dem vereinzelten Vorkommen südlicher Pflanzen am nördichen Abhänge der österreichischen Alpen u. s. w., lauter Vorkommnisse, die in der obskizzirten Annahme ihre Erklärung finden und die genannten Pflanzen noch als die letzten Zeugen jener Zeit erscheinen lassen, in der Rh. Ponticum noch die Gehänge unserer Alpen zierte. Wenn ich schliesslich die wichtigsten Ergebnisse der vor- liegenden kleinen Untersuchung zusammenzufassen versuche, so lassen sich dieselben in folgenden Sätzen ausdrücken : 1. Die in der Höttinger Breccie fossil erhaltenen Pflanzenreste gehören, soweit sie bisher mit Sicherheit bestimmt wurden, durchwegs solchen Arten an, die noch heute leben. 2. Die von früheren Autoren für eine Daphne, Persea, Laurus, Actinodaphne etc. erklärte Pflanze ist identisch mit dem recenten Rhododendron Ponticum L. Rhododendron Poiiticvm L. Ol 3. Rh. Ponticum L. findet sich in der Höttinger Breccie mit solchen Pflanzen, die durchwegs heute noch mit demselben zusammen vorkommen und, wie dieses, heute in Nordtirol überhaupt, oder wenigstens an dem ehemaligen Standorte fehlen. 4. Das Vorkommen von Rh. Ponticum in der Höttinger Breccie, sowie der mit demselben gemeinsam erhaltenen Pflanzen beweist, dass zur Zeit der Bildung dieser Breccie an den Thalgehäugen von Innsbruck in einer Höhe von circa 1100 bis 1200 m eine Flora herrschte, die mit jener übereinstimmt, die sich heute in gleicher Höhe in den pontischen Gebirgen findet. Dies setzt aber voraus, dass in der angegebenen Zeit daselbst auch ein entsprechendes, milderes Klima war. 5. Aus der Art der Erhaltung der Pflanzenreste muss ge- schlossen werden, da^^s die Höttinger Breccie nicht durch allmälige Ablagerung, sondern durch Verschüttung ent- standen ist. Erklärung- der Tafel. Fig. 1. Blatt des reeenteu Rhododendron Ponticum L. in natürlicher Grösse nach einer Photographie. Die Abbildung stellt jene Blattforni dar, die sich am häufigsten findet. „ 2. Stück des Blattstrangnetzes eines fossilen Blattes. (Nach Stur, 1. c. Taf. I, Fig. 2.) „ 3. 5. u. 7. Blatttbrmen des receuten Rhododendron Ponticum L. 1/3 ver- kleinert. „ 4. G. u. 8. Blattformen des fossilen Rhododendron Ponticum L. V3 ^^i"' kleinert. 4 * 52 III. SITZUNG VOM 19. JÄNNER 1888. Der Secretär legt das erschienene IL Heft (Juli 1887) der II. Abtheilung (XCVI. Bd.) der Sitzungsberichte vor. Das c. M. Herr Prof. F. Exner in Wien dankt für die ihm gewährte Subvention behufs Vornahme von Untersuchungen über atmosphärische Elektricität auf Ceylon. Das c. M. Herr Professor L. Gegenbauer in Innsbruck übersendet eine Abhandlung: „Über ein Theorem von Herrn E. de Jonquieres". Das w. M. Herr Director J. Hann überreicht eine Abhand- lung von Dr. F. M. Stapff in Weissensee (b. Berlin) unter dem Titel: „Bodentemperaturbeobachtungen im Hinter- lande der Walfischbay". Der Vice-Präsident Herr Hofrath Prof. J. Stefan tiber- reicht eine für die Sitzungsberichte bestimmte Abhandlung: „Über thermomagnetische Motoren". SITZUNGSBEKICHTE DER ülSillCei IKiMlIE Di WISSiSCiAFTEi. MATHEMATISCH-JiATyRWlSSENSCUAFTLICIlE CLASSB. XCVII. Band. IL Heft. ABTHEILUNCt I. Enthalt ilie Abhandlungen aus dem Gebiete der Mineralogie, Krystallo- graphie, Botanik, Physiologie der Pflanzen, Zoologie, Paläon- tologie, Physischen Geographie und Reisen. 55 IV. SITZUNG VOM 3. FEBRUAR 1888. Der Secretär legt das erschienene Scblussheft des VIII. Bandes Nr. X (December 1887) der akademischen Mo- natshefte für Chemie vor. Se. Excellenz derk.k. Ackerbauminister Ubermittelt- ein Exemplar des auf seinen Befehl herausgegebenen Werkes: „Bilder von den Lagerstätten des Silber- und Bleibergbaues zu Pfibram und des Braunkohlen- Bergbaues zu Brüx. Das c. M. Herr Prof. L. Gegenbauer in Innsbruck Über- sendet eine Abhandlung: „Über Determinanten". Der Secretär legt folgende eingesendete Abhandlungen vor: 1. „Über die Nervenkörperchen des Menschen", von Herrn Prof. Dr. A. Adamkiewicz an der k. k. Universität in Krakau. 2. „Eine dritte Formel für den Umfang der Ellipse"^ von Herrn E. Seewald, Director der k. k. deutschen Lehrerbildungsanstalt in Prag. Das w. M. Herr Prof, v. Barth überreicht eine von Prof. H. Weidel in Gemeinschaft mit M. Bamberger ausgeführte Untersuchung: „Studien über Reactionen des Chinolins" (IL Abhandlung). Herr Prof. v. Barth überreicht ferner eine Abhandlung der Herren Prof. M. Nencki und N. Sieber in Bern: „Über das Hämatoporphyrin". Das w. M. Herr Prof. Ad. Lieben überreicht eine Abhand- lung von Dr. Ernst v. Bandrowski, Privatdocent an der k. k. Universität in Krakau: „Über Derivate des Chinonimids"- 56 Herr Dr. Nicolaus v. Konkoly aus Ö Gyalla (Ungarn) überreicht folgende zwei Abhandlungen: 1. „Das Objectivprisma und die Nachweisbarkeit heller Punkte auf der Mondoberfläche". 2. „Über das Hydroxylamin als photographischer Entwickler". Herr Dr. E. Grünfei d in Wien überreicht eine Abhandlung: „Über die Integration eines Systems linearer Diffe- rentialgleichungen erster Ordnung mit einer unab- hängig veränderlichen Grösse". Ferner überreicht Herr Dr. Grünfeld eine Abhandlung: „Über Systeme von integrirenden Factoren und Inte- gralgleichungen, welche zu einem Systeme linearer Differentialgleichungen erster Ordnung mit einer unabhängig veränderlichen Grösse gehören". Herr Dr. Gustav Kohn, Privatdocent an der k. k. Univer- sität in Wien, überreicht eine Mittheilung: „Über die Berüh- rungskegelschnitte und Doppeltangenten der allge- meinen Curve vierter Ordnung". Herr Dr. J. v. Hepperger, Privatdocent an der k. k. Uni- versität in Wien, überreicht eine Abhandlung: „Über die Fort- pflanzungsgeschwindigkeit der Gravitation". Herr J. Liznar, Adjunct der k. k. Centralanstalt für Meteorologie und Erdmagnetismus in Wien, überreicht eine Ab- handlung, betitelt: „Die tägliche und jährliche Periode d er Inclination". Selbständige Werke oder neue , der Akademie bisher nicht zu- gekommene Periodica sind eingelangt: Ackerbau - Ministerium, k. k. österr., Bilder von den Lagerstätten des Silber- und Bleibergbaues zu Pribram und des Braunkohlen-Bergbaues zu Brüx. Redig. von F. M. V. Friese. Mit 105 Gangbildern in Yg^ Natiirgrösse; 4" Atlas, hiezu: Profile und Pläne; gr. folio. Wien, 1887, Australian Museum, Descriptive Catalogue of the Medusae of the Australian Seas. I. Scyphomedusae. II. Hydromedusae. By R. V. Lendenfeld. Sydney, 1887; 8«. 57 Deutsche Naturforscher und Arzte, Geschäftsführung der 60. Versammlung zu Wiesbaden: Tageblatt vom 18. bis 24. September 1887. Redig. von W. Fresenius und E.Pfeiffer; 4» Festschriften: 1. Schlangenbad, Wild- bad und Waldluft-Ciirort, von Fr. Grossmann; 8" 2, Wies- baden als Curort, von E.Pfeiffer; 8". Wiesbaden 1887. Gemeinderath der Stadt Wiesbaden, Festschrift, dar- gebracht den Mitgliedern und Theilnehmern der 60. Ver- sammlung deutscher Naturforscher und Ärzte. Wiesbaden, 1887; 8'. (Rar ran de:), Systeme silurien du centre de la Boheme, Ouvrage posthume de feu Joachim Barrande. V''" partie: Recherches Paleontologiques, vol. VII. Classe des Echi- nodermes. Ordre des Cystidöes. Texte et 39 planches). Par W. Waagen. Prague, 1887. 4". 58 Über vergrünte Blüten von Viola alba Bess. von Dr. M. Kronfeld. (Mit 1 Tafel.) (Vorgelegt in der Sitzung am 12. Jänner 1888.) Im Frühlinge des Jahres 1887 erhielt ich vom Herrn Schiil- lehrer J. Ha ring in Stockerau bei Wien ein noch frisches Exemplar der Viola alba Bess. j3 scotophylla (Jord.), an welchem die Triebe der letzten Vegetationsperiode, einschliesslich der zu denselben gehörigen Blüten, in eigenthümlicher Weise deformirt waren. Mit besonderer Rücksicht auf die vergrünten und auf- gelösten Blüten soll diese Verbildung im Folgenden ausführlich beschrieben werden. Die beigegebene Tafel wird die wichtigsten Details zur Darstellung bringen. Viola alba gehört mit Viola odorata L., Viola austriaca A. et J. Kern, und anderen Arten in die Rotte der Acaules oder zweiachsigen Veilchen. Auf langen Stielen erheben sich die Blumen als Sprossungen zweiten Grades über das Laubwerk. Von Blüten war an dem Exemplar der Viola alba, welches die Unterlage dieser Untersuchung abgibt, zunächst nichts zu sehen. Erst nachdem die ausgewachsenen Laubblätter der vorjährigen Vegetationsperiode entfernt waren, wurden zwei den Auszwei- gungen des Rhizomes dicht aufsitzende Rosetten wahrnehmbar, welche in ihrem Innern die aufgelösten Blüten bargen. Voraus- gesetzt, dass eine dem Anscheine nach regellose büschelförmige Anhäufung von Blattgebilden, welche die beiden generativen Producte (Pollen, Ovula) aufwies, den Namen einer „Blüte" überhaupt noch verdiente. Jede Rosette bestand aus einer äusseren vegetativen und einer inneren generativen oder Blütenzone. Eine Abgrenzung der beiden Regionen war aber unmöglich, weil, wie sich alsbald M.K'roilt'chl : Viola .dba Jiess. \ Taf I 6'. Mi m t f%\ 7. ' t i /2. lO. -^ // ■fA-. a\ f3. (: s^t.d ^, ., ■;. Arist V ^n iJär.nwarth.A^vieii . Silzimssberichte «1 b^us. Ak;„l.l.W,ss. ii.alh.naüinv. Chisse. Bd.A'mi.AhtJi. 1.1888. Viola alba Boss. 59 zeigen wird, die Blattgebilde der Rosette sich nirgends sprung- weise, sondern nach allen Radien ganz allmählich und fort- schreitend metamorphosirt erwiesen. Da beide Rosetten sich wesentlich gleichartig aufbauten, so wird es genügen jene Verhältnisse zur Sprache zu bringen, welche bei der stufenweise und centralwärts erfolgten Zer- gliederung einer derselben klargelegt wurden. Nur so wird überflüssigen Wiederholungen von vorneherein begegnet werden können. Zu äusserst wurde eine Reihe schuppiger bleicher Nieder- blätter angetroffen. Dieselben unterschieden sich von den an der Basis des normalen Laubblattes(Fig.l)vorfindlichen Nebenblättern durch grössere Breite und unregelmässige Zahnung des Randes. Oft genug zeigten sich diese Niederblätter im Bereiche eines seitlichen Lappens (Fig. 2) oder zum grösseren Theile (Fig. 3) laubblaltartig ausgebildet, das heisst grün gefärbt und in anato- mischer Beziehung dem Nomophyllum ganz äquivalent. Dabei war die ehlorophyllhaltige Partie gegen den bleichen Theil des Blattes durchwegs scharf und geradlinig abgegrenzt. Analoge Gebilde, beziehungsweise Blättchen, welche zur Hälfte oder sogar zu drei Vierteln petaloid gestaltet waren und im Übrigen wegen ihrer grünen Färbung und deutlichen Behaarung einem Laubblatte gleichkamen, beobachtete ich gelegentlich an einer Chloranthie von Rosa iudicu. Während hier im Sinne Goethe's die rückschreitende Metamorphose angedeutet war, und ein Phyllom höherer Ordnung den Übergang zu einem solchen niedrigerer Stufe vermittelnd zur Schau bot, können die erwähnten Niederblätter von Viola alba als Beispiele der fortschreitenden („regelmässigen" ) Metamorphose bezeichnet werden. Die nun folgenden Phyllome der Rosette trugen in aus- gesprochener Weise Laubblattcharakter. Doch war die Spreite vom Blattstiele nicht so scharf geschieden, wie beim Laub blatte eines normalen Triebes, sondern dieselbe verlief allmählich in den breiten Stiel (Fig. 4). Nebenblätter waren entweder paarweise oder nur einzeln vorhanden, oder sie waren auch völlig unter- drückt. Die Spreite des dem äusseren Umrisse nach beiläufig spatelförmigen Blattes erschien zudem von den Rändern her eingebogen (Fig. 4) oder auch in Form einer geschlossenen 60 M. Kiouleld, Röhve eingerollt. Auffällig war die derbe, geradezu knorpelartige Consistenz dieser Randrolleu, ein Moment, welches, wie alsbald gezeigt werden soll, zu einem bestimmten Rückschlüsse über die Aetiologie der Verbildung von Viola alba erwünschte Gelegenheit bot. Es ist nämlich diese Blattrandrolhing von F. Thomas und F. Low als Cecidium der Viola silvestrls Lann. bezeichnet und für identisch mit der schon früher von Trail und Binnie auf Viola canina L, gefundenen Galle erklärt worden.^ Ferner beschrieb Calloni im Jahre 1886 vergrünte Blüten von Viola alba Bess, /3 scotophylla (Jord.), in deren Ovaren zahlreiche Larven einer der Cecidomyia Sisymbrii Schrank nächstverwandten Mücke zur Beobachtung gelangten.^ Und im gleichen Jahre fand Kieffer auf Viola silvestris Lam. besagtes Cecidium m Lothringen. Es gelang ihm auch das Insect zu ziehen, welches als Larve die Veilchen - triebe behaftet. Dasselbefindet sich bei Kieffer^ als Cecidomyia affinis neu beschrieben nnd darf wohl auch für den Urheber der uns beschäftigenden Deformation von Viola alba gehalten werden. Auch die weiter im Innern der Rosette betindlichen Blättchen wiesen eingerollte und knorpelartig verdickte Ränder auf (Fig. 5, 6). Die Einrollung des Randes ist in allen diesen Beispielen an und für sich durch die vernatio convolutiva des Veilchenblattes vorgebildet. Durch die Einwirkung des lusectes wird also die Rollung nur fixirt und gleichsam ausgesteift. Freilich muss bemerkt werden, dass auf dem Querschnitt durch ein in Knospenlage abgepflücktes Nomophyllum von Viola die Ränder sich in einer Spirale von mehreren Umläufen eingerollt zeigen, während die Rollung der Blattgebilde an der deformirten Viola alba kaum den vollen Umfang eines Kreises überschritt. Die in Fig. 5 und 6 dargestellten Phyllome ahmten in ihrer Gestalt ein Nomophyllum von Viola treffend nach. Nebst der mit Randrollen versehenen Spreite war ein deutlich abgesetzter Stiel und ein Paar von Nebenblättern zu unterscheiden. Um so 1 Cf. F. Low., Beiträge z. Naturgeschiclite der galleuerzeugenden Cecidomyiden. Verhandl. d. zool.-botan. Ges. in Wien, 1S86, S. 510. - Calloui, Larve di Cecidomyia suUa Viola etc. Rendicouti del Istit. Lombardo di Milauo, 1886, pag. 220—240. 3 Kieffer, Beschreibung neuer GaUmücken etc. Zeitschrift für Naturwissenschaften. Halle, 1886, S. 330—332. Viola alba Besä. 61 auffallender miisste daher die petaloide Färbung- und Consistenz dieser Blättchen erscheinen. Wie die anatomische Untersuchung lehrte, handelte es sich um eine Combination von Laub- und Blumenblatt in dem Sinne, dass den äusseren Formen des ersteren der anatomische Bau des letzteren entsprach. Die fortschrei- tende Metamorphose drückte sich also in der Structur, in den Gewebe- und Zellenformen des Phylloms aus, ohne die äussere Form desselben merklich beeinflusst zu haben. Der Rand erschien entweder mit fein zugespitzten dreieckigen Zähnchen (Fig. 5) oder mit seichten Wellungen (Fig. 6) versehen. Nur ganz vereinzelt kamen unter diesen uacli Eichlers Terminologie in die Rangstufe der Hypsophylla zu reihenden Gebilden, wirkliche Petala vor (Fig. 7). Doch waren dieselben ausnahmslos ungespornt. AVährend Calloni und. soviel aus seinen Bemerkungen zu entnehmen ist, nicht minder Kieffer, deformirte rio/a-Blüten antrafen, bei denen die diagrammatischen Verhältnisse als solche nicht erheblich gestört waren, war die VergrUnung in unserem Falle so weit vorgeschritten, dass, wie bereits erwähnt wurde, von einer Blüte als einem abgeschlossenen Organcomplexe nicht die Rede sein konnte; ja nicht einmal über die Frage, ob eine oder mehrere Blüten in jede Rosette aufgegangen seien, liess sich etwas Thatsächliches ermitteln. Genug an dem, dass die Anzahl der Pollenblätter mindestens für zwei Blüten im Centrum jeder Rosette sprach. Durch seine „Beiträge zur Kenntniss der Antherenbildung" hat Engler' überzeugend dargethan, dass alle Metaspermen, anlangend die Erscheinungen in der Ausbildung und Beschaffen- heit der Pollenbehälter, sich auf einen gemeinsamen Gruudtypus zurückführen lassen: ,,überall werden zwei vordere und zwei hintere Antherenfächer angelegt und jede Antherenhälfte besteht aus einem vordem und einem hintern Antherenfach, es gibt bei den Metaspermen weder Antheren, deren sämmtliche Fächer auf der morphologischen Oberseite, noch solche, deren sämmtliche 1 In Pringsheim's Jahrbüchern für wissenschaftl. Botanik, 1875, S. 306 ff. 62 M. Kroufeld, Fächer auf der morphologischen Unterseite liegen." Wenn daher die Autheren au dem verwachsenen Pollenblatt der normalen Viola-Blüte so ausgesprochen einseitig, und zwar an der gegen die Blütenachse gerichteten ebenen Fläche, in Erscheinung treten (Fig. 8), so muss man sich vorstellen, dass dieselben an den Flanken des Pollenblattes ursprünglich entstanden sind und erst durch spätere Wachsthumsverhältnisse auf die Innenseite ge- schoben wurden. Übrigens stellen die beiden Anthereu der Länge des Organ es entsprechend orientirte Säckchen dar, die sich mit Längsrissen öffnen und gegen die nur wenig verjüngte Basis des Stamen ein wenig divergiren. Nach oben geht das Pollenblatt in eine dünnhäutige Zellenfläche über, welche nach Art einer Tiara zugeschnitten ist und sowohl wegen-der Structur als auch wegen der lebhaft grünen Färbung an das Blatt eines Laubmooses erinnert. Dieser Anhang oder Appendix wird allgemein für eine Erwei- terung des freien Connectivalendes angesehen.^ Der besonderen Formverhältnisse halber erinnert das Ötameu von Viola an jenes gewisser Coniferen, so besonders von Sciadopitys verticillata S. et Z., wie aus der Vergleichung von Fig. 8 mit der Reproduction des Stamen der Schirmtanne in Engler-Prantl's „Natürlichen Pflanzenfamilien", IL Theil, I. Abtheilung, S. 85 (Fig. 41«, b) ohne Weiteres erhellt. Es verdient hervorgehoben zu werden, dass zwei im Systeme so weit entfernte Gattungen wie Viola und Sciadopitys äusserlich gleiche Pollenblätter besitzen. Die beiden im Diagramme als „vorderen" anzusprechenden Polleublätter von Viola tragen auf ihrer Rückenseite einen verhältnissmässig langen schwertförmigen Fortsatz (Fig. 9). Das Paar der Fortsätze reicht in den Sporn hinein, welchen das vorderste Petalum formirt und enthält das Nectargewebe. Nach Jürgens ^ wird der Nectar durch die stumpfconischen Papillen (Fig. 9) abgesondert, welche dem freien Ende des Fortsatzes in 1 Besonders mächtig ist der Conuectivfortsatz bei dem Violaceen- Genus Alsodeia entwickelt. Daj^egen stellt er bei Amphirrhox nur ein schmallineares Züngelchen dar. (Cf. Eichler, Violaceae in Martius, Flora Brasil. XllI, 1, Tab. 77, 75.) Das Genus Viola nimmt zwischen diesen Extremen eine vermittelnde Stellung ein. ' Jürgens bei Behrens, ct. Anm. i auf der folgenden Seite. Viola alba Bess. ()3 dichter Flucht aufsitzen und dasselbe wie mit einer Mütze bekleiden. Diese Papillen erscheinen, wie die mikroskopische Untersuchung lehrt, besonders an der unteren Schneide des Fortsatzes gehäuft und kräftig entwickelt; sie werden daselbst bis zu 0-0G5 ww lang-. Wie Behrens • angibt, sind die Papillen mit einer dicken Cuticula versehen, welche unregelmässige leisten- förmige Verdickungen aufweist, und daher kommt es, dass die- selben bei schwächeren Yergrösserungen gekörnelt erscheinen. Ähnliche Ausstülpungen hat Stadler^ vom Nectarium der Diei-- villa roftea Lindl. beschrieben und abgebildet. Diesem kurzen Excurse über die normalen Gestaltungs- verhältnisse der Staminen von Viola (nlbd ß scotophylla) möge sich die Erörterung jener Veränderungen anschliessen, welche die Pollenblätter in den Rosetten von Viola alba wahrnehmen Hessen. Hiebei wird es sich empfehlen: erstens die den „hinteren" Gliedern des Androeceums entsprechenden, und zweitens die „vorderen", mit Nectarien versehenen Staminen vorzunehmen. Die hinteren Staminen wiesen durchwegs basale seitliche Sprossungen auf (Fig. 10, Fig. 11). Dieselben traten entweder einseitig und asymmetrisch (Fig. 10) oder aber paarweise und symmetrisch (Fig. 11) auf. Ihrer Natur nach konnten diese Sprossungen als Staminodien gelten. Denn der dreieckige Appendix des normalen Stamen bildete auch an diesen Gebilden das obere Ende. Antheren waren nicht zu erkennen. Das ganze Staminodium formirte eine Rinne oder Hohlkehle, die sich seitlich am Rande des eigentlichen Pollenblattes einfügte und in den lebhaft grünen Appendix ausging. Dieser erschien nach abwärts durch eine quere Demarcationslinie vom unteren bleichen Theile des Staminodiums strenge geschieden. Das Pollenblatt als solches zeigte sich nicht eben erheblich alterirt. Es war der Länge nach seicht rinnenförmig eingebogen und im Ganzen von jener knorpel- artigen Consistenz, die als Detail bei den Blättern niedrigerer Metamorphosenstufe in der Rosette, bereits oben zur Sprache kam. An Stelle der Antheren fanden sich harte callöse Randwülste vor, in deren Inneren weder von ausgebildeten Pollenzellen noch 1 Die Nectarien. Flora, 1879, S. 240, Tab. II, Figg. 11—14. 2 Beiträge zur Keimtniss der Nectarien. Berlin, 1886, S. 63, Fig. 147. 64 M. Kronfeld, auch von Mutterzellen etwas zu erkennen war. Der Appendix zeigte nicht die geringste Abweichung von der Norm, es sei denn, dass er entsprechend der vom Stamen gebildeten Rinne gleichfalls rinnenförmig gestaltet war. Die grundständigen Anhänge des Pollenblattes, auf welche wir zurückzukommen haben, könnte man für collaterale Spros- sungen des Stamen erklären, oder aber dieselben als Nebenblatt- bildungen auffassen. Zu Gunsten der letzteren Auffassung scheinen mir zwei wichtige Gründe zu sprechen. Erinnern wir uns vor allem der in Fig. 5, 6 abgebildeten Formationen, die als Hypsophylla angesprochen wurden und thatsächlich die Gestalt des Laubblattes mit der Structur des Petalum verbanden, stellen wir ferner diese Gebilde mit dem Stamen in Fig. 11 zusammen, so gelangen wir zwanglos zur folgenden Analogisirung : Hochblatt Pollenblatt Spitze Appendix Spreite Antherentragende Fläche Randrollen Callöse Randwülste (Antheren^) Stiel Verschmälerte Basis Nebenblätter Staminodiale Anhänge. Unter Heranziehung teratologischer Objecte lässt sich also erschliessen, dass in dem Stamen von Viola sämmtliche Bestandtheile eines Nomophyllum, näm- lich Spreite, Stiel und Stipeln enthalten sind; die Scheide ist als blosse Verbreiterung des unteren Endes füglich zu vernachlässigen. In diesem Sinne dürfen die stamino- dialen Anhänge (Fig. 10, Fig. 11) unmittelbar mit Nebenblattbildungen verglichen werden. Dass sie mit- unter nur einseitig erscheinen (Fig. 10) ist von keiner weiteren 1 A. P. de Caudolle stellte sich die Antheren als EiuroUuugen der seitlichen Spreitenpartien vor. Diese Deutung findet in den entwicklungs- geschichtlichen Verhältnissen (cf. Engler, Beiti-äge etc.) eben so wenig eine Stütze, wie die bekannte Überspreitnngstheorie Celakovskj^'s. Lässt man diese als scharfsinnigen Beitrag zur speculativen Morphologie gelten, wie beispielsweise Engler in den „Natürl. Pfianzenfamilien" (IL Theil, L Abth., S. 147) verfährt, so dürfte vielleicht auch A. De Candolle's Ansicht nicht ganz von der Hand zu weisen sein. Jedenfalls würde die obige Zusammenstellung für dieselbe sprechen. 1 'iola alba Boss. 6o Bedentuug, denn auch an dem Nomo])hyIlum von Viola findet sich öfters ein Nebenblatt unterdrückt. Basalen Anhängen, die als Stipeln aufgefasst werden, begegnet man bekanntlich auch an den Pollenblättern von Allium, Ornithof/alum und der meisten Lauraceen. Bei Persea sind diese Anhänge sogar staminodial ausi:ebildet und decken sich daher ganz mit den Befunden an vergrünten F/o/a-Staminen. • Betreffend die Deformationen der mitNectarienfortsätzen aus- gerüsteten vorderen Staminen verweisen wir auf die Figuren 12 und 13. Das Pollenblatt selbst war kahuförmig gestaltet und mit zugeschärften Rändern versehen. Mit Ausnahme des häutigen, abermals nicht wesentlich veränderten Appendix, erschien es knorpelartig ausgesteift. Der freie Eand des in Fig. 12 dar- gestellten Pollenblattes zeigte seichte, abgerundete Randkerbe, welche zwar Ovula-Anlagen eines Carpides mit marginaler Placentation in Erinnerung riefen, jedoch mit Rücksicht auf ihre kümmerliche Entwicklung nicht mit Bestimmtheit als solche gedeutet werden konnten. Es wäre jedenfalls von Interesse bei einer neuerlichen Untersuchung vergrünter F/o/a-Blüten nach dem Vorkommen von Eichen an den Pollenblättern zu fahnden, wie es bei Sempervivum teciorum öfters beobachtet und beschrieben wurde, so von Petit -Thouars^ und neuerdings von Engler.^ Umgekehrt hat man wieder auf Carpiden Pollensäokchen („antheroide Ovula") angetroffen, wofür nur der Fall von Sapo- naria als Beispiel angeführt sei.* Derartige Fälle verdienen als Bestätigungen der auch entwickluugsgeschichtlich erhärteten Homologien zwischen Stamen und Carpid.^ beziehungsweise deren Producten, vorzüglich beachtet zu werden. DerNectarienfortsatz erschien zu einem löffelartigen Gebilde umgestaltet, welches das freie Ende nicht im Winkel nach abwärts, sondern nach aufwärts richtete und mit seiner Aus- höhlung gegen den Rücken des Pollenblattes sah (Fig. 12, 13). 1 Cf. Meissner, Lauraceae in Martins, I. c. V, 2, Tab. 54. - Cf. A. de CandoUe, Organographie, übers, v. Meissner, . 480. 3 Beiträge etc., S. 309 ff., Tab. XXIV. 4 Kronfeld, Studien zur Teratologie der Gewächse, I. 5 Cf. Engler, 1. c. Sitzb. d. mathem.-naturw. Cl. XCVII. Bd. Abth. I. 5 66 M. K r ü f e 1 d , Die Papillen waren nirgends zur Ausbildung gelaugt. Der Neetarienfortsatz präsentirte sieb daber deutlicb als seriale Sprossung des Pollenblattes oder als Aus- zweigung desselben, und zum Vergleicbe Hess sieb am besten jenes Verbältniss lieranzieben, welcbes zwiscben dem frucbtbaren und unfrucbtbaren Wedel von Botryc/i iu m oder Ophiof/lo s s u m b e s t e bt. Nocb ist zu erwähnen, dass auch eines der beiden vorderen Pollenblätter (Fig. ]3) staminodiale Anbänge der oben bespro- chenen Art besass. Da das Pollenblatt von der Seite her (im Profile) zur Anschauung gebracht ist, zeigen sich die Staminodien coulissenartig hintereinander gestellt. Eine Stelle Callonis^ lehrt, dass diesem Autor ein analoges Vorkommniss aus einer kleistogamen und vergrünten Vlohf olbd-Blüte zu Gesichte kam. Das Centrum der Rosette war durch eine knopfförmige Erhebung der Achse markirt. Die rudimentären Carpide erschienen mit dieser Protuberanz so innig verwaclisen, dass meist nur Fragmente derselben losgelöst werden konnten. Nur einmal gelang es eines verhältnissmässig grösseren Carpidenstückes habhaft zu werden, welches auch über die Placentatiou Aufsehluss gab. Dieses Stück (Fig. 14) entspricht der oberen Hälfte oder den oberen zwei Dritteln eines normalen Fruchtblattes. Es ist nach Art einer Hohlkehle geformt, von überaus zarter petaloider Structnr, und trägt an dem linken einwärts geschlagenen Rande deutliche Eichenanlagen, die, wie die Untersuchung mit stärkerer Vergrösserung darthat, über die meristematische Stufe noch nicht hinaus gelangt waren. Der Hauptnerv des Carpides zeigt sich dem einen Seitenrande mehr genähert als dem andern. Im Gegensatze zur parietalen Placentation der normalen F/o/r/-Blüte, lag also hier ausgesprochen marginale Placentation vor. In der Familie der Cistaceae, die mit den Violaceae in die Reihe der Cistiflorae (nach Eicbler's Umgrenzung) gehören, weist das Genus Helianthemum parietale, Cistus dagegen marginale Anheftung der Eichen auf.^ Jenes teratologische Object lehrt, dass beiderlei Verhältnisse bei Viola vorkommen können, und dass überhaupt Schemata, die von dem 1 1. c, pag. 236. ■i Cf. Eicliler, Blntendiagramme, TT, S. 230, Fig. 9i\ Viola alba B e 8 s. 67 Diagramme der normalen Blüte abgenommen werden, sich in Vergrliniingen erlieblich alterirt zeigen. Hiemit stimmen die Erfalu-ungen zusammen, welche der Verfasser dieser kleinen Untersuchung, mit Bezug auf Saponaria und Juglans bekannt- iremacht hat. Erklärung der Abbildungen. Sämmtliehe Figuren stellen Details von Viola alba Bess. /3 scotophylla (Jord.) dar. Die mit einem Sternchen (*) bezeichneten Objecto stammen aus einer deformirten Rosette. Fig. 1. Laubblatt (NomophiiUum) eines normalen Triebes mit Spreite, Stiel und Nebenblättern. Nat. Grösse. „ 2*, 3*. Niederblätter (Cataphi/lla) ; ersteres rechts, das zweite links von der Linie a — b laubblattartig ausgebildet. Nat. Grösse. j, 4*. Laubblatt; spateiförmig, mit eingebogeneu Seitenränderu. Nat. Grösse. „ 5*, 6*. Bi/psophi/lla; von petaloider Structur, mit sämmtlichen Theilen eines Nomophyllum. Nat. Grösse. „ 7*. Einzelnes Petalum. Nat. Grösse. 25 „ 8. Pollenblatt (hinteres) einer normalen Blüte. Vergr. — . „ 9. Pollenblatt (vorderes) mit Nectarienfortsatz einer normaler Blüte. ,, 25 Vergr. —. 25 „ 10*. Pollenblatt (hinteres) mit einseitigem Staminodialanhang. Vergr. —• '?5 „ 11*. Ein eben solches mit paarigem Staminodialanhang. Vergr. — . „ 12*. Pollenblatt (vorderes) mit metamorphosirtem Nectarienfortsatz. ir 25 Vergr. y- „ 13*. Ein eben solches mit Nectarienfortsatz und paarigem Stamiuodial- 25 anhang. Vergi*. — . „ 14*. Carpid mit asymmetiischem Hauptnerv und einseitiger marginaler Placentation. 5* 6S V. SITZUNG VOM 9. FEBRUAR 1888. Das w. M. Herr Hofrath Prof. E. Ritter v. Brücke über- sendet eine für die Sitzungsberichte bestimmte Abhandlung : ,,Über die optischen Eigenschaften des Tabaschir". Herr P. C. Puschl, Stiftscapitular in Seitenstetten, über- sendet eine Abhandlung: „Über die Wärmeausdehnung der Gase". Herr Bernhard Schaufler, Supplent an der k. k. Oberreal- schule in Sechshaus (Wien), übersendet eine Abhandlung, be- titelt: „Beiträge zur Kenntniss der Chilopoden". Der Secretär legt eine Arbeit aus dem chemischen Laboratorium der k. k. technischen Hochschule in Wien von Dr. R. Benedikt und E. Ehrlich vor, betitelt: „Zur Kennt- niss des Schellacks" (I. Mittheilung). Das w. M. Herr Prof. v. Barth überreicht eine Arbeit: „Über die Entstehung einiger Phenylchinolinderi- vate", von Prof. H. Weidel und G. v. Georgievics. Der Vicepräsident Herr Hofrath Prof. Stefan überreicht eine für die Sitzungsberichte bestimmte Abhandlung: „Über die Herstellung intensiver magnetischer Felder". Der k. k. Oberstlieutenant des Artilleriestabes Herr A. V. Obermayer überreicht eine Abhandlung unter dem Titel: „Versuche über die Elmsfeuer genannte Entladungsform der Elektricität". Herr J. Teufelhart, k. k. Ober-Postcontrolor und Leiter der Staatstelegraphen-Lehrcurse in Wien, überreicht eine Mit- theilung unter dem Titel: „Die Entstehung des Nord- lichtes und die Ursachen der Sichtbarkeit desselben in unseren Breitegraden". 69 Über die optischen Eigenschaften des Tabaschir E. Brücke, w. M. k. Akiid. (Mit 1 Holzschnitte.) Ferd. Cohn hat im IV. Bande (1887) seiner Beiträge zur Biologie der Pflanzen eine eben so lehrreiche als gelehrte Ab- handlung über Tabaschir veröffentlicht. In derselben sind die Angaben, welche Sir David Brewster seinerzeit über die opti- schen Eigenschaften (Phil. Trans. Roy. Soc. of Louden 1819, Bd. I, pag. 283 und Scbweigger's Jahrbuch der Physik und Chemie, Bd. XXII [Jonrn. für Chera. und Phys., Bd. LH] S. 412. Letzteres Übersetzung von Kämtz aus dein Edinburgh Journal of Science Nr. XVI, S. 285) dieser merkwürdigen Substanz machte, reprodiicirt. Seine Angaben, so alt sie sind, müssen noch jetzt ein lebhaftes Interesse erwecken, aber sie bedürfen eines Commentars. Was den Leser zuerst stutzig macht, ist das unglaublich niedrige specifische Brechuugsvermögen (absolute refractive power), welches Sir David für Tabaschir findet. Er formt aus der durchsichtigen Varietät mehrere Prismen ' und findet mit 1 Brewster spricht an der betreffeuden Stelle nur von einem Prisma, aber er bestimmte den Brechung-sindex von fünf Stücken, ohne anzugeben, dass er sich bei der Bestimmung einer anderen Methode bedient liätte. Anifallend ist nur, dass er darunter „a harder and raorc opaque si)ecimen" aufzählt, dessen Brechungsindex er = 1-1825 fand. Erst später an einer anderen Stelle (Scbweigger's Jonrn. 1. c. S. 425) sagt er, dass er den Brechungsindex in einem Falle nach dem Winkel der grössten Pola- risation bestimmt habe. 70 E. Brücke, denselben den Brechinigsindex r= 1-1115 bis 1-1535. Dieser Brechungsindex sei m. Er dividirt dann m^ — 1 durch das speci- fische Gewicht, wie es erhalten wurde, wenn man den lufthaltigen Tabaschir in der Luft und dann mit Wasser durchtränkt im Wasser abwog. Es war dies 2*412. Merkwürdig ist, dass er hievon nicht abzubringen war. Er erzählt, dass ein ausgezeich- netes Mitglied der Koyal Society ihm gesagt habe, er müsse statt dessen 0-66 (das spec. Gewicht des lufthaltigen Tabaschir als Ganzem) nehmen, aber er habe es vorgezogen bei dem unmittel- baren Resultate des Versuches zu bleiben. Man würde aber irren, wenn man glauben würde, Brewster sei über seinen Gegenstand so sehr im Unklaren gewesen, wie es hiernach scheint. Gegen das Ende seiner Abhandlung in den Phil. Trans., welche die Form eines Briefes an Sir Joseph Banks trägt, spricht er von dem Verhalten eines kreidigen (opaken, chalky) Stückes Tabaschir, das in Bucheckernöl durchsichtig wurde, aber nicht in Wasser und auch nicht in Cassiaöl. Es zeigte bei einer gewissen Temperatur des Buchöls das Maximum der Durch- sichtigkeit und Brewster schliesst mit Eecht, dass hier die Brechungsindices des Buchöls und der festen Substanz des Ta- baschir möglichst gleich sein mussten. Er schätzt diesen auf 1-5, während er früher den Brechungsindex des Tabaschir als eines Ganzen zu 1-1115 bis 1*1825 gefunden hatte, und ganz zuletzt sagt er: „Hence we may draw the important inference, of which we have no other example in physics, that the taba- cheer and its included air exercise a Joint action upon light, in the same manner as if they were in a State of chemical union." Dass die Prismen aus lufthaltigem Tabaschir so geringe Ablenkungen gaben, war an sich nicht wunderbar. Die Licht- wellen konnten nur Verzögerungen erleiden nach Massgabe der Dichtigkeit der Medien, in denen sie fortsch ritten, und nach Massgabe der Weglängen, welche sie in denselben zurücklegten, aber die Frage muss erörtert werden, wie es denn möglich, dass das Tabaschirprisma noch durchsichtig war, dass nicht alles Licht reflectirt wurde bei den zahllosen Übergängen aus Luft in Kiesel und aus Kiesel in Luft. I Optische Eigenschaften des Tabcaschir. 71 Das Material, mit welchem ich arbeitete, war calcinirter Tabaschir aus derselben Quelle, Dr. Schuchardt in Görlitz, aus der auch Prof. Co hu seinen Tabaschir bezogen hatte. Es war darunter kein Stück so durchsichtig, dass es zu einem Prisma hätte verwendet werden können. Auch unter dem uncalcinirten Tabaschir, den ich von Herrn Dr. Schuchardt erhielt, war kein solcher, obgleich letzterer die Gefälligkeit gebabt hatte, die diirchsichtigsten Stücke für mich auszusuchen. Indessen bürgt Brewster's Name dafür, dass er solche Stücke besass, und dann gil)t es für ihre Durchsichtigkeit meiner Ansicht nach nur eine Erklärung: Die Partikeln von Kiesel und Luft, welche in diesen Stücken abwechselten, mussten ungewöhnlich klein und un- gewöhnlich gleichmässig sein. In einem trüben Medium gibt es nur zwei Ursachen, welche es einem durchsichtigen annähern, das heisst, welche die Menge des unregelmässig reflectirten und verstreuten Lichtes, relativ gering sein lassen, erstens die Klein- heit des Unterschiedes im Brechungsindex des trübenden Me- diums und des getrübten, oder die Kleinheit und Gleichmässig- keit der trübenden Theilchen. Die Wechsel des Mediums müssen so rasch aufeinander folgen , dass die zwischen ihnen liegende Zeit nur einen kleinen Bruchtheil von der Schwingungsdauer der Lichtvibrationen ausmacht. In einer Abhandlung über die Farben, welche trübe Medien im auffallenden und durchfallenden Lichte zeigen, • habe ich beschrieben, wie man eine Flüssigkeit erhalten kann, welche so durchsichtig ist und die Contouren der Gegen- stände im durchfallenden Lichte so wohl erkennen lässt, dass man ihren Brechungsindex in einem Hohlprisma sehr wohl würde bestimmen können, und die dennoch im gewöhlichen Sinne trüb ist, indem sie von dem auffallenden Lichte eine beträchtliche Menge aus ihrem Innern zurückgibt. Man tröpfelt nämlich eine Lösung von einem Gewichstheile Mastix in 87 Gewichtstheilen Weingeist in Wasser, das man in heftiger Bewegung erhält, so lange bis dasselbe opalescirend wird und in auffallender Tagesbeleuchtung eine reichliche Menge von bläulichem Lichte reflectirt. Aber hier sind die Bedineunoen 1 Diese Berichte IX. 530. Jalirgang 1852. Daraus in Pogg. Ann. LXXXVlll, S. 363. 72 E. B r ü c k e , für die Durchsichtigkeit viel günstiger, denn hier wechselt nur der Index von mit etwas Alkohol vermischtem Wasser mit dem von Kugeln, die aus Mastix bestehen, der eben noch so viel Alkohol zurückgehalten hat, um mit demselben Tropfen zu bilden, im Tabaschir dagegen wechselt der Brechungsindex von Luft mit dem der festen Substanz des Tabaschir. Wenn der letztere also nicht soviel Licht zerstreut reflectiren soll, dass er dadurch undurchsichtig wird, so müssen die trübenden Theilchen viel kleiner sein. Wenn man ein Newton' sches Farbenglas im auffallenden Tageslichte betrachtet, so sieht man, dass der Über" gang vom centralen dunklen Flecke zum ersten hellen Ringe kein plötzlicher, sondern ein allmäliger ist. Es ist dies eine bekannte und theoretisch hinreichend erörterte Erscheinung, welcher ich hier nur erwähne, um in Erinnerung zu bringen, in welcher Weise der Abstand der reflectirenden Flächen in Betracht kommt und auch da in Betracht kommt, wo das eine Medium Luft, das andere Glas oder ein anderes stark brechendes Medium ist. Als ich vor 36 Jahren die oben erwähnte Abhandlung schrieb, glaubte ich noch die Farbe des zurückgeworfenen Lichtes neige zum Violett, w^enn die trübenden Theile sämmtlich sehr klein seien, weil ich an der Haut des Chamäleons als Farbe trüber Medien die violettblaue Farbe der als Aquarellfarbe bekannten Neutraltinte beobachtet hatte; aber ich bin dieser Erscheinung sonst nirgend begegnet, und aus den Bedingungen für die Ent- stehung der Farben trüber Medien lässt sie sich selbst für die kleinsten trübenden Theilchen nicht mitNothwendigkeit herleiten. Diese Bedingungen sind zwei: Die erste ist die Ungleichheit in der Zusammensetzung des reflectirten und des durchgelassenen Lichtes,. insoweit sie ledig- lich als Folge der zahlreichen Reflectionen erscheint. Ich habe dieselbe schon in jener Abhandlung aus den Formeln für die Intensität des reflectirten und für die Intensität des gebrochenen Strahles hergeleitet, und es sind seitdem so ausführliche Rech- nungen darüber veröffentlicht worden, dass ich hier nicht weiter darauf zurückzukommen brauche. Die zweite ursächliche Bedin- gung liegt in den Interferenzen, zu welchen es sowohl zwischen den reflectirten als auch zwischen den gebrochenen Strahlen kommt. Allerdings sollte man auf den ersten Anblick meinen, Optische Eigeuschafteu des Tabaschir. < 3 dass diese das reflectirte Licht umsomehr violett macheu mUssteii, je rascher die Reflexionen aufeinander folgen, wenn man aber die rasche Zunahme der Lichtintensität vom Violett zum Grün be- rücksichtigt, welche auch das Normalspectrum zeigt, und wenn man auch bedenkt, dass Violett und Grün in gleichen Intensitäten auf der Netzhaut gemischt blau geben, so lässt sich eben über die resultirende Farbe nichts anderes aussagen, als dass sie zum Blau neigen müsste, indem das kurzwellige Licht in ihr vorherrscht. Dies muss also auch gesciiehen, wenn die Abstände, in denen die Reflexionen stattfinden, einander noch näher rücken, nicht nur als eine Viertelwellenlänge des grünen und des blauen, sondern auch des violetten Lichtes, ja selbst wenn deren Abstände auch nur noch einen kleinen Rruchtheil der Wellenlänge irgend eines sichtbaren Lichtes betragen, und das letztere müssen wir beim durchsichtigen Tabaschir annehmen. Freilich könnte die Durchsichtigkeit auch bei etwas grös- seren Abständen bestehen, aber dann müsste die Zahl der trüben- den Theile gering sein, was nothwendig voraussetzen würde, dass von den beiden Medien, die im Tabaschir gemengt sind, Luft und feste Kieselsubstanz, das Gesammtvolumen des einen sehr klein sein müsste gegen das Gesammtvolumen des anderen. Das ist nun aber erfahrungsgemäss nicht der Fall. Brewster sagt, der Raum, welchen die Poren einnehmen, verhält sich zu dem von der festen Masse ausgefüllten nahe wie 272 zu 1. ' Li einem opaken Tabaschir wurden 2-307 Vol. Luft auf IVol. fester Substanz gefunden, in einem durchsichtigen Tabaschir aber 2-5656 Vol. Luft auf 1 Vol. fester Substanz. Das in Rücksicht auf Durchsichtigkeit denkbar ungünstigste Verhältniss würde erreicht sein, wenn die Zeiten, welche das Licht während seines Durch- ganges in Luft und in fester Substanz zubringt, gleich wären, wenn also die Weglängen in der Luft dividirt durch die Weg- längen in fester Substanz den Brechungsindex der letzteren gegen 1 Schweiggers Jahrbuch d. Chem. u. Phys. Bd. XXII. (Bd. LH von .Sc hweigger's Journal) p. 413 aus dem Edinburgh Journal of scieuce, Nr. XVI. 74 E. Brücke, Luft geben würden, aber alle Verliältnisse sind ung-iinstig, so lange nicht das eine Volum sehr klein ist gegen das andere. Es kann also nur durch die Kleinheit der Abstände, in welchen die Reflexionen aufeinander folgen, ermöglicht werden, dass trotz ihrer grossen Zahl so wenig Licht unregelmässig zerstreut wird, dass ein solches Stück Tabaschir noch durchsichtig und für An- fertigung eines Prismas geeignet sein kann, und zwar muss diese Kleinheit eine möglichst gleichmässige sein, es dürfen nicht Regionen der feineren Vertheilung mit Regionen der gröberen Vertheilung abwechseln. Wenn die hier vorgetragene Ansicht über den durchsichtigen Tabaschir richtig ist, so muss man mit Hilfe von solchem einen für die Optik wichtigen Versuch anstellen können. Man bestimme den Brechungsindex eines Stückes auf dioptrischem Wege, also z. B. wie Brewster dadurch, dass man ein Prisma aus dem- selben schneidet. Dann wird dasselbe, nachdem es zur besagten Bestimmung gedient hat, gewogen, darauf mit einer Flüssigkeit von bekanntem specifischem Gewichte möglichst vollständig durchtränkt, an der Oberfläche abgetrocknet und wieder gewogen. Man findet auf diese Weise das Volum der Lufträume, welche die durchtränkende Flüssigkeit erfüllt. Durch Division des Resultates der ersten Wägung mit dem specifischen Gewichte der Kieselsubstanz des Tabaschir findet man das Volum der festen Masse des Prismas, nachdem man das er- wähnte specifische Gewicht dadurch ermittelt hat, dass man das durchtränkte Prisma noch einmal in derselben Flüssigkeit von bekanntem specifischem Gewichte, mit der es durchtränkt wurde, abwog. Daraus ergeben sich, die Substanz des Prismas als gleich- artig vorausgesetzt, die Weglängen, welche das Licht in dem- selben in der Luft und in der festen Substanz des Tabaschir zurücklegt, und es fragt sich, entspricht die Ablenkung diesen Weglängen, wenn man einfach die Brechungsindices von Luft und von der Kieselsubstanz des Tabaschir zu Grunde legt, oder weicht sie davon ab, welche Abweichung man dann auf Rech- nung von Störungen zu setzen haben würde, die beim Übergänge des Lichtes aus einem Medium in das andere stattfinden. Optische Eigenschaften des Tabaschir. 75 Ist s die in Luft zurückgelegte Wegstrecke und s, die in fester Substanz zurückgelegte, so muss, falls keine solchen Störungen stattfinden, gefunden werden S ■+■ IIS, X — —, worin .*• den Brechungsindex des lufthaltigen Tabaschir gegen Luft, den Brechungsindex der letzteren gleich 1 gesetzt, bedeutet und n den Brechungsindex der festen Substanz des Tabaschir liegen Luft. Die Angaben von Brewster können nicht als Unterlage für eine solche Rechnung dienen, schon desshalb nicht, weil alle Daten an einem und demselben Stücke gewonnen sein müssen, während die von Brewster überlieferten Zahlen von verschie- denen Stücken herrühren, aber ich will, ehe ich weiter gehe, noch die Art besprechen, wie der Brechungsindex der festen Substanz des Tabaschir gegen Luft, der gleichfalls au denselben Stücke bestimmt werden muss, am besten ermittelt wird. Wenn Tabaschir mit einer Flüssigkeit durchtränkt wird, so wird er sicher umso durchsichtiger werden, je mehr sich der Brechungsindex der Flüssigkeit dem seiner festen Substanz nähert, und er wird bis zum Verschwinden durchsichtig werden wenn jener diesem gleichkommt. Man hat dann nur den Brechungs- index der Flüssigkeit zu bestimmen. Man kann aber mittelst Prof. Sigm. Exner's Mikrorefractometer ' dies Verfahren noch bedeutend verfeinern. Herr Prof. S.Exner untersuchte auf meinen Wunsch mikroskopische Splitter von einem durchscheinenden, im auffallenden Lichte bläulichem, calcinirten Tabaschir mit seinem Instrumente. Er brachte sie in verschiedene Mischungen von Glycerin und Wasser und fand die feste Substanz derselben immer stärker brechend als solche von 1-4637 und schwächer als solche von 1-4647. In Flüssigkeiten vom Iudex 1-4638 und 1-4640 zeigten sich einzelne Splitter des Tabaschir stärker, andere schwächer brechend als das Medium. 1 Ein Mikrorefractometer. Arch. f. mikroskopische Annat. Bd. XXV. u. Sitzimgsprotokoll der ehem. physik. Gesellschaft zu Wien, 2. Juni 1885 in F. Exner's Repertoriimi der Physik. 7(5 E. B rücke, Der auf gleiche Weise bestimmte Breehungsindex von rohem^ nicht calcinirtem Tabaschir lag zwischen 1-4580 und 1-4598. Die Brechungsindices der Flüssigkeiten wurden mittelst Abbe's Refractometer bestimmt. Der Tabaschir setzte wegen seiner Imbibitionsfähigkeit der Anwendung des Mikrorefracto- meters insoferne grössere Schwierigkeiten entgegen als andere Körper, als die meisten Stücke verschwanden, nachdem die Gleich- heit der Brechungsindices nahezu erreicht war, und nur einzelne besonders günstig gelagerte Stücke sichtbar blieben. Die gefundenen Werthe sind sehr beträchtlich unter 1-544, dem Brechungsindex des ordinären Strahles im Quarz für Natron- licht, aber die Dichte des Tabaschir ist auch, abgesehen von den Lufträumen, viel geringer als die des Quarzes. Brewster schätzt das specifische Gewicht der festen Substanz auf 2-412 ' während die des Quarzes 2-653 ist. Brewster sagt, als er ein Tabaschirprisma mit Cassiaöl getränkt habe, so sei dessen Brechungsindex ein wenig höher gewesen als der des Öls, nämlich gleich 1-6423. Das Prisma sei durch das Ol stark gelb gefärbt worden. Diese angegebene Zahl ist vorläufig nicht zu erklären. Baden Po w eil, der höhere Zahlen für Cassiaöl angibt als Kundt, verzeichnet für gelbes Natronliclit 1-6104, während Brewster selbst für dieses Öl 1-641 angibt [Sweig. Jahrb. d. Ch. u. Pli. 1. c. S, 524]. Brewster müsste also einen Tabaschir untersucht haben, dessen feste Substanz nicht nur stärker brach als Quarz, sondern auch stärker als das Gassiaöl. Brewster spricht ferner den Verdacht aus; dass das Wasser vielleicht nicht in alle Poren des Tabaschir eindringe. Es wird sich desshalb empfehlen bei Wägungen für den besagten Zweck nicht Wasser anzuwenden, sondern eine andere Flüssigkeit. Bedingungen sind: Grosse Capillarattraction gegen Kiesel und Silicate und NichtflUchtigkeitbei gewöhnlicher Temperatur.letztere desshalb, Aveil man das imbibirte Stück auch in der Luft wägen 1 Es war dies das Resultat, welches James Jardine als Mittel an einigen durchsichtigen Tabaschirstücken erhalten hatte. Cavendish fand das specifische Gewicht der festen Substanz eines gleichfalls durchsichtigen Stückes = 2-169. (Phil. Trans. 1. c. 395.) Optische Eigenschaften des Tabasehir. 77 iiiiiss, um das Volumen der Lufträume zu bestimmen. Wünscliens- wertli ist ferner ein Brechungsindcx, der nicht zu weit von dem der festen Substanz des Tabasebir entfernt ist, damit die in allen Theilen erzielte Diirchsichtig-keit Zeug-niss für die Vollständigkeit der Imbibition ablege. Die letztere erzielt man am besten so, dass man in ein Gefäss zuerst eine niedere Schicht von der Flüssigkeit giesst, in welche das Tabaschirstück weniger als zur Hälfte eintaucht, und nun wartet, bis das letztere sich vollgesogen hat und durchsichtig geworden ist. Erst dann giesst man von der Flüssigkeit nach bis das ganze Stück bedeckt ist. Ich habe so sehr undurchsichtige Stücke von Tabaschir mittelst Bucheckernrjl durchsichtig gemacht. Dass die Theilchen der festen Substanz und ihre Zwischen- räume sehr klein sein müssen, bestätigt auch die mikroskopische Untersuchung-. Ich habe für dieselbe Tabaschir in verschiedener Weise impräg-nirt. Das erste belehrende Resultat ergab das schon von Plinius beschriebene Verfahren Onyx aus Calcedon zu machen, Imprägna'tiou mit Zuckerkohle Ich kochte ein Stück durchscheinenden Tabaschir in heiss concentrirter Rohrzucker- lösung (Plinius schreibt begreiflicherweise Honig vor) und Hess es mehrere Tage in der erkalteten Flüssigkeit liegen; dann trocknete ich es durch mehrere Tage erst an der Luft, dann im warmen Räume und erhitzte es schliesslich bis zur gänzlichen Veikohluug des Zuckers, wobei es in mehrere Fragmente zer- sprang. Ein Paar derselben wurden in der Reibschaale gepul- vert und das Pulver in Bucheckernöl mikroskopisch untersucht. Die einzelnen Stückchen waren sämmtlich braun gefärbt. Auch mit den stärksten Vergrösserungen Hess sich keine Abweciisluug von Weiss und Braun wahrnehmen, zwar erschienen die Stücke oft heller und dunkler gekörnt, aber der hellere Grund war noch immer braun. Nur ganz vereinzelt kamen kleine Stücke vor, in denen ein feines, braunes Gitter farblose Räume einschloss und auch hier musste es zweifelhaft bleiben, ob man es mit gröberen Massen fester Substanz zu thun habe , oder mit kleinen Partien, in welche die Zuckerlösung nicht eingedrungen war. Auch kamen au einem und demselben Splitter ganz gleichmässige Brauu- tarbung und Körnerzeichnung nebeneinander vor. 78 E. Brücke, Dass wir Theilchen, von denen wir annehmen, dass ihre Durchmesser nur einen kleinen Bruchtheil von der Wellenlänge des Lichtes betragen , auch wenn sie stark absorbirend wirken, nicht einzeln sehen, versteht sich, die Kichtigkeit der Annahme vorausgesetzt, von selbst, aber die mikroskopische Untersuchung gab noch zu einer andern Wahrnehmung Veranlassung. Sir David Brewster erzählt, dass ein Stück Tabaschir, welches mau in Papier wickelt, wenn man das letztere anzündet, nicht nur oberflächlich, sondern bis zu einer gewissen Tiefe schwarz wird, und dass man die Schwärze vertiefen kann, wenn man den Versuch mit demselben Stücke mehrmals wiederholt. Ich fand nun auf diese Weise geschwärzte Stücke, wenn sie pulverisirt und mikroskopisch untersucht wurden, zwar weniger tief gefärbt als die mit Zucker geschwärzten, aber, so weit die Färbung reichte, viel gleichmässiger. Die früher beschriebene Körnchenzeichnung kam an den von mir untersuchten Stücken nur vereinzelt vor. Die mikro- skopischen Splitter waren einfach gleiclimässig braun, nur da, wo sie dünner waren, lichter. Es unterliegt nun keinem Zweifel, dass die Färbung von Kohlentheilchen herrührte, welche durch Luftströmungen in das Innere des Tabaschir getragen waren. Diese Kohlentheilchen waren also selbst für die stärksten Vergrösserungen unsichtbar klein, und sie waren durch Luftströme in Räume von derselben Grössenordnung hineingetragen. In solchen Räumen also existiren noch Luftströme. Es scheint das auf den ersten Anblick schwer vereinbar mit dem Widerstände, den wir beim Hindurchpressen von Luft durch sehr enge Räume erfahren, aber die treibenden Kräfte sind verschiedene. Hier sind es eben die durch die Ver- brennung entwickelten lebendigen Kräfte, welche die Lufttheil- chen und die Kohlentheilchen mit einander forttreiben. Brewster führt einen interessanten, auf den ersten Anblick paradoxen Versuch an. Bringt man auf ein durchsichtiges Stück Tabaschir eine kleine Quantität von Wasser, so wird diese sofort absorbirt und es entsteht ein weisser, undurchsichtiger, kreidiger Fleck. Wenn man aber das ganze Stück vollständig mit Wasser? imbibirt, so wird es durchsichtiger als es früher war. Ich habe diesen Versuch an durchscheinenden Stücken von Tabaschir, Optische Eigenschaften des Tabaschir. 79 rohem und calciiiirtem , mit demselben Erfolge wiederholt, der Erklärung' aber, welche Brewster gibt, kann ich nicht bei- stimmen. Man sehe beistehenden Holzschnitt. Er ist ein Copie dessen, welchen Brewster seiner Erklärung beigibt. ABC sei ein Prisma aus Tabaschir und abcd einer von seinen Poren stark vergrössert. Dieser Hohlraum ist mit Luft gefüllt. Wenn nun der Strahl #.Vbei e in denselben eintritt und bei h ihn wieder verlässt, so ist er, meint Brewster, wegen des niederen Bre- chungsindex des Tabaschir so wenig gebrochen und so wenig reflectirt, dass das Stück durchsichtig erscheinen kann. Wenn aber etwas Wasser eintritt, so benetzt dieses die Wand des Hohlraumes ohne ihn ganz zu erfüllen. Es soll etwa bis zur Linie aßyo reichen. Dann tritt Brechung zwischen Luft und Wasser ein, der Brechungsiudex von Wasser ist aber höher, und dadurch wird das Stück undurchsichtig. Es ist klar, Brewster denkt hier an den niedrigen Bre- chungsindex, welchen er für Tabaschir als Ganzes ermittelt hat. Dieser setzt sieh zusammen aus dem Brechungsindex von Luft und dem der festen Substanz. — Er kann also 111 15 sein, während Brewster den des Wassers zu 1-3358 angibt. Wenn wir aber die den ganzen Tabaschir durchsetzenden kleinen Poren betrachten, durch deren Kleinheit und Gleiehmässigkeit es allein möglich wird, dass er durchsichtig sein kann, während er auf einen Raumtheil fester Sustanz 2\'^ Raumtheile Luft enthält, wenn wir diese kleinsten Poren betrachten, so handelt es sich um nichts Geringeres als um den Übergang von Luft in Kiesel und von Kiesel in Luft. Es kommt also nicht der Brechuugs- index des Tabaschir als eines Ganzen in Betraciit, sondern der Brechungsindex der festen Substanz desselben gegen Luft. Mir scheint die L^rsache des Opakwerdens bei Benetzung mit einzelnen Tropfen eine andere zu sein. Es ist gewiss, das Wasser, da es in unzureichender Menge vorhanden ist, kann 80 E. Brücke, nicht alle Räume erfüllen. Es wird nur einige erfüllen, aber diese werden wahrscbeinlicli kein glatt abgerundetes Territorium bilden, sondern es werden zwischen den wassererfüllten Räumen andere mit Luft gefüllte bleiben. Es entstehen dadurch im Bereiche des Tropfens zwei Substanzen, von denen die eine einen Brecliungs- index zwischen 1-336 und 1-465 hat, während die der anderen zwischen 1-1115 und 1-1535 liegt. Wenn also die Grenzen dieser zwei Substanzen Abstände von mikroskopisch sichtbarem Durchmesser zwischen sich lassen' so erklärt dies hinreichend die Undurchsichtigkeit im Bereiche des Tropfens. Ich habe die Richtigkeit dieser Erklärung durch einen Versuch erhärten können. Ich setzte auf ein Stück durch- scheinenden Tabaschir einen Tropfen einer ziemlich concentrir- ten Lösung von übermangansauremKali, der sogleich eingesogen wurde. Ich trocknete langsam zuerst an der Luft, dann in der Wärme und erhitzte zuletzt, als sicher kein Wasser mehr zurück war, über der Spirituslampe. Es blieb nun ein brauner Fleck zurück, von dem ich mit dem Grabstichel kleine Stücke lieraushob, die ich dann zwischen zwei Objectträgern weiter zertrümmerte und in Bncheckernöl mikroskopisch untersuchte. Sie zeigten Abwechslungen von braunen und von vollständig farblosen Partien. Die braunen Zeichnungen, welche die Räume wiedergaben, in welche die Flüssigkeit eingedrungen war, zeigten einen dendritischen Cha- rakter, aber die Figuren waren nicht gespreizt ästig, sie ähnelten vielmehr Bildern von Thujatrieben. Oft aber kamen an einem Splitter auch nur vereinzelte braune Sterne vor, offenbar dann, wenn die Richtung, in der die Flüssigkeit fortgeschritten war, nicht senkrecht gegen die Gesichtslinie stand, sondern parallel zu derselben oder wenig geneigt. Ferd. Cohn sagt, ohne näher auf diesen Punkt einzugehen, der Tabaschir fiuorescire , namentlich das schöne blaue Licht, welches er in Terpentinöl liegend und mit demselben getränkt zurückgibt, sei Fluorescenzlicht. Dass es nicht von Fluoresceuz allein herrührt, lässt sich leicht wahrnehmen. Wenn man es durch ein Nicol'sches Prisma betrachtet und dieses vor dem Auge um die Achse dreht, so ändert sich seine Intensität je nach der Optische Eigenschaften des Tubaschir. 81 Lage des Prismas deutlich. Fluoreseenzlicht thut dies bekannt- licht nicht j da es iinpolarisirt ist. Dieses reflectirte Licht ist einfach Farbe des trüben Mediums und als solches bläulich. Im durchfallenden Lichte sind dieselben Stücke gelblich, bräunlich oder röthlich. Wesshalb die Farbe des durchfallenden Lichtes von der Complementärfarbe des reflec- tirten Lichtes mehr oder weniger abweicht, das habe ich in meiner oben citirten Abhandlung über die Farben trüber Medien bereits ausführlich auseinander gesetzt. Daneben konnte aber Fluoreseenzlicht von dem in Terpen- tinöl liegenden Tabaschir ausgehen und dies scheint in der That der Fall zu sein. Erstens glaube ich einen schwachen blauen Lichtschein im Tabaschir auch dann noch gesehen zu haben, wenn nicht mehr Theile des leuchtenden Spectrums hindurchgingen, sondern die den violetten zunächst liegenden dunklen Strahlen. So meinte auch Prof. Sigm. Exuer, der den Versuch mit mir anstellte. Das Licht wurde durch verbrennenden Magnesiumdraht er- zeugt, das Spectrum durch ein Bergkrystallprisma und zwei Bergkrystalllinsen entworfen. Zweitens erschien ein Stück Tabaschir, das in Terpentinöl so durchsichtig geworden wie Eis und in demselben fast unsichtbar, in dem durch eine Sammellinse vom Magnesiumlicht entworfenen Lichtkegel schön blau und zeigte seine ganze G-estalt wie ein bläulich getrübter Stein, der im Wasser liegt. Freilich war das Licht, welches es zurückgab, auch nicht frei von polarisirtem. Es war also auch reflectirtes Licht dabei. Doch glaube ich, dass auch diese Beobachtung im Zusammenhalte mit der vorerwähnten dafür spricht, dass dem Tabaschir Fluorescenz zukomme, wenn auch nicht gerade als hervorragende Eigenschaft. Wenn schliesslich gefragt wird, was wir über die Structur des Tabaschir aussagen können, so ist es zunächst unzweifelhaft, dass alle festen Theile desselben miteinander in Verbindung stehen, denn der durchscheinende Tabaschir ist nicht kreidig und schreibend, er zeigt muscheligen Bruch. Anderseits ist es unzweifelhaft, dass alle Lufträume mit einander in Verbindung stehen, denn sonst könnte er sich nicht dadurch vollständig infiltriren, dass wir ihn theil weise in eine Sitzb- d. mathem.-naturw. Cl. XCVII. Bd. I. Abth. 'j 82 E. B r ü c k e, Optische Eigenschaften des Tabaschir. Flüssigkeit tauclien lassen, gleichviel von welcher Seite dies geschieht. Die feste Substanz bildet also ein dreidimensionales Gitterwerk. Ob die Elemente dieses Gitterwerkes amorph oder krystallisirt sind , wissen wir nicht. Unter dem Polarisations- mikroskope zeigt Tabaschir keine Spur von krystallinischer Structur, aber auch falls er ganz aus Krystallen bestände, miisste dies so sein, wenn die Krystalle nicht orientirt wären, da der einzelne viel zu klein sein würde, um zu einer Interferenzerschei- nung des polarisirten Lichtes Veranlassung zu geben. Der Tabaschir ist im gewöhnlichen Sinne des Wortes voll- ständig amorph. SITZUNGSBERICHTE DER Ui EDI I MATHEMATISCH NATURWISSENSCHAFTLICHE CLASSE. k XOVII. Band. III. Heft. ABTHEILUNG I. Enthält die Abhandlungen aus dem Gebiete der Mineralogie, Krystal- lographie, Botanik, Physiologie der Pflanzen, Zoologie, Paläon- tologie, Geologie, Physischen Geographie und Reisen. 6* 85 k VI. SITZUNG VOM 1. MÄRZ 1 Der Secretär legt das Heft III imd IV (October — Novem- ber 1887) der IL Abtheiluiig der Sitzungsberichte, ferner das I. Het^ (Jänner 1888) der Monatshefte für Chemie A^or. Das w. M. Herr Prof. E. Hering- übersendet eine Arbeit aus dem physiologischen Institute der k. k. deutschen Univer- sität zu Prag: „Beiträge zur allgemeinen Nerven- und Muskelphysiologie. XXI. Mittheilung. Über die Inner- vation der Krebsscheere", von Prof. Dr. Wilh. Bieder- m a n u. Das w. M. Herr Regierungsrath Prof. L. Boltzmann in Graz übersendet eine Arbeit von Dr. Paul Czermak: „Über das elektrische Verhalten des Quarzes". (IL Theil.) Das c. M. Herr Regierungsrath Prof. C. Freiherr v. Ettings- hausen in Graz übersendet eine Abhandlung, betitelt: ..Die fossile Flora von Leoben in Steiermark". (I. Theil). Das c. M. Herr Prof. L. Gegenbauer in Innsbruck über- sendet folgende zwei Abhandlungen: 1. „Über die Function Cl(a;).'' 2. „Zwei Eigenschaften der Primzahl 3". Der Secretär legt folgende eingesendete Abhandlungen vor: 1. „Über das Verhalten der o-Oxychinolincarbon- säure und deren Derivate im Organismus", von S. Krolikowski und M. Nencki in Bern. 2. „Über das Normalensystem und die Centrafläche der Flächen zweiter Ordnung" (IL Mittheihmg) von E. Waelsch in Prag. 86 3. „Über die Ausgleichung von Wahrscheinlich- keiten, Avelche Functionen einer unabhängig Variablen sind", von Dr. E. Blaschke in Wien. Ferner legt der Secretär ein versiegeltes Schreiben behufs Wahrung der Priorität von stud. phil. Rudolf Raimann in Wien vor, welches angeblich eine Beobaciitung auf dem Ge- biete der Pflanzen-Anatomie enthält. Das w. M. Herr Prof. V. B a r t h überreicht eine in seinem Laboratorium ausgeführte Arbeit: „Über die Einwirkung V on Natriumthiosulfat auf Kupferoxydsalze", von Dr. G. Vortmann. Das w. M. Herr Prof. v. Lang überreicht eine Abhandlung des c, M. Prof. Franz Exner, betitelt: „Weitere Beobach- tungen über atmosphärische Elektricität". Herr Regierungsrath Prof. Dr. A. Bauer in Wien überreicht zwei in seinem Laboratorium durchgeführte Arbeiten der Herren K. H a z u r a und A. G r ü s s n e r. 1. „Über trocknende Ölsäuren" (V.Abhandlung), von K. Hazura. 2. „Über trocknende Ölsäuren" (VL Abhandlung), von K. Hazura und A. Grüssner. Selbständige Werke, oder neue, der Akademie bisher nicht zugekommene Periodica sind eingelangt: K. k. techn. u. administratives Militär - Comite, Die hygienischen Verhältnisse der grösseren Garnisonsorte der österr.-ungar. Monarchie. L Graz. (Mit 8 Planskizzen, 1 Um- gebungskarte und 15 graphischen Beilagen). Wien, 1887; 8"* Peralta, D. Manuel de, El canal interoceanico de Nicaragua y Costa- Rica en 1620 y en 1887. Relaciones de Diego de Mercado y Thos. C. Reynolds con otros documentos reco- gidos y anotados. Bruselas, 1887; 8". 87 Vir. SITZUNG VOM 8. MÄRZ 1888. Das Vorbereitungs-Comitö des Congres Geologique In- ternational ladet die kaiserliche Akademie zur Theilnahme an der vierten Session dieses Cougresses ein, welche in den Tagen vom 17. bis 22. September 1. J. in London abgehalten werden wird. Die Colorado Scientific Society zu Denver dankt für die Betheilung mit akademischen Schriften. Das w. M. Herr Prof. E. Hering übersendet eine Arbeit aus dem physiologischen Institute der k. k. deutschen Universität zu Prag: „Beiträge zur allgemeinen Nerven- und Mus,kel- physiologie. XXH. Mittheilung. Über die Einwirkung des Äthers auf einige elektromotorische Erschei- nungen an Nerven und Muskeln", von Prof. Dr. Wilh. Biedermann. Der Secretär legt eine eingesendete Abhandlung von Prof. Dr. A. Puchta in Czernowitz: „Über die Krümmungs- curven auf Röhreuflächen und analogen Flächen^' vor. Ferner legt der Secretär eine hinterlasseue Abhandlung von dem verstorbenen Privatdocenten an der k. k. Universität in Wien, Dr. M. Schuster: „Über einen Findling im Basalttuffe von Vicenza" vor. Selbständige Werke, oder neue, der Akademie bisher nicht zugekommene Periodica sind eingelangt: Holden, E. S., Lisjt of Recording Earthquakes in California, Lower California, Oregon and Washington Territory. (Com- piled from published Works and from Private Information)« Sacramento, 1887; 8°. 88 Über Findlinge aus dem i^icentinischen Basalttuffe. Aus den hinterlassenen Schriften des Dr. Max Schuster, Privatdocent für Minei-alogie und Petrographie an der k. k. Universität in Wien. Basaltische Laven und Tuffe sind dem Tertiärgebirge der vicentinischen Voralpen in verschiedenen Horizonten einge- lagert, aber eine bestimmte Zone von solchen Laven und Tuffen, die basaltische Zone des M. F^tldo, zeichnet sich vor den übrigen dadurch aus, dass sie von kleinen Lignitflötzen, von Palmen, Landschnecken, sowie den Eesten von Trionyx und Crocodilus begleitet ist, während die anderen Tuffe nur Reste von Seethieren enthalten. In dem Tuffe dieser Zone, und zwar unmittelbar mit zahlreichen Schalen von Landschnecken, traf Prof. Suess im Jahre 1865 bei dem Gehöfte Focchesatti (zwischen Arzignano und Nogarole, oberhalb Pugnello gelegen) zwei fremde Steine. Der eine ist ein Bruchstück von Hornstein, aller Wahrscheinlich- keit nach aus der Scaglia stammend. Der zweite aber, rundlich von Gestalt, etwas mehr als faustgross, besteht aus einer rotlien Felsart von syenitischeni Aussehen und musste umsomehr befrem- den, als ein ähnliches Gestein damals auf grosse Entfernungen in der Runde gänzlich unbekannt war. Dieses Stück wurde mir, nachdem es durch viele Jahre ein Räthsel geblieben war, im Jahre 1887 zur Untersuchung übergeben. Das Gestein, dessen Bestandtheile sich augenscheinlich sämmtlich in stark verändertem Zustande befinden, besitzt durch- aus granitisch körniges Gefüge. Makroskopisch bemerkt man vor Allem zweierlei Feldspathe. Fiiidliuse aus dem Basalttuflfe. öJ Die Körner des einen, welcher fleisclirotli g-efärbt erscheint, lassen vielfach lebhaft glänzende Spaltflächen wahrnehmen, die ihnen ein frisches Aussehen ertheilen. Der zweite Feldspath, welcher recht häufig rechteckig umgrenzte Krystalldurchschnitte aufweist, ist im Gegensatze zu dem vorigen von grünlichgrauer Farbe und erdigem bis unebenem Bruche, hat dabei ein mattes Aussehen und erscheint aus den angeführten Gründen auffallend zersetzt; in der That lässt er sich mit dem Messer leicht ritzen und schaben, w^obei er ein weissliches Pulver liefert. Zwischen den genannten beiden Gemengtheilen treten ferner grüne, faserige Körner und Körneraggregate auf, die sich vorwiegend als Faserhornblende und zum Theile als zer- setzte Biotitblättchen erweisen, sowie unregelmässige Nester von bisweilen serpentinartigem Aussehen, endlich vereinzelte Blättchen von Eisenglanz. Von Quarz ist zunächst nichts zu bemerken, so dass das Gestein auf den ersten Blick vollständig syeni tischen Habitus besitzt. Unter der Lupe aber werden, namentlich zwischen den matten und frischeren Feldspathkörnern eine Anzahl kleinerer bräunlichgrauer, glasglänzender Quarzkörnchen bereits sichtbar und unter dem Mikroskope treten dieselben, eine Art Zwischen- masse bildend, viel reichlicher auf als zu vermuthen war. Unter dem Mikroskope gewähren die erwähnten Gemeng- theile folgenden Anblick : Der erstgenannte Feldspath erscheint im auffallenden Lichte röthlichweiss mit lilafarbigen Flecken, im durchfallenden Lichte mit einer bräunlichen, sehr fein gekörnelten Masse erfüllt. Aus dieser dichten Körnermasse treten sehr schmale, paral- lele, lichte Linien hervor, die man zunächst für Zwillingslamellen halten könnte. Dagegen spricht schon der Umstand, dass sie in der Breite niemals variiren, und es spricht dagegen auch die Art und Weise ihrer Vertheilung, namentlich die Art ihres Auftretens in der Nähe und um etwaige Glimmereinschlüsse des Feldspathes herum; es scheinen vielmehr Spaltrisse zu sein, in welche hie und da farblose Kieselsäure nachgedrungen ist. Mitunter löst sich die gleichmässige Körnerraasse auf und vollkommen klare, optiscii 90 M. Schuster, sich als vollkommen frisch erweisende Parthieu des Orthoklas kommen dazwischen zum Vorschein. Es ist unbestimmbar, was die Körnehing ausmacht, welche nur zumTheile anKaoliu^ zumTheile an diejenigen Erscheinungen erinnert, die eintreten können, wenn Orthoklas der Hitze aus- gesetzt wird. Der optische Charakter des genannten Feldspathes ist der eines gemeinen Orthoklases. Spaltblättchen nach P löschen gerade aus. In einem parallel zu M geschnittenen einfachen Karlsbader Zwilling, in welchem die Individuen längs der Trace der Sym- metrieebene des Zwillings (also der Trace von 100) zusammen- stossen, die Spaltrisse P .• P' unter einander einen Winkel von 128°, mit der gemeinsamen Zwillingsgrenze jedoch einen solchen von je 116° einschlössen, ergab die Auslöschungsschiefe +6° in dem einen, -f-()°12' im anderen Individuum. Karlsbader Zwillinge sind überhaupt mehrfach zu beobachten. Mit Quarz geht derselbe Feldspath pegmatitische Ver- wachsung ein; bisweilen finden sich Fragmente, wie Zersetzungs- reste mitten im Quarze in wirrer Lagerung; bisweilen füllt der Quarz umgekehrt die durch unregelmässige Anordnung benach- barter, geradlinig umgrenzter Feldspathfragmente sich ergeben- den Zwischenräume derart aus, dass er an solchen Stellen selbst scheinbar geradlinige Krystallumrisse annimmt. Nach seiner Lichtbrechung ist dieser Orthoklas vom Quarz öfters kaum zu unterscheiden. Der zweite Felds])ath, meist rechteckig umgrenzte Durch- schnitte breit tafeliger oder kurz prismatischerlndividuen liefernd, seltener Leisten bildend^ erscheint weisslich, durchsichtig, mit bläulichem Stich in auffallendem Lichte, in durchfallendem Lichte zwar auch bräunlich fleckig (wie der vorige), aber viel heller und mehr grau als braun gefärbt; überall da, wo Beide verwachsen auftreten, bildet der in Rede stehende Feldspath das Centrum, der erstbesprochene die Randhülle. Derselbe besteht grösstentheils aus einem sehr feinen, ziem- lich grell polarisireuden Blättchen- und Faseraggregat eines Glimmer ähnlichen Minerales, sowie etwas Zoisit oder Epidot, scheint also saussuritisch zersetzt; er schmilzt ziemlich leicht zu Findlinge ans dem Basalttuffe. 91 einem weissen Porzellan und gibt dabei starke Natriumfärbung in der Flamme. Durch die Art der Anordnung der Blättchen verräth sich bereits hie und da etwas Zwillingsstruetur; nur selten haben sich aber frischere Parthien erhalten , wo man den Auslöschungs- winkel der Zwillingslamellen bestimmen kann; der letztere ist ziemlich gross und würde etwa auf eine Labradormischung ver- weisen. Die Faserhornblende besitzt für Schwingungen parallel zu C grüne, senkrecht dazu (und zwar parallel zu Ä) gelbe Farben- töne und tritt sowohl in einfachen als in polysynthetischen Zwil- lingen auf. An einem solchen, parallel zu (010) geschnittenen Zwillinge, dessen Individuen einen Auslöschungswinkel von circa 30° besitzen, bemerkt man eine schmale Magnetitzone und jenseits derselben einen chloritischen Aussenrand; diese Erzzone verläuft seitlich ziemlich geradlinig, und zwar parallel der verticalen Axe, respective parallel der Zwillingsgrenze, nach oben und unten hin aber erscheint sie ausgezackt und verläuft sehr unregelmässig, und gerade so verhält sich auch die Abgrenzung des aus Chlorit bestehenden Aussenrandes. Brauner (ursprünglicher) Biot findet sich nur mitten im Feldspath vor, wo er sich frischer erhalten zu haben scheint. Sonst ist der Biotit meist unter Chlorit- und Epidotbildung bisweilen mit randlicher Erzabscheidung (wie ein von Quarz und Feldspath pegmatitisch durchwachsener hexagonaler Querschnitt recht deutlich zeigt) oder auch unter Bildung von Faserhorn- bleude zersetzt. Diese Umwandlung steht mit mechanischen Deformationen, Zerreissungen und Pressungen in Zusammenhang. Aber auch ein Mittelding zwischen Chlorit und Biotit (grüner Biotit) scheint vorzuliegen und dieses setzt sich oft in Faserhorn blende fort, dieselbe ergänzend, ersetzend. Mitten im Quarz nimmt die Faserhornblende auch Pilit ähn- lichen Charakter an. Chlorit und Epidot wechseln oft lagenweise ab, doch treten hie und da auch vereinzelte grössere Epidotkörner auf. Von Erzmineralen ist im Schliffe Magnetit zu bemerken. 92 M. Schuster, Endlich wären noch vereinzelte Apatitsäulen mit cen- traler, dunkler Axe zu erwähnen. Quarz ist hie und da voll Zersetzung-sstaub, namentlich erfüllt von zersetzten Feldspathkrümeln und Chloritfetzen, über- haupt sind die meisten damit associirten Gemengtheile darin zu finden. Flüssig-keitseinschlüsse sind undeutlich , Glaseinschlüsse etwas deutlicher. Als unzweifelhaft zuletzt gebildeter Gemeng- theil durchzieht er gelegentlich alle Übrigen und umschliesst auch alle secundären Gemengtheile, z. B. auch Zoisitprismen. Wenn wir das Gesagte berücksichtigen, so erscheint das beschriebene Gestein als ein stark veränderter Granit vom Habitus eines Monzonsyenites, da der grösste Theil des Quarzes erst nach Veränderung und theilweiser Zerstörung des orthoklastischen Feldspathes gebildet sein dürfte. Derselbe Feldspath scheint wieder umgekehrt im Allge- meinen jünger zu sein als der gleichfalls vorhandene Plagioklas. Sicher secundärer Natur sind Chlorit und Epidot und endlich die Faserhornblende. Ob letztere ausschliesslich nach Augit gebildet wurde, muss aber dahingestellt bleiben. Herr Hans Reusch hat im Jahre 1884^ im centralen Theile der Euganeen, und zwar südöstlich vom Monte Venda, unmittel- bar unterhalb des beim Dorfe Cingolina angelegten Kaikstein- bruches, in dem durch eine Bachrinne aufgeschlossenen Profile als Unterlage des genannten Kalkes, sowie des Trachytes gleich- falls körnige Masseugesteine anstehend aufgefunden, welche von Herrn Tschihatschew in Heidelberg bezüglich ihrer petrogra- phischen Zusammensetzung untersucht und als Syenit und Olivin gabbro bestimmt wurden. Wenn man nun den Syenit von Cingolina auf Grund der Beschreibung, welche Tschihatschew am angegebenen Orte davon geliefert hat, mit vorliegendem syenitähnlichen Gesteine vergleicht, so ergeben sich zwischen Beiden recht interessante Beziehungen. Beide enthalten in gleicher Weise sowoiil Orthoklas als auch Plagioklas, sowie braunen, dunklen Glimmer, Erz und Apatit ; 1 Briefliche Mittheilimg, Neues Jahrbuch f. Miu. 1884, II, S. 140. Findlinge aus dem BasalttuflFe. 9ö nur scheint der braune Glimmer im Gesteine von Cingolina frischer zu sein und in grösserer Menge aufzutreten, als in unserem Gesteine; Plag-ioklas und Orthoklas sollen dort nester- vveise, jeder für sich, angehäuft sein. Auch in dem geringen Quarzgelialt stimmen Beide überein; ja in dem Gesteine von Cingolina scheint Quarz in noch viel geringerer Menge vorzukommen, da er sich dort nicht einmal mit Sicherheit nachweisen Hess. Dagegen werden vereinzelte, fast farblose Titanitköruer, sowie grünlicher Auuit als accessorische Bestandtheile ange- geben. Es ist gewiss höchst interessant, zu bemerken, dass diese letzteren Bestandtheile, namentlich der Augit, gerade unserem Gesteine fehlen, wäiirend umgekehrt Chlorit und Epidot, sowie Faserhörnblende darin auftreten, die wieder dem Syenit von Cingolina zu fehlen scheinen. Wenn nun die oben ausgesprochene Ansicht richtig ist, dass das Gestein dieses Findlinges in einem stark veränderten Zustande vorliegt und dass sowohl Chlorit als Epidot und Faserhornblende darin secundärer Natur, und zwar theils auf ein Biotit-, theils auf ein Augitmineral als ursprüngliche Gemengtheile zu beziehen seien, dann erscheint es als höchst wahrscheinlich, dass das Gestein dieses Find- linges mit dem Augitsvenit von Cingolina in seinem unveränderten, ursprünglichen Zustande fast iden- tisch gewesen sei. Hier mag noch ein zweiter, aus Kalkstein bestehender Find- ling erwähnt sein, welchen Prof. Suess im Jahre 1867 bei der Fontana delle Soghe, nördlich oberhalb Mossano, in den Berischen Bergen antraf, und welchen derselbe den Kalksteinauswürflin- gen der Somma des Vesuv verglich. Dieses Stück lag im Basalt- tuff in Begleitung zahlreicher abgerollter Meeresconchylien und Korallen aus der Stufe von Castel' Gomberto. Derselbe hat die abgerundet keilförmige Gestalt eines etwa handgrossen Fluss- geschiebes und ist an der OberHäche mit vielen parallelen, etwa der Gletscherwirkung vergleichbaren Furchen und Schrammen über derselben aber mit einem dünneu, gelblichen bis bräunlich- roth fleckigen Überzuge von Eisenhydroxyd versehen. 94 M. Schuster, Der Findling, welcher in zwei Hälften zerschlagen wurde, besitzt in seinem Innern ein dichtes bis fein krystallines Greftige- das randlich etwas gröberkörnig wird. Mitten zwischen der dichten bis feinkörnigen Calcitsubstanz finden sich ziemlich reichlich und gleichmässig eingestreute Blättchen eines Glimmerminerales von etwa 1 — 2 mm Durch- messer. Es lässt sich nun an dem Geschiebe deutlich ein an- scheinend frischerer Kern und eine verwitterte Rinde unterschei- den. Das Innere desselben erscheint nämlich von grauweisser bis bläulichweisser Farbe, mit schwärzlichen Flecken, die Eandpar thien dagegen erscheinen gelblich gefärbt mit bräunlichrothen Flecken, wie dies bei oberflächlicher Verwitterung blauen Kalk- steines öfter zu bemerken ist. Doch sind die erwähnten Verschiedenheiten der centralen und oberflächlichen Parthien vielleicht nicht ausschliesslich auf Rechnung der Verwitterung zu setzen, weil sich dieselben, wie aus dem Folgenden hervorgehen dürfte, zum Theile durch vor- sichtiges Erwärmen gleichfalls hervorbringen lassen. Was zunächst die Glimmerblättchen betrifft, so haben im Kerne wenigstens ihre Umrisse, ihre krystallographische Begren- zung sich noch ziemlich wohl erhalten, wiewohl sie bereits auf- fallend weich und biegsam und dabei bald chloritähnlich (grün- lichblan) bald muscovitähnlich (grünlichweiss) gefärbt erscheinen; trotz mangelnder Elasticität lassen sich aber einzelne Blättclien noch ganz gut mit dem Messer abheben. Die ungefärbten durchsichtigen Stellen ergeben dann im convergenten polarisirten Lichte ungefähr dasselbe Interferenz- bild wie Talk, senkrechten Austritt einer Mittellinie, negative Doppelbrechung und kleinen Axenwinkel; durch letztere Beob- achtung erscheint Muscovit bereits ausgeschlossen. Dass aber auch kein Talk vorliegt, geht daraus hervor, dass das Glimmermineral vor dem Löthrohre recht leicht zu einem weissen Email schmilzt und Thonerdereaction ergibt. Die bisher angeführten Daten, sowie die Art der Flammen- färbung, machen es wahrscheinlich, dass man es hier mit einem veränderten Phlogopit zu thun haben dürfte. Ist aber die Veränderung desselben schon im centralen Theile des untersuchten Kalksteines so weit vorgeschritten, dass Findlinge aus dem BasalttuflFe. 95 die ursprüngliche Elasticität und Färbung- des Phlogopites ver- loren ging-, so erscheint sie noch vollständiger im äusseren Theile. Hier ist das in Rede stehende Mineral durchwegs silberweiss oder mattweiss wie ein Speckstein und auch ebenso weich; auch bei im Ganzen erhalten gebliebenen Umrissen lassen sich Blätt- chen davon in der Reg-el nicht mehr abheben, sondern man erhält bei dem Versuche zumeist ein feines Pulver; etwa abgelöste Blättchen erweisen sich unter dem Mikroskope als trüb, undurch- sichtig, amorpberdig. War das Glimmermineral im Innern des Kalksteines öfter von einer schwärzlichen Hülle umrahmt, so ist es im äusseren Theile fast stets von pulverigem Eisenhydroxyd umgeben, welches seine Substanz theilweise scheinbar verdrängt. Durch gelindes Erwärmen kann man nun den noch nicht so vollständig zersetzten Glimmer des Centrums ungefähr in das gleiche Stadium überführen, wie in den äusseren Parthien des Kalksteines, und es ist bemerkenswert!!, dass dabei auch der umhüllende bläulichweisse Kalkstein des Centrums theils ent- färbt und weiss gebrannt wird, theils an Stelle der früheren schwarzen nunmehr röthliche und bräunlichgelbe Flecken hervor- treten lässt, kurz, dem Kalkstein der randlichen Parthien sich im Aussehen auffallend nähert. Die chemische Untersuchung ergab, dass das vorlie- gende Stück zum grössten Theile aus reinem Kalk besteht. Magnesia war nur in sehr geringer Menge nachweisbar; Eisen, etwas reichlicher vorhanden, dürfte nach dem makroskopi- schen Befunde dem Kalksteine selbst als solchem fremd sein. Der Glimmer hatte nach der Behandlung mit heisser Salz- säure etwas Thonerde an die Lösung abgegeben und war als völlig amorphe weisse Masse in der ursprünglichen Form zurück- geblieben. Die mikroskopische Untersuchung lehrte, dass die meisten der unregelmässig verzahnten Calcitindividuen durch krümliche Körnchen bräunlich getrübt seien, welche Trübung vielleicht organischen Ursprunges ist, worauf auch die Art der Vertheilung hinzuweisen scheint. 96 VIII. SITZUNG VOM 15. MÄRZ 1888. Das w, M. Herr Prof. G. Btihler dankt für die ihm aus den Denkschriften dieser Classe überlassene Publieation: „Canon der Finsternisse" von Th. v. Oppolzer. Das w. M. Herr Prof. E. Hering in Prag- übersendet eine vorläufige Mittheilung über eine von Dr. J. Singer in Gemeinschaft mit Dr. E. Münzer in Prag ausgeführte Experimentaluntersuchung : „Beitrag zur Kenntniss der Sehnervenkreuzung". Das c. M. Herr Prof. R. Maly in Prag übersendet eine Arbeit: „Untersuchungen über die Oxydation des Ei- weisses mit Kaliumpermanganat". (IL Theil.) Das w. M. Herr Prof. v. Barth überreicht folgende drei Abhandlungen : 1. „Über die Einwirkung von Citraconsäure auf die Naphtylamine", von den Herren Th. Morawski und M. Gläser, und 2. „Über eine neue Dar stellungsweise der Biguanide und über einige Derivate des Phenylbiguanid's, von den Herren A. Smolka und A. Friedreich, beide aus dem Laboratorium der k. k. Staatsgewerbescbule in Bielitz. 3. „Eine neue Bestimmungsmethode des Mangans", von Herrn Leopold Schneider, Adjunct am k. k. Probir- amte in Wien. Das w. M. Herr Hofrath C. Claus überreicht eine Abhand- lung von Dr. Eobertv. Schaub in Wien: „Über die Anatomie von Hyrodroma. (C. L. Koch.) Ein Beitrag zur Kenntnis der Hydrachniden". I 97 Herr Prof. Dr. E. Lippmanu in Wien überreicht eine von ihm und Herrn F. Fleissner aiisgelührte Arbeit: „Über Phenoldithioearbon säuren". Herr Dr. J. Herzig in Wien überreicht eine von ihm und Dr. S. Zeisel ausgeführte Arbeit, betitelt: „Neue Beobach- tungen über Desmotropie bei Phenolen. (I. Mittheilung.) Bisecundäres Pentaäthylphloroglucin". Selbständige Werke oder neue, der Akademie bisher nicht zugekommene Periodica sind eingelangt; Chazarain, Les courants de laPolaritö dans l'aimant et dansle Corps humain. Paris, 1887; 8". SitBb. d. mathem.-naturw. Cl. XCVII. Bd. Abth. I. 98 Über die Anatomie von Hydrodroma (0. L. Koch). Ein Beitrag zur Kenntniss der Hydrachniden (Mit 6 Tafeln) von Dr. Robert v. Schaub. Die vorliegende, im vergangenen Winter abgeschlossene Untersuchung wurde von mir am k. k. zoologischen ver- gleichend anatomischen Universitätsinstitute, unter Leitung meines hochverehrten Lehrers, Herrn Hofratli Professor Dr. C. Claus, vor einer Reihe von Jahren in Angriff genommen. Verhindert, die schon weit gediehene Arbeit damals auszuarbeiten, überaebe ich dieselbe nunmehr hiemit der Öffentlichkeit. Die Aufmerksamkeit der Naturforscher wurde schon im Anfange des vorigen Jahrhunderts auf die Hydrachniden gelenkt, doch findet man in der einschlägigen Literatur, weder in Hin- sicht auf die Systematik, noch in Beziehung auf die innere Organisation dieser Thiere eine erschöpfende Behandlung, und es zeigt sich bei eingehender Beobachtung sehr bald, dass diese Thiergruppe der wissenschaftlichen Forschung ein weites und bisher nur schwach und vielfach unzulänglich bebautes Feld öffnet. Die auffallende Erscheinung, dass die nach allen Richtungen hin so ausserordentlich productive zoologische Forschung des letzten Decenniums, mit Ausnahme der in russischer Sprache erschienenen Arbeit Cronebergs sich noch nicht eingehend mit der Anatomie der Hydrachniden befasste, mag wohl dadurch Hr. lt. V. Schaill): AMatoiiiif v«n Ih/i/nn/rotiKi Pp ml NA na Tal'. 1 End ml Aller delR.Schdnlitli ?;>Jof u Staat; äructerei , Sitzungsber. d. kais. Akad. d. Wiss., math.- naturw. Classe, Bd. XCVII, Abtli, I. 188Ö. i Dr. R. V. Schniil): Anatomie von liydrodromn. Fig.l. Fig2 Taf. II. :^.:2..J^5^^^i^' '_:or iel.E.ScIiönlith Sitzungsber. d. kais. Akad. d. Wiss, math.-naturw. Classe, Bd. XCVII. Abth. I. 1888. Dr. R. V. Sehtiiib: Anatomie von Jl-i/i/rodromu. Fig.l. EH'' --^^ Kkh'oiu :itir.T;i!-ii£kere:. Sitzungsber. d. kais. Akad. d. Wiss., math.-naturw. Classe, Bd. XCVII, Abth. I. 1888. Dr. R. V. Scliniib: Anatomie v.m llydrodrinDo l'af. I\'. st Fig.l. Aug Aut / Aug ^^- n F.g.2. ^'^ Ab ^ Un Auff Sn, fj^ Un— , gn .Autor de]. B Scliönli'J-L \ ^^v^ q =h -rX^Oe Au KMofu Staatsdruiksrei. Sitzungsber. d. kais. Akad. d. Wiss., math.-naturw. Classe, Bd. XCVII. Abth. I. 1888. Dr. R. T. Schailb: Anatomie von Ihjdrodroma. Fig.l. Taf. V. KMofu Staatsdrmikerei Sitzungsber. d. kais. Akad. d. Wiss., math.-naturw. Classe, Bd. XCVII. Abth. I. 1B88. Dr. R. V. Schaub : Anatomie von Hydrodroma. Fig.l. Hod, 3 Gp Taf. VI. Fig. 2. Vd F'fl-3. ,^:^^^ •; b Fiq. 4. Ch Fl, clc Fia.G. Tili OrU. Fig. 7. St Or Eh U )'%i I.,. * Co «- Kldfcf-u StaatsflructErei. Sitzungaber. d. kais. Akad. d. Wiss, math.-naturw. Classe, Bd. XCVII. Abth. I. 188Ö, Ailor deüK Schön M^ Anatomie von Hi/drodroma. 9^ ZU erklären sein, dass sich der Untersuchung- derselben nicht unerhebliche Schwierigkeiten entgegenstellen, indem einerseits deren Körperdicke und theilweise oder vollständige Undurch- sichtigkeit die mikroskopische Beobachtung lebender Thiere gar nicht oder nur sehr unvollkommen gestattet, während anderseits das Seciren durch Schneiden und Zerzupfen, wegen der geringen Grösse und der ausserordentlichen Zartheit der vielfach von Tracheen durchzogenen und umwachsenen Organe sehr viel Untersuchungsmaterial und Zeitaufwand erfordert. Literatur. Die ersten Bemerkungen über Wassermilben finden sich wohl bei Johannes Leonhardt Frisch*, in dessen Angaben über „die rothe Wasserspinne", während Johannes Swanimer- dam's^ Mittheilung, er habe zu seiner grossen Überraschung aus den an Nepiden festsitzenden Larvenstadien ein vollkommenes, spinuenähnliches Thier präparirt, die ersten auf die Entwicklung der Hydrachniden sich beziehenden Nachrichten sind. A. J. Roesel-^ kannte bereits zwei Formen von Hydrach- niden, deren eine er als Wassermilbe bestimmte, während er die andere, deren Entwicklung aus den an Nepiden haftenden Larvenstadien er direct verfolgt hatte, für eine echte Spinne hielt. Bei Karl v. Linne* finden wir schon eine genauere Be- schreibung einer Hydrachnide, die aber von ihm für einen das Wasser bewohnenden Acarus gehalten wurde. Aus seiner Defi- nition: ..Acarus aquaticus, abdomine depresso, tomen- toso, postice obtuso, ova in nepa ponens" geht hervor, dass ihm der Zusammenhang zwischen dem ausgebildeten Thiere uud den an Nepiden haftenden Larvenstadien auch schon bekannt war, doch lässt es sich kaum bestimmen, welche Hydrachnide er vor sich hatte. 1 J. L. Frisch, Beschreibung von allerlei Insecten. Berlin 1730. Bd. VIII, S. 5, Taf. III. -' J. Swammerdam, Bibel der Natur. Leipzig 1752. S. 97 u. 98, Taf. III, Fig. 5. 3 A. J. Roesel, Insecteubelustigungen. Bd. III, 1755. 4 K. V. Linu6, Fauna Suecica, edit. altera. Stockholm 1761. 7 * 100 K. V. Scbaub, Diese Mittheiluugen haben übrigens gegenwärtig nur mehr geschichtlichen Werth, und ähnlich verhält es sich auch mit den auf Hydrachniden bezüglichen Arbeiten von Blankart', Geoffroy ^, LedermUller ^, Sulzer*, Schrank^ und de Geer«. Erst in dem für die damaligen Hilfsmittel ganz vorzüglichen Werke von Otto Friedrich Müller' haben wir eine Arbeit, welche die Hydrachniden als besondere Thiergruppe behandelt. 0. F. Müller bildet auf Grundlage der vorhandenen Augenzahl drei Abtheilungen und unterscheidet im Ganzen 49 verschiedene Arten seines Geuus Hydrnchna, fügt jedoch selbst bei, dass einige davon wohl nur Männchen und Weibchen derselben Art sein dürften. Der Geschlechtsdimorphismus ist ihm nicht entgangen und ist er der erste, welcher den Copulationsvorgang beob- achtet hat. Die das Werk begleitenden vorzüglichen Abbildungen ge- statten jedoch nur einzelne, durch besondere Merkmale aus- gezeichnete Hydrachniden bestimmt wieder zu erkennen. Johann Christoff Fabricius* kannte 33 der in 0. F. Müller's Werk beschriebenen Arten, die er in seinem Werke über Insecten alle mit dem Genus Tromhidium vereint, während er in seiner späteren Arbeit^ für dieselben ein neues Genus Atax schafft. Peter Andreas Latreille '" theilt die Hydrachniden in drei Genera je nach der Bildung der Mundtheile: „Eylais, Hydrachna und Limnochares'-^. Er weist bereits darauf hin, dass der Rüssel 1 Blankart, Schauplatz der Raupen. - J. L. Geoffroy, Histoire abregee des Insectes. •^ Ledermüller, Mikroskopische Ergötzungen. * Sulzer, Kennzeichen der Insecten. 5 Schrank, Beiträge zur Naturgeschichte. *5 de Geer, Memoires pour servir ä l'histoire des Insectes. Tome VII. ■^ 0. F. Müller, Hydrachnae quas in aquis Daniae palustribus detenit etc. Leipzig 1781. 8 J. C. Fabricius, Entomologia systematica. Köpenhamm 1782 — 98. Tom. IL 9 Derselbe, Systema Antliatorum. Bruswigiae 1805. p. 366. 10 P. A. Latreille, Cours d' Entomologie, preraiere ann6e. Paris 1831. p. 557. Anatomie von Hydrodroma. 101 der Hydrachniden aus zwei Seitentheileu zusammengesetzt sei, die den Unterkiefern entsprechen. A. Dug^s* Stelltees fest, dass der Rüssel morphologisch den Grundgliedern der Kiefertaster entspricht, dass diese fUnf- gliederig und dass die Beine siebengliederig sind. Indess blieb seine Kenntniss der inneren Organisation immerhin noch sehr mangelhaft. Duges kannte 13 verschiedene Formen, die er ziemlich glticklioii in sechs Genera zusammenfasste: 1. Atax (Fabricius) mit drei Species. 2. Diplodontus (Duges) mit drei neuen Species. ?>. Arrenurm (Dugös) mit drei Species, worunter eine neue. 4. Eylais (Latreille) mit einer Species. 5. Limnochares (Latreille) mit einer Species. 6. Hydruchna (0. F. Müller) mit zwei Species. C. L. Koch'^ ist mit seiner Systematik bei weitem weniger glücklich gewesen, da er ein zu grosses Gewicht auf äussere Anhaltspunkte untergeordneter Art, wie beispielsweise die Färbung legte, und diese zur Bestimmung der einzelnen Species verwerthete, während er als Hauptmerkmal für die Bestimmung der Genera die sogenannten Rückenstigmen und deren gegen- seitige Lage benutzte. Seine Arbeit ist zwar von vielen Ab- bildungen begleitet und gewähren diese mitunter brauchbare Anhaltspunkte, um einzelne seiner, in 13 Genera eingetheilten, 127 Species wieder zu erkennen, doch ist sie wissenschaftlich von nur geringem Werthe. Felix Duj ardin •'' hat sich vornehmlich dem Studium der anatomischen Verhältnisse gewidmet, doch bezieben sich seine Untersuchungen weniger auf Hydrachniden als vielmehr auf das Genus Trombid'nnu. Von Wichtigkeit ist, dass er constatirte, das 1 A. Duges, Recherches sur Tordre des Acariens en gönöral et la famille des Trombidies en particulier. Annales des sciences natur. seconde 86rie, Tome I et IL Paris 1834. 2 C. L. Koch, Deutschlands Crustaceen, Myriapoden und Arachniden. Regensburg 1835—1841. Derselbe, Übersicht des Arachnidensystems. Nürnberg 1842. s F. Dujardin. Premiere memoire sur les Acariens et en particulier sur etc. Anuales des sciences natur. 1845. Tome III. 102 R. V. Schaub, Nervensystem werde nur durch ein grosses Gangliensystem repräsentirtj dagegen fanden seine Behauptungen, der Darm ent- behre der eigenen Wandungen und sei nur eine Lacune, die Geschlechtsorgane seien bedeutend reducirt, vielfach herrsche Hermaphroditismus, schon damals heftigen Widerspruch. J. van Beneden^ beschreibt die Entwicklung von Ataar ypsilophorns, ohne, wie er selbst bemerkt, auf die Anatomie ein- zugehen, und hebt nur gegenüber Dujardin hervor, dass ein selbständiger Verdauungsapparat mit differenzirten Wandungen vorhanden sei, dass dagegen Ataa? yj)silophorns keinerlei Eespirationsorgane besitze. Ragnar Magnus Bruzelius'^ schwedische Abhandlung befasst sieb vorzüglich mit äusseren Verhältnissen und mit Systematik. Eduard Claparede^ ist es, der die anatomischen Verhält- nisse und die Entwicklung der Wassermilben zuerst genauer erforschte. Aber auch dieser Forscher Hess noch Manches unauf- geklärt und ist, wie wir sehen werden, in der Deutung einzelner Organe nicht frei von Irrthümern geblieben. Der Hauptwerth seiner Untersuchungen liegt indess in den entwicklungsgeschicht- lichen Mittheilungen. In den diesbezüglichen, an Ätace Bonzi, dem Schmarotzer der Unionen, gemachten Beobachtungen, er- scheint eine Grundlage für die Entwicklungsgeschichte der Hydrachniden überhaupt niedergelegt. M. Krendowski's* Abhandlung über die Metamorphosen der Wassermilben ist in russischer Sprache erschienen, war mir daher nicht zugänglich. ^ P. J. van Beneden, Recherches sur l'histoire naturelle et le d6ve- loppement de l'Atax Ypsilophora. Mömoires de l'acad. roy. de Belgique. Tome XXIV. 1850. 2 R, M. Bruzelius, Beskrifing öfver Hydrachnider som förekomma inom Skäne. Lnnd 1854. 3 E. Cl aparede, Studien an Acariden. Zeitschrift f. wiss. Zoologie. Leipzig 1868. Bd. XVUI, Heft 4. 4 M. Krendowski, Die Metamorphose der Wassermilben. Charkow 1875. (Russisch.) Anatoinie von Ihjdrodroma. 103 Die Abbandlungen über Hydrachniden von P. Kramer* sind faunistische Beschreibungen, theils Beschreibungen neuer Species, die zwar für den Systematiker werthvoU, in anatomischer Beziehung kaum von Belang erscheinen. Dessen „Beiträge zur Naturgeschichte der Hydrachniden" sind zwar in einen anatomischen und einen systematischen Theil getrennt, doch ist jedenfalls nur der letztere von einiger Bedeutung. Dass der Autor selbst das Hauptgewicht auf den systematischen Theil legte, wird schon in der Einleitung augedeutet, wo es heisst: „so dass wir im Ganzen und Grossen genommen, namentlich von dem inneren Bau und der Entwicklungsgeschichte dieser zum Theil winzigen Geschöpfe genügende Kennt niss be- sitzen." Und kurz darauf, allerdings im Widerspruche mit dem eben Citirten: „Es bleibt einer künftigen Beobachtung immer noch viel aufzuhellen übrig." Auch der Umstand beweist dies^ dass Kr am er die wichtigeren anatomischen Angaben im systemati- schen Theile ausführlicher bespricht, und dass von den 35 Ab- bildungen nur drei sich auf innere anatomische Verhältnisse beziehen und diese in sehr einfacher, gewiss nicht vollkommen ausreichender Weise ausgeführt sind. Die anatomischen Angaben selbst werden meist unter Hinweis auf die Beobachtungen früherer Forscher gemacht und sind, sowie die wenigen neuen Angaben vielfach unzulänglicii und unbestimmt. Ebenso erscheinen die Arbeiten von H. Lebert^ und F. A. Forel'' entweder als systematisch-faunistische Beiträge oder als Feststellungen und Beschreibungen bekannter und neuer Formen. 1 P. Kr am er, Beiträge zur Naturgeschichte der Hydrachniden; Wiegraann's Archiv für Naturgeschichte, Jahrg. XLI, Bd. I., 1875. Derselbe, Neue Acariden, loco cit. Jahrg. XLV, Bd. I., 1879. 2 Herrn. Leber t, Materiaux pour servir ä l'ötude de la faune profonde du Lac Leman par Dr. F. A. Forel. I. Serie §. XIII, Hydrachnides. Bulletin de la Societe Vaudevoise de sciences natur. Nr. 72, Lausanne 1874, p. Gl. Derselbe, Hydrachnides de la faune profonde du Leman, ebenda Nr. 80, Lausanne 1878, p. 404. Derselbe, Hydrachnides du Leman, ebenda Nr. 82, Lausanne 1879, p. 327. 3 F. A. Forel, Faunistische Studien in den Süsswässern der Schweiz, Zeitschrift f. wiss. Zoologie. Bd. XXX, Suppl. Leipzig 1878. 104 R. V. Sc ha üb, Auch F. Könicke^ liat sich vornehmlich mit der Systematik der Hydrachniden befasst, doch finden sich in seiner Arbeit: „Über das Hydrachnidengenus Atax Fabric." einige an Ataa; crassipes Müll, und Nesaea nodata Müll, gemachte ana- tomische Beobachtungen über das Vorhandensein von Oviduct, Vas deferens, Penis und dessen Chitingerüste, welche, weil an Thieren in toto gemacht, allerdings nur als Vermuthung ange- führt werden, aber den von mir bei Hydrodromu gefundenen Ver- hältnissen vollkommen entsprechen. Die vorwiegend systematische Bedeutung der in schwedischer Sprache erschienenen Abhandlungen von C. J. Neu mann ^ ist nicht zu verkennen. In der umfangreichen Arbeit „Om Sveriges Hydrachnider" ist in sbe sonders ein umfangreiches Material zum Bestimmen der Hydrachniden niedergelegt. Eine bedeutendere, zugleich auch die einzige mir bekannte^ speciell anatomische Bearbeitung der Wassermilben ist die Ab- handlung A. Croneberg's^ über ,,Eylais'-^. Sie ist leider in russischer Sprache abgefasst, doch hat der Autor eine gedrängte Zusammenstellung der Ergebnisse seiner Forschung in deutscher Sprache im zoologischenAnzeiger* veröffentlicht. In grossen Zügen sind da die wichtigeren anatomischen Verhältnisse dar- gestellt, doch scheint auch noch Manches unerforscht geblieben 1 F. Könicke, Beitrag zur Kenntniss der Hydrachnidengattung Midea Bruz., ebenda, Bd. XXXV, Leipzig 1881. Derselbe, Revision von H. Lebert's Hydrachniden des Genfer Sees ebenda. Derselbe, Über das Hydrachnidengenus -4<öa- Fabricius, Verhandl. d. Naturforscher- Vereines in Bremen, Bd. VII, Heft 3, 1882. Derselbe, Verzeichniss von im Harz gesammelten Hydrachniden,. ebenda, Bd. VIII, Heft 1, 1883. Derselbe, Einige neubenannte Hydrachniden, ebenda, Bd. IX., Heft 2, 1885. 2 C.J. Neumann, Vestergöthlands Hydrachnider. Öfversigt af köngl. Vetenskaps-Academiens-Förhandlingar. Stockholm 1870. Derselbe, Om Sveriges Hydrachnider. Köngl. Svenska-Vetenskaps, Academiens-Handlingar, Stockholm 1880, Bd. 17, Nr. 3. 3 A. Cr oneberg, Über die Anatomie Ei/hns extendens (0. F. Mülle r)- mit Bemerkungen über verwandte Formen (russisch). Moskau 1878. 4 Derselbe, Über den Bau der Hydrachniden. Zoolog. Anzeiger von V. Carus. Leipzig 1878. Jahrg. I, Nr. 14. Anatomie von Ifi/drodmnia. 105 ZU sein, wie zum Beispiel die Details des Nervensystems und der Sinnesorgane, über welche auch in den Tafeln zur grossen russischen Arbeit nicht viel zu sehen ist. Dass ferner Crone- berg's Untersuchung nicht ganz frei von Irrthümern blieb, geht aus dem Umstände hervor, dass er die Existenz einer Aus- führungsöifnung des Verdauungsapparates direct in Abrede stellt. Zum Schlüsse habe ich noch die auf das Thema bezüglichen Untersuchungen des eifrigen Milbenforsehers G. Hai 1er anzu- führen. In verschiedenen Arbeiten allgemeinen Inhaltes über Milben, als über Parasitismus^, über Systematik^ u. dgl. werden an entsprechender Stelle auch die Hydrachniden berück- sichtigt, indessen haben diese Excurse keine Beziehung zur inneren Organisation. Speciell über Hydrachniden sind mir nur drei Arbeiten Haller's bekannt. Die grösste, eine faunistische Bearbeitung der Hydrachniden der Schweiz^ behandelt zwar auch die Anatomie, aber nur als allgemeine, auf der bis- herigen Forschung fussende Skizze, während die einzelnen neuen Befunde sich vornehmlich auf das Hautskelet beziehen. Die Abhandhing über die Sinnesborsten der Hydrach- niden* stellt sich mehr minder als physiologische Speculation dar, behandelt übrigens auch nur äussere Hautanhänge. In den acarinologischen Studien^ desselben Autors findet sich auch die Beschreibung einer marinen Hydrach- nide. Es handelt sich zwar auch hier nur um die äussere Be- schreibung der Pontarachna punctidum (Philippi), doch ist diese Abhandlung insofern von Wichtigkeit als wir, seit Philippi*^, der diese Hydrachnide zuerst fand, aber nur ungenügend be- schrieb, keine weitere Kenntniss über marine Hydrachniden 1 G. Hall er, Die Milben als Parasiten. Halle a. d. S. 1880. - Derselbe, Die Mundtheile und systematische Stellung der Milben. Zoolog. Anzeiger von V. Carus. Leipzig 1881, Nr. 88. 3 Derselbe, Die Hydrachniden der Schweiz. Bern 1882. * Derselbe, Zur Kenntniss der Sinnesborsten der Hydrachniden. Wiegmann's Archiv f. Naturg. Heft 1, 1882, Jahrg. 48. •■> Derselbe, Acarinologische Stiulien. Wiegmann's Archiv f. Naturg. 1880, Bd. I. ^ Philippi, Wiegmann's Archiv f. Naturg. 1840. Bd. I. 106 R. V. Schaub, besitzen. Wenngleich nun in der Literatur bislang keine weitere Erwähnung mariner Hydra ehniden zu finden ist, so berechtigt dies Haller noch nicht zu dem Ausspruche: „Kurz und gut, es ist die einzige echte marine Hydrachnide unter den Meeresbewohnern." Ich muss mich umsomehr gegen diese Behauptung wenden, als sich in meiner Sammlung mikroskopischer Präparate zwei in Canadabalsara conservirte Formen echter mariner Hydrachniden befinden, welche der von Poiitarachna gegebenen Beschreibung nicht entsprechen. Ich hatte dieselben gelegentlich meiner Studien an der k. k. zoologischen Station in Triest im Herbste 1875 unter anderem Untersnchungsmateriale gefunden, inter- essirte mich aber damals nicht weiter für den Gegenstand. Über (las Genus Hydrodroma (C. L. Koch). Es erschien mir für den Erfolg und zur Erleichterung der Untersuchung wichtig, die anatomischen Verhältnisse einer Art zunächst genau festzustellen. Daher wählte ich als Grundlage vorliegender Arbeit eine im sogenannten „Heustadelwasser" des k. k. Prater leicht und am häufigsten erhältliche Wassermilbe (Taf. I, Fig. 2 und 3), die ihrer Grösse wegen auch zu Unter- suchung durch Schneiden und Zerzupfen besonders geeignet erschien. Es zeigte sieh, dass sie dem Genus Hydrodroma angehört. Eines der charakteristischen Merkmale dieser Hydrachnide ist ein kleines stark chitinisirtes Rückenschild (Taf. I, Fig. 3 /?, Taf. II, Fig. 7), welches vorn zwischen den Augen unter der Haut liegt, aber deutlich durch dieselbe erkannt wird. Die einzigen Autoren, welche Hydrachniden mit einem solchen Schildchen beschreiben, sind C. J. Neumann ^ und G. Haller^, und beide ordnen dieselben in das Genus Hydro- droma (C. L. Koch) ein. 1 C. J. Neumaun, Om Sveriges Hydrachuider. Kgl. Svenska Vetens- kaps-Handlingar. Stockholm 1880. Bandet 17, Nr. 3, p. 112. - G. Hai 1er, Die Hydrachnideu der Schweiz. Bern 1882, S. 47. Anatomie von Hydrodroiua. 10 i C. L. Kocb' vereinigte iu seinem Genus Hydrodroma vier verschiedene Arten: H. umbrata {Hydrachna umhrata 0, F. Müller?^, H. adspersa, H. astroidea und H. radinta] indess ist es heute nicht möglich festzustellen, vs'elche Hydrachnideu den Koch'schen vier Species entsprechen. Neumann^ nimmt das Genus Hydrodroma neuerdings auf, kennt aber nur eine Species, H. rubra (die er in seiner früheren Arbeit ^ als H. umbrata bezeichnet hatte) und ist auch nicht in der Lage, dieselbe mit einer der Koch'schen Arten zu identiticiren. Haller* beschreibt ausser H. rubra noch eine zweite neue Species H. heUetica. Während das Rückenschild von H. rubra am Vorderrande bogenförmig abgerundet und am Hinterrande tief hufeisenförmig ausgeschnitten ist (Taf. l\, Fig. 1) erscheint das Rückenschild von H. helvetica am Vorderrande in der Mitte in eine stumpfe Spitze ausgezogen (Taf. II, Fig. 3). Die Chitin- platten an der Geschlechtsöffnung sind bei H. rubra stumpf drei- eckig und haben je drei der sogenannten Haftnäpfe (Taf. II, Fig. 2). Bei H. heU-efica sind diese Chitinplatten breit und oval mit zahlreichen kleinen Chitinknöpfchen besetzt (Taf. II, Fig. 6). Die Figuren 1, 2, 3 und ß auf Tafel II sind aus Haller's'^ Arbeit aufgenommen. Die mir vorliegende Hydrodroma aus dem Wiener Prater stellt sich als eine Mittelform zwischen den beiden Vorgenannten dar. Das Rückensehild (Taf. II, Fig. 7) ist ähnlich wie bei H. helvetica, während die Platten an der Genitalöffnung (Taf. II, Fig. 5) an H. rubra erinnern. Dieselbe ist demnach wohl eine dritte neue Species, für welche ich den Namen Hydrodroma dispar wähle. Äussere Erscheinung. H. dispar (Taf. I, Fig. 2 und 3) hat einen weichen flach- gedrückten, ovalen, an dem Vorderrande etwas eckig ab- 1 C. L. Koch, Übersicht des Arachnidensystems. Nürnberg 1842, S. 32, Heft III. - C. J. Neumauu, 1. c. 3 Derselbe, Vestergötlauds Hydrachn. Öfvers. Vet. Acad. Förh. Nr. 2. ^ G. Haller, 1. c. 5 G. Haller, 1. c. Taf. HI, Fig. 3, b, 6 u. 8. 108 R. V. Schau b, gestumpften Körper, ist von schön rother Farbe und erreicht eine Grösse bis zu 2 mm Länge und 1-5 mm Breite. Auf der Rücken- fläche sieht man vier Reihen dunkler Punkte („RUckenstigmen" der Autoren), die Anheftungsstellen der den Körper vertical durchsetzenden Muskehi (Taf. I, Fig. 3 mc). An diesen Stellen ist die Rückenfläche etwas eingezogen und erscheint in Folge dessen wellenförmig gefurcht. Vorn an den abgestumpften Ecken liegt jederseits in einer starken helmartigen Chitinkapsel ein Paar grosser Augen, zwischen diesen hebt sich als dunkler Fleck (Taf. I, Fig. 3 R) das unter der Haut liegende charakteristische Rückenschild ab. Der vordere Körperrand springt falzförmig vor (Taf. I, Fig. 1/2;). Die vorderen zwei Drittel der Bauchfläche werden von dem Mundkegel, den Hüftplatten der vier sechs- gliedrigen Beinpaare und von den Platten an der Genitalöffnung bedeckt (Taf. I, Fig. 2). Das vierte Beinpaar ist am längsten. Die Hüftpiatten beider Seiten berühren sich median nicht. Die der beiden ersten und der beiden letzten Beine jeder Seite sind untereinander fest verbunden, während zwischen den Hüftplatten des zweiten und des dritten Beines jederseits ein Zwischenraum frei bleibt. Hinter den Hüftplatten des vierten Beinpaares befindet sich als mediane Längsspalte die Geschlechtsöffnung, von zwei schmalen, länglichen Chitinplatten, den sogenannten Genital- platten umschlossen (Taf. I, Fig. 2 gs^ Gp). Der Mundkegel bildet eine Art Saugrüssel, dessen Form an eine phrygische Mütze mit abgestutztem Zipfel ei innert (Taf. I, Fig. 2 MK). Schief nach vorn und unten gerichtet liegt er von dem falzförmig vorspringenden vorderen Körperrande überdeckt, zwischen den Hüftplatten des ersten Beinpaares. Ziemlich in der Mitte des Saugrüssels sind seitlich die fünfgliedrigen Kiefertaster eingelenkt. Die drei proximalen Glieder sind kurz und breit, das vierte ungefähr um die Hälfte länger und schmäler, läuft in eine Spitze aus, die mit dem fünften ganz kurzen klauenförmigen Gliede scherenartig articulirt (Taf. I, Fig. 2 Kt, Taf. H, Fig. 8). Das Endglied jedes Beines trägt eine zurückschlagbare zwei- zinkige Kralle (Taf. I, Fig. 3, Taf. II, Fig. 9). Männchen und Weibchen sind äusserlich nur durch die geringere Grösse ersterer iintersclieidbar. Anatomie von Hi/drodrotnu. 109 Integumeut. Die äussere Körperhülle wird von einer weich chitinisirten, mit kleinen dicht gestellten Papillen übersäten Cuticula gebildet (Taf. I, Fig. 1, 3 und 4 Pp). Dieselbe ist lederartig weich, durch- scheinend, farblos. Wo sich Muskeln ansetzen, Organe nach aussen münden oder Haarborsten eingelenkt sind, erscheint sie einfach verdickt, oder ist zu sprödem, festem Chitin erhärtet. Die Papillen sind innen hohl, so dass die Cuticula von der Innenseite gesehen, wie siebartig durchbrochen aussieht; auf den ebenen Flächen zwischen den Papillen zeigen sich sowold von aussen als von innen zarte wellenförmige Linien (Taf. III, Fig. 2). Die Hülle der Extremitäten, der Kiefertaster und des Mund- kegels, sowie die Hüftplatten und die Platten an der Genital- ötfnung sind zu festen, spröden Chitinstückeu erhärtet, die von dunkelgelber Farbe sind und von zahlreichen Poren siebartig durchbrochen werden. Im Querschnitte ist die Structiir dieser spröden panzerartigen Chitinplatten meist deutlich erkennbar und erscheint die Substanz dann aus vertical aneinander gedrängten, unregelmässigen, prismaförmigen Chitinstäben zusammengesetzt (Taf. V, Fig. 4 und 5). Unter der Chitinhaut findet man als deren Matrix eine dünne, von unregelmässigen Lücken durchbrochene Schichte homogen erscheinenden Gewebes. Diese Matrix ist zugleich die Trägerin des Pigmentes, welches in den Knotenpunkten , zwischen den Maschen zellenartig angehäuft ist und deutliche Kerne erkennen lässt. Median am Vorderrande des Rückens von einem Auge zu dem anderen reichend, liegt das charakteristische Rückenschild, dessen Form aus der Abbildung (Taf. IL Fig. 7) besser zu er- sehen ist als durch eine weitläufige Beschreibung. Es ist, wie man sieht, dem Rückenschilde von H. helvetka (Taf II, Fig. 3) sehr ähnlich und besitzt wie dieses fünf innere Aushöhlungen, die im optischen Querschnilte von oben gesehen, wie runde nach aussen führende Öffnungen erscheinen, von Haller auch für solche gehalten wurden, während dies nur der optische Ausdruck ist, der an den vier Ecken und median, zur Aufnahme von Organen, von innenher ausgehöhlten und daher an diesen Stellen 110 E. V. S c h a u b, bedeutend verdünnten Chitinschichte des Rückenschildes, welches seiner Structur nach auch aus unregelmässigen, senkrecht neben- einander gereihten Chilinprismen zusammengesetzt ist (Taf. V, Fig. 4 und 5 Cli). Nur über den eben besprochenen Aushöhlungen erscheint das Chitin des Rückenschildes homogen, flächenhaft ausgebreitet. Die papillöse Cuticula setzt sich über dem Rücken- schilde fort, nur jene fünf Stellen unbedeckt lassend. In den vier Ecken ist über den Aushöhlungen des Rückenschildes je eine feine Haarborste eingelenkt. Hai 1er erklärt die vier bei flüchtiger Betrachtung als Öffnungen erscheinenden Stellen in den Ecken des Rücken- schildes als Drüsenöffnungen, während er für die mittlere keine Erklärung geben kann.^ Wenngleich Hall er sich auf /T. helvetica bezieht, während ich H. dispar vor mir habe, so scheint mir doch die auffallende Ähnlichkeit, welche die Rückenschilde beider Formen zeigen, auch den Schliiss auf analoge anatomische Ver- hältnisse zu gestatten. Bei H. dispar lässt sich nun keine nach aussen führende Öffnung an jenen Stellen nachweisen, es können diese daher auch keine Drüsenöffnungen sein. Es befinden sieh auch wirk- lich keine Drüsen in den Aushöhlungen des Rückensehildes, sondern in der centralen Vertiefung ein kleines Auge, und in den vier eckständigen, je ein Sinnesorgan, worauf ich noch ausführ- licher zurückkommen werde. Das Rückenschild dient demnach nicht nur zahlreichen Muskeln zum Ansätze, und zwar vornehmlich Muskeln des Mund- kegels, sondern es dient auch als Schutzplatte für die unter dem- selben, respective in demselben eingelagerten Sinnesorgane. Die den Hydrachniden eigenthümiichen Hautdiüsen sind bei H. dispar in vier Längsreihen über den Rücken hin angeordnet. Die zwei mittleren Reihen beginnen vorn, rechts und links neben der seitlichen Einbiegung des Rückenschildes, setzen sich nach hinten über die Bauchfläche fort bis jederseits neben die Genital- platten. Die beiden übrigen Reihen verlaufen jederseits am Seitenrande des Körpers. 1 G. Hall er, Hydracliuideu der Schweiz, «. 47—50. Anatomie von Ht/drodromit. 111 Die Tuiiica propria dieser Drüsen ist äusserst zart und wird durch ein netzförmiges Gerüst dünner chitinisirter Leisten ge- stützt, so dass die Drüse das Bild eines zierlich genetzten Säckchens darbietet (^Taf. III, Fig. 2). Die Secretionszellen sind in zwei halbkugelförmige Gruppen getrennt, die sich mit der ebenen Fläche zugekehrt sind. Bei der Präparation werden die Secretionszellen in der Regel zerstört, so dass es selbst bei gut gehärteten Schnitten nur selten gelingt, einige Reste derselben innerhalb des Chitinnetzes anzutreffen, wodurch H aller wohl verleitet wurde, die Drüsen für einzellig zu erklären. Es werden aber gerade durch die Leisten des Chitinnetzes die Berührungs- stellen der einzelnen Secretionszellen und deren Lage markirt. Die Mündung nach aussen wird von einem zarten muskulösen Häutchen mit spaltförmiger Öffnung gebildet, welches von einem starken Chitinwall ringförmig umschlossen ist. Dieser Chitinwall ist von aussen in die Tiefe der Körperhaut eingelagert, so dass diese eine trichterförmige Einsenkung zeigt. Ein dreieckiger starker Chitinwall liegt als Träger der zur Drüse gehörigen Haar- borste neben und über der Ansführungsöffnung, so dass die Basis des Dreieckes den Chitinring jener tangirt (Taf. III, Fig. 2). Nach Angabe Haller's' endet der Ausführungsgang der Hautdrüsen bei H. helvetica in einen spitzen Chitinstachel, der durch ein besonderes Muskelsystem vorgeschoben wird. Bei H. dispar konnte ich eine ähnliche Einrichtung nicht tinden, muss aber auch gestehen, dass ich weder aus Haller's Zeichnung, noch aus dessen Beschreibung eine richtige Vorstellung über diese Einrichtung gewinnen konnte. Auf der unteren Seite des falzförmig vorspringenden vor- deren Körperrandes liegt, als Fortsetzung der beiden mittleren Drüsenreihen jederseits eine solche Hautdrüse, die sich dadurch von den anderen unterscheidet, dass die zugehörige Haarborste stärker und länger ist, und nicht in der Mitte eines dreieckigen Chitinwalles, sondern auf einer kegelförmigen kleinen Chitin- erhöhung eingelenkt ist. Es ist diese Haarborste das sogenannte antennitorme Haar. Unter demselben, unter der Chitinerhöhung, ist eine starke Pigmentanhäufung wahrzunehmen, die es nicht 1 (;. H aller, Hydrachniden der Schweiz, S. 48. 112 R. V. Schaub, gestattet, eine allenfalls herantretende Nervenfaser oder andere Details zu erkennen. Über die Gestalt der vier sechsgliedrigen Beinpaare und der dieselben tragenden Hüftplatten orientirt am besten die Ab- bildung (Taf. I, Fig. 2 und 3, und Taf. II, Fig. 9). Es wurde bereits hervorgehoben, dass auch hier das Integnment zu einem spröden Chitinpauzer erhärtet ist, der von zahlreichen grossen Poren siebartig durchbrochen wird. Die Beine sind vornehmlich die Träger zahlreicher mannig- fach geformter haarartiger Chitingebilde, der Haarborsten. Zu- nächst fallen die langen, glatten sogenannten Schwimmhaare auf, welche auf dem dritten, vierten und fünften Gliede der drei letzten Beinpaare angetroffen werden, am zahlreichsten aber am vierten Beinpaare sich vorfinden. Kurze, etwas gebogene, stachel- förmig glatte Haarborsten treten der ganzen Länge nach an sämmtlichen Gliedern auf und insbesondere an deren äusseren, nach oben gekehrten Seiten. Dagegen wird der distale Band jedes Gliedes an der nach unten gekehrten Seite von starken gefiederten Borsten besetzt, welche den Rand kranzförmig umgebend, von beiden Seiten nach dem Rücken des Beines zu an Länge ab- nehmend, an Breite zunehmen und schliesslich in kurze lanzett- ähnliehe Chitingebilde übergehen rTaf. II, Fig. 9 c, d). Am stärksten sind die proximalen Glieder mit diesen verschiedenen borstenförmigen Chitingebilden besetzt. Das sechste Glied trägt weder Schwimmhaare noch gefiederte Haarborsten, ist dagegen mit ganz kleinen kurzen Stacheln bedeckt. Zwischen all diesen verschiedenen Haarborsten kommen vereinzelte ganz dünne, zarte Haare vor. Diese verschieden geformten Chitingebilde lassen alle einen inneren canalförmigen Hohlraum erkennen, der mit Ausnahme der Schwimmhaare von einer dünnen rothen Pigmentschicht aus- gekleidet wird. Haller* hat es versucht, diese Chitingebilde als verschie- dene Sinnesorgane zu deuten. Dass einzelne als Tastorgane dienen und insbesondere zum Reinigen der Körperdecke ver- 1 G. Hall er. Zur Kenntniss der Sinnesborsten der Hydrachniden. Wiegraann's Archiv f. Naturg. 48. Jahrg. 188-2, Bd, I, Heft 1. Anatomie von Ni/drocfroma. llo Avendet werden, ist wohl kaum zu bezweifeln; aber die Gründe, die Hall er veranlassen, eine Gruppe speciell als Tastorgane, und andere wieder als Geruohsorgane zu erklären, scheinen mir doch nicht zu genügen. Ich habe dem Gegenstande speciell nach- geforscht, es gelang mir aber niemals, weder bei den durch- sichtigen Ataa.'-Avten in frischem oder gehärtetem Zustande, noch bei Hijdrodvomüj selbst an vorzüglichen Präparaten (die speciell die Nervenendigungen gut erkennen liessen), Nerven an die Haarborsten herantreten zu sehen, wie es Hall er schildert und zeichnet. Besonders bei Beobachtungen an lebenden Thieren (Hall er beruft sich gerade auf solche) ist man durch die bedeutende Körperdicke gehindert, starke Vergrösserungen ge- nügend scharf einzustellen und daher leicht Irrungen ausgesetzt. Mundtheile. Wie bei allen Hydrachniden sind auch bei Hydrodroma die Basalglieder der Kiefertaster zu einem Saugrüssel verschmolzen, der den Maxillen entspricht und die Kieferfühler (Mandibeln) einschliesst. Das Äussere der Mundtheile ist bereits so vielfach beschrieben worden, dass ich unter Hinweis auf die Abbildungen (Taf. I, Fig. 2, Taf. II, Fig. 4 und 8) und das bereits über Hydro- droma Gesagte nur hervorhebe, dass die fünfgliedrigen Kiefer- taster ungefähr in der Mitte des Mundkegels seitlich eingelenkt sind, dass die drei ersten Glieder derselben einige gefiederte und glatte stachelartige Haarborsten tragen, während das vierte Glied derselben entbehrt und nur an seinem distalen Rande zwei ganz zarte, feine, weiche Haare trägt. Das Endglied ist ein kleines, klauenförmiges, an der Basis kugeliges Chitingebilde (Taf. II, Fig.SÄ/), dessen Spitze aus zarten spitzigen Chitinborsten gebildet wird. Man kann kaum sagen, dass es mit dem vierten Gliede eine Schere bildet, wenngleich der für die systematische Stellung wichtige Scherentypus durch die krallenförmig vorstehende End- spitze des vorletzten Gliedes gewahrt bleibt (Taf. II, Fig. 8 ks). Über die Verhältnisse im Innern des Saugrüssels wurde erst durch Cronebergi einige Klarheit gebracht, er hat auch zuerst 1 A. Croneberg, Zoolog. Anzeiger von Y. Carus. 1878. Jahrg. I, Nr. 14, S. 317. Leipzig. Öitzb. (1. mathem.-naturw. Cl. XCVII. Bd. Abth. 1. 8 114 R. V. ScLaub, auf den Zusammenhang der eig-enthümlichen, seitDuges als Grundglieder der Kieferfühler angesehenen Chitingebilde mit dem Tracheensystem als dessen Luftkammern hingewiesen. Der kurze Bericht im zoologischen Anzeiger lässt mit Benützung der Tafeln zur ausführlichen russischen Abhandlung* deutlich die Analogie, wenn auch nicht die vollkommene Gleichheit mit den Verhältnissen bei Hydrodroma erkennen. Der äussere spröde Chitinpanzer des Mundkegels bildet an seinem vorderen Ende eine cylindrische Röhre, die sich nach oben nicht vollkommen schliesst und umgibt als solche die Mund- höhle. Der vordere Kand um die Mundöffnung geht von innen nach aussen zu, jederseits in breite palpenförmige Gebilde über, deren gezähnte Innenränder sich berühren, so dass die Mund- öffnuilg von aussen her verschlossen ist und die Spitzen der Kieferfühler durch eine kleine, zwischen den Palpen freibleibende Öffnung Vorschauen (Taf. III, Fig. 6 mpcc). Merkwürdigerweise gelang es mir nur an Horizontalschnitten, da aber regelmässig, mich von dem Vorhandensein dieser palpenförmigen Gebilde zu überzeugen. Bei Verticalschnitten, Zerzupfiingspräparaten etc. war nicht eine Spur von ihnen zu entdecken. Als Duplicatur des äusseren Panzers erstreckt sich nach innen eine dünne Chitinlnmelle. die, sich nach oben schliessend, einen kurzen Cylinder bildet, welcher die Mundhöhle darstellt. Der vordere kreisförmige Rand derselben lässt feine Einkerbungen erkennen und ist die eigentliche Mundöflfnung. Nach rückwärts geht der obere Theil dieses Chitincylinders in ein zartes cuti- culares Häutchen über, welches die Tracheenöffnungen trägt und sich unmittelbar darauf an die papillöse Cuticula auschliesst (Taf. I, Fig. 1 trö). Der untere Theil setzt sich aber in ein aus mehreren Bogen bestehendes Chitingerüste fort, und zwar in der Weise, dass ein Chitinbogen parallel dem äusseren Chitinpanzer des Mundkegels in der Längsrichtung bis an dessen Basis zieht, hier umbiegt und eine Duplicatur bildend, wieder zurück bis an die Mundhöhle geht, von wo dann nach rechts und links je ein seitlicher Bogen abzweigt (Taf. I, Fig. 1 ch^, ch^, ch^). Das ganze 1 A. Croneberg, Über die Anatomie von Eylai's extendens (0. F. Müller), mit Bemerkungen etc. (russischj. Moskau 1878. Anatdiuie von Jlyc/rodroinu. 115 Gerüst erscheint demnach als die Verbindung- zweier federnder Chitinbog-en^ deren Federungsebenen senkrecht aufeinander ge- richtet sind, wodurch dessen Bestimmung insofern erweitert wird, als es den Muskeln des Mundkegels nicht nur /Air An- heftung dient, sondern auch deren Wirkung durch Zurtickfedern nach erfolgter Contraction unterstützt. Die KieferfUhler (Maudibeln) liegen parallel dem oberen RUsselrande unmittelbar unter diesem, mit dem krallenförmigen Endgliede, den concaven Rand nach oben gerichtet, die Mund- höhle ausfüllend (Taf. I, Fig. 1 /(f). Die Kieferfühler sind zwei- gliedrig (Taf. II, Fig. 4). Das erste Glied bildet ein dreikantiges Chitinprisma (Taf. II, Fig. 4 G) mit zwei breiten und einer schmalen .Seite. Die schmale Seite dient als Basis und wird von zwei starken Chitinleisten gebildet, die durch eine Querleiste ver- bunden sind, wodurch zwei ovale Öffnungen entstehen (1 und 2). Die beiden breiten Seiten stellen von grösseren und kleinereu Löchern durchbrochene Chitiuplatten dar. Die von diesen ge- bildete Kante fällt nach rückwärts gegen die Basis ab, mit dieser eine stumpfe Spitze bildend. Nach vorn läuft die Kante in eine sehr dünne vorspringende Cbitinspitze aus, gegen welche das Endglied scherenartig articulirt. Das Endglied selbst stellt eine starke Chitinkralle dar (Taf. II, Fig. 4 E), deren Basis auf einer kugeligen Chitinverdickung des ersten Gliedes eingelenkt ist (i(i. 11 < Die Tracheen der Mundtbeile haben ihren Ursprung einzeln direet aus der Luftkammer (Taf. III, Fig. 8 //•), alle anderen Tracheen zweigen von dem aus der Luttkammer abgehenden Tracheenhauptstamme (TH) ab, welcher 0-004 mm dick, sich kurz nach seinem Austritte aus der Luftkammer gabelig in einen längeren und einen kürzeren Hauptast theilt, von welchen dann die einzelneu Tracheen abzweigen. Nach Haller' sollen die unter der Haut verlaufenden Tracheen der Hydrachniden kolbig angeschwollene Enden haben, durch welche eine Wasserathmung ermöglicht wäre. Diese kolbig angeschwollenen Enden habe ich nicht auffinden können, auch nicht an den durchsichtigen Atn.v- Arten und vermuthe ich daher, dass Haller durch die vielfach von der Peripherie nach innen zu abbiegenden Tracheen getäuscht wurde, welche aller- dings, wenn man sie durch tiefere Einstellung des Objectives in's Innere verfolgt, an der Umbiegungsstelle den Eindruck eines kolbig angeschwollenen Endes machen. H all er ^ erwähnt ferner einer Anzahl Poren (abgesehen von den Hautdrüsen), welche allgemein bei den Hydrachniden zu finden seien, und wie Ha 11 er schreibt: „in die auch von mir nachge- wiesenen Claparede'schen Blasen führen und mit einem einfachen Muskelring verschliessbar sind." Was Haller unter Claparede'schen Blasen versteht, ist nicht weiter ausge- führt. Es sind wohl die nach Einwirkung von Osmiumsäure sich violett schwarz tingirenden Blasen gemeint, welche Claparede^ hei Ataie Bonzi gefunden und da, Ataa^ Bonzi keine Tracheen besitzt, als Respirationsblasen deutet. Claparede fand indess trotz sorgfältigen Forscheus keine zu den Blasen führenden Poren, vermochte auch nur an Ataoe Bonzi die Blasen nachzuweisen. Dagegen will Hai 1er Poren und Schliessmuskel nachgewiesen haben. Vergleichen wir nun die Haller'sclie Zeichnung, — denn eine andere Angabe, wo und wie die Blasen zu finden sind, sucht man vergebens im Texte — ,so fällt es sofort auf, dass sowohl ihrer Situation nach, sowie auch nach der Art. wie Haller diese Poren 1 G. Hai 1er, Hydrachniden der Schweiz, S. 23. ■^ G. Hall er, Hydrachniden der Schweiz, S. 24. 3 Claparöde, Studien au Acariden, Zeitschr. f. wiss. Zoologie. Bd. XVm, Heft 4, S. 478. 118 R. V. Schaub, als Cbitiüverstärkungeu zeichnet, dieselben ganz den stark chitinisirten Hautstellen entsprechen, an welchen sich die Mus- keln zur Verbindung der Bauch- und Rückenfläche anheften. Die Blasen und Schliessmuskeln selbst sucht man vergebens in den Abbildungen. Fast alle Autoren geben der Vermuthung Raum, dass bei den Hydrachniden, ausser der Luftathmung durch Tracheen, auch eine Wasserathmung stattfinde. Obwohl bisher keine diesbezüg- lichen Organe aufgefunden wurden, gewinnt diese Vermuthung durch die Beobachtung an Wahrscheinlichkeit, dass einige Hy- drachniden der Tiefenfauna des Genfer Sees auch im Aquarium nie an die Oberfläche des Wassers schwimmen sollen, und dass die in Muscheln lebenden Ataa^-Arten der Tracheen gänzlich entbehren. Ohne nun eine bestimmte Behauptung aufstellen zu wollen, möchte ich hier vielmehr nur die Frage anregen, ob nicht ein Theil der an den Extremitäten so zahlreich auftretenden gefieder- ten Haarborsten in Beziehung zu einer Wasserathmung zu bringen sei. Es wurde mir dies hauptsächlich dadurch wahrscheinlich, dass ich häufig beobachtete, wie Hydraclmiden anscheinend ruhig auf Wasserpflanzen oder an der Wand des Aquariums sitzen, während es sich bei näherer Betrachtung zeigt, dass sie das dritte und vierte Beinpaar in lebhaft schwingender Bewegung erhalten, Herz und Blutgefässe fehlen gänzlich. Das von Haemamöben erfüllte Blut umspült frei die Organe und wird durch die Bewe- gungen der Mnskelcontraction in Circulation versetzt, wobei den die Bauch- und Rückenfläche verbindenden Muskeln durch Er- weiterung und Verengerung der Leibeshöhle eine Hauptrolle zufällt. An den durchsichtigen Afaa;- Arten lässt es sich gut beobachten, wie die Muskelthätigkeit bei Bewegung der Beine die Blutcirculation in denselben beeinflusst. Verdauuugsapparat, Secretioiisorgan, Muuddrüsen. Die Mundhöhle wird von einem Epithel runder Zellen ausge- kleidet, welche die äussere Chitinhaut ausscheiden (Taf. I, Fig. 1 M(/h). Rückwärts au der Basis der Mundhöhle mündet der muskulöse eigenthümliche Pharynx (Taf. I, Fig. 1 ph), welcher Anatomie von Ili/drodroma. 119 den ganzen Mnndkegel durch ziehend, dem mittleren in der Längs- achse gelegenen Cliitinbogen aufliegt. Der Pharynx ist ein an den Enden sich spindelförmig ver- jüngender Schlauch von 0-2mm Länge, 004w?w Breite, dessen Wandung zu festem 0-005 ww dickem Chitin erstarrt ist. Im Querschnitte (Taf. III, Fig. 6 ph) erkennt man, dass sich das Chitin dieses Schlauches, in annähernd gleichen Zwischenräumen in Form von Scheiben, welche zur Längsachse senkrecht gestellt sind, in das Innere fortsetzt, wodurch der ganze Innenraum in neun Abtheihingen zerlegt erscheint, deren jede von einem Bün- del starker Ringmuskeln erfüllt ist (limc). In der Achse durch- setzt den ganzen Schlauch ein sehr dünner Canal, das eigentliche Schlundrohr {Sl). Die Wirkungsweise dieser complicirten Ein- richtung ist in die Augen fallend. Durch abwechselnde Contrac- tion der Ringmuskeln in den einzelnen Abtheilungen wird das Schlundrohr partienweise verengt und erweitert, und wird auf diese Weise die Nahrung wie durch ein Pumpwerk in den Oesophagus befördert. Unmittelbar vor dem Nervencentrum geht der Pharjnix, eine kleine kropfförmige Anschwellung bildend, in den Oesophagus über. Dieser durchsetzt das Nervencentrum (Taf. I, Fig. 1 Oe), wendet sich nach dem Austritte aus demselben nach oben und mündet mit einer trichterförmigen Erweiterung von unten in den vorderen Thcil des Magendarmes. Das Speiserohr ist innen von kleinen ovalen Zellen ausgekleidet und hat einen Durchmesser von 0-OOSmm. Der Magendarm (Lebermagen Clap arides) von Hydro- ilronia erscheint kaum abweichend von dem allgemeinen, durch Croneberg mitgetheilten Verhalten bei anderen Hydrachniden. Wir finden einen centralen Hohlraum, von welchem aus vier paare und ein unpaarer Blindsack sich an die Peripherie des Körpers bis dicht unter die Haut erstrecken. Diese Bliudsäcke zeigen ihrerseits wieder kleine, und diese wieder ganz kleine blindsack- förmige Ausbuchtungen ihrer Wandungen, so dass das ganze Organ ein traubenartiges Aussehen erhält (Taf. I, Fig. 3 LiW und Taf. III, Fig. 9). Die vier paarigen Hauptblind sacke vertheüen sich in der Weise, dass seitlich jederseits vom Centralraume, vorne, in der 120 R. Y. Schaub, Mitte und hinten je ein Blindsack bis an den Seitenrand und nach oben an die Rückenfläche reicht, während je ein Blindsack des vierten Paares jederseits hinten vom Centralraume nach unten abbiegt und sich unmittelbar über der Bauchdecke nach vorne bis zur Genitalötfnung- hinzieht. Der unpaare Blindsack geht vorne vom Centralraume ab nach oben bis zwischen die Augen. Am hinteren Ende bildet der Centralraum, in der Mitte zwischen den letzten paarigen Blindsäcken, einen nach abwärts gerichteten Trichter, der an die Bauchfläche herabreicht und sich an einen nach innen vorstehenden Chitinzapfen des Anusringes ansetzt (Taf, 1, Fig. 1 Ed). Dorsal liegt dem Central- raume das Excretionsorgan auf, die mediane Rinne ausfüllend, welche durch die seitlich nach oben reichenden Blindsäcke gebildet wird (Taf. I, Fig. 3 Eai). Der Magendarm erfüllt ungefähr drei Viertel der Leibeshöhle. Die Blindsäcke sind in der Regel so aneinander gedrängt, dass die einzelnen Abthei- lungen als ein G-anzes erscheinen. Untersucht man dieselben in frischem Zustande, so findet man dicht aneinander gedrängte kugelige Blasen von 0-02 ?mn Durchmesser, von einer äusserst zarten, dünnen Tunica propria umschlossen. Jede dieser Blasen enthält bis vier stark lichtbrechende, grünbraune Kerne, mit dunklem Kernkörperchen, zwischen welchen Fettkugeln und kleine braune Klünipchen des Mageninhaltes durchschimmern, wodurch dem ganzen Organe sein dunkelbraunes Aussehen ge- geben wird. Bei gehärteten Exemplaren sind die kugeligen Blasen ganz zusammengeschrumpft, so dass man im Querschnitte (Taf. I, Fig. 4 LMs) nichts mehr von ihnen wahrnimmt, dagegen erscheinen die Wandlingendes Magendarmes nur von den grünlich- braunen Kernen gebildet, zwischen welchen die Zellmembran, als schwache polygonale Contour, kaum hervortritt. Die Blindsäcke des Magendarmes werden vielfach durch Bindegewebsfaserzüge, die von der Hypodermis ausgehen, im Leibesraume suspendirt, wie denn das Bindegewebe überhaupt überall zwischen den Organen gefunden wird. Es erscheint dann als Maschenwerk farbloser Fasern, in deren Kreuzungspunkteu rundliche Bindegewebskörper von 0-006 mw Durchmesser, mit feinkörnigem Inhalte auftreten. Anatomie vou Hydrodroma. \2\. Wenngleich ich mit Croneberg zwischen den einzelnen Abtheiluni:en des Magendarmes, ihrer verdauenden Function nach, keinen Unterschied zu machen in der Lage bin, so muss ich den trichterförmig zum Annsringe führenden Theil des Central- raumes (Taf. I, Fig 1, Ed und Taf. III, Fig. 5 und 9 End) ent- schieden als Enddarm bezeichnen. Hierin steht meine Beobach- tung im geraden Gegensatze zu Cronebergs' Auffassung, welcher erklärt, dass ein Rectum nicht vorhanden, und dass der Mitteldarm blind geschlossen sei. Bei Hydrodroma dispar wenigstens habe ich die Ausführungsöflfnung mit voller Sicher- heit gefunden (Taf. III, Fig. 5 Ä) und halte ich es in Anbetracht der sich überall zeigenden Übereinstimmung im anatomischen Bau der Hydrachniden nicht für wahrscheinlich, dass Hydro- drotud dispar die einzige Hydrachnide sei, welche eine wirk- liche Afteröffiiung besitzt. Ventral in der Mitte zwischen dem hinteren Körperrande und den Genitalplatten ist die Körperhant zu einem wallförmigen Chitinringe von 0*046 /nm Durchmesser, dem Anusringe (.47- Taf. I, Fig. 1 und 2; Taf. III, Fig. 4 und 5) erhärtet, der eine spaltförmige Öffnung {Exö, Taf. III, Fig. 4) umschliesst. Es ist dies die Ausführungsöffnung des Excretionsorganes, welche von den Autoren bisher als Anus bezeichnet, auch für die After- öffhung gehalten wurde. DerAnusring ist an seinem vorderen äusseren Eande knopf- förmig ausgebogen (Taf. III, Fig. 4 z) und es zeigt sich, dass das Chitin desselben an dieser Stelle als 0*04 rnw langer und OOlSrwm dicker Zapfen in die Leibeshöhle vorragt {z, Taf. I, Fig. 1 und Taf. III, Fig. 5). Dieser Zapfen ist von einem 0-001 wm engen Canale durchbohrt (Taf. III, Fig. 5 Ä), welcher einerseits in das trichterförmige Ende des Enddarmes, anderseits als kleiner länglicher Spalt, die eigentliche Afteröffnung, nach aussen führt. An der Übergangsstelle in den Enddarm gehen zwei Muskel- bündel in entgegengesetzter Richtung ab. Das letzte Stück des Enddarmtrichters, welches an den Chitinzapfen herantritt, wird 1 Croueberg, Zoolog. Anzeiger, 1878, Nr. 14, S. 318. 122 R. V. Schaub, von kurzen Längsmuskeln gebildet, welche die Hinausbeförde- rung der Excremente besorgen. Die Afteröffnung wurde bereits von Malier^ gesehen, er erwähnt auch die secundirenden Muskeln, hat aber die Bedeutung dieser Öffnung nicht erkannt, da er dieselbe nur als prä anale Öffnung anführt. Das Excretionsorgan liegt dorsal dem Centralraiime des Magendarmes auf und wird von den seitlich nach oben gerichteten Blindsäcken theilweise überdeckt, so dass es in einer vollkom- menen Rinne liegt. Bei Hydrodroma wird es von einem ein- fachen, sich von der Unterlage weiss abhebenden Sacke gebildet, der sich nach vorne zu mehr minder ypsilonförmig erweitert {Ex, Taf. 1, Fig. 3). Die Ausdehnung des Organes variirt sehr stark bei einzelnen Individuen; ich fand es manchmal bis ganz nach vorne unter das Ruckenschild reichend, aber auch sich kaum über die Mitte des Rückens erstreckend. Letzteres Verhalten ist besonders bei trächtigen Weibchen häutig. Nach hinten sich an die Bauchfläche herabbiegend, geht es in ein senkrechtes, zur Ausführungsöffnung führendes, cylindrisches Rohr von 0*13 mm Länge und 0-0029 mm Durchmesser über, welches, wie der End- darm, von Längsmuskeln gebildet wird, die sich am Anusringe anheften {ME Taf. I, Fig. 1 und me Taf. IIT, Fig. 5). Die Aus- fUhrungsöffnung selbst wird von einer muskulösen Membran gebildet, welche das Lumen des Anusringes überspannt und im Längsdurchmesser spaltförmig geöffnet ist (Taf. III, Fig. 4 Exo). Zwei starke Muskelgriippen gehen seitlich von der Ausführungs- öffnung an die Seitenwand der Körperdecke. Das Excretionsorgan lässt sich sehr leicht isoliren. Man unterscheidet an demselben eine verhältnissmässig zähe, durch- sichtige, homogene Tunica propria, welche die Secretionszellen umschliesst (Taf. III, Fig. 1). Diese sind kugelige, dicht anein- ander gedrängte Blasen von verschiedener Grösse bis zum Durch- messer von 0-02 mm, mit feinkörnigem, undurchsichtig weissgrau erscheinendem Inhalte, der sich insbesondere au der Zellen- •peripherie anhäuft. Central ist in den Zellen je ein 0-003 mm grosser Kern mit Kernkörperchen deutlich sichtbar. Das Secret 1 G. Ha 11 er, Hydrachniden der Schweiz, S. 48 u. 50. Auatoiuie von Hi/drodroma. l-o findet sieh stets in grosser Menge ira Organe vor und ersclieint bei Anwendung von Immersions-Objectiven als eine Menge länglicher bis kreisrunder Körperchen, die sieb in heftiger Molecuhirbewegung befinden und concentrische, slark licht- brechende, bläuliche Ringe zeigen. Das Organ ist in Folge dieses eigenthUndichen, undurchsichtigen Secretes in jedem Präparate sofort zu erkennen, da es sich bei auifallendem Lichte als fein- körnige weisse Masse, bei durchfallendem Lichte aber scliwarz abhebt. Auch die Munddrüsen sind bei Hi/drodrouia, wie es Croneberg für Eijla'is angibt, in drei Paaren vertreten. Es sind zwei Paare mehr oder minder niereniormige Drüsen und ein schlauchförmiges Drüsenpaar vorbanden. Sie führen sämmtlich in die Mundhöhle; indess gelang es mir nicht, die Ausführungs- gänge vollständig bis an das Ende zu verfolgen. Ich konnte mich daher nicht davon überzeugen, ob sie, wie Croneberg für Eylnis angibt, jederseits in einen gemeinsamen Ausführungs- gang zusamraenmünden. Jedenfalls könnte dies nur ganz kurz vor deren Ende der Fall sein, da ich den getrennten Verlauf der einzelnen Ausführungsgänge ziemlich weit verfolgen konnte, während nach Cronebergs Abbildung* für Eyla'is der Aus- führungsgang der einzelnen Drüsen verhältnissmässig kurz, dagegen der gemeinsame Ausführungsgaug sehr lang erscheint. Die schlauchförmigen Drüsen (Taf. I, Fig. 4 schD) sind mit einem 0-012 w?w schmalen und (d\2mm langen durchsichtigen chitinisirten Bande jederseits neben dem Mundkegel vorne an die Chitinhaut fixirt (Taf. I, Fig. 4 5 — der Schnitt ist etwas schief ausgefallen, so dass auf der linken Seite die schlauchförmige Drüse nur mit einem Rudimente getroffen ist, dagegen ist rechts die grosse Drüse Dr nicht mehr im Schnitte). Sie erstrecken sich unter dem Magendarm ziemlich gerade nach hinten, bis in die Mitte der Leibeshöhle, wo sie nach mehrfachen Verschlingungen wieder umbiegend, jederseits gerade nach vorne zur Mundhöhle führen (Taf. I, Fig. 4 as). Die Drüsenschläuche sind nahezu cylindrisch, am Anfange etwas breiter, verjüngen sie sich gegen das Ende und gehen 1 Croneberg, Über den Bau von Eißais e.vtefidms, uebst Bemer- kungen etc. (russiscli). Moskau 1878, Taf. II, Fig. 36. 124 R. V. Schaub, schliesslich in einen engen Ausführungsgang über. Die Tunica propria erscheint homogen und ist innen mit rundlichen Zellen ausgekleidet, zwischen deren feinkörnigem Inhalte bei einzelnen ein punktförmiger Kern zu erkennen ist. Am Anfang der Drüse zeigen sich in der Längsachse einzelne Fettkngeln, wie eine Schnur an einander gereihter, sich verjüngender Perlen (Taf, III, Fig. 3 F^. Von den nierenförmigen Munddrüsen liegt das kleinere Paar unmittelbar vor dem Nervencentrum, dessen oberem Rande an- liegend (Taf. I, Fig. 1 und 4 D). Je eine Drüse der ungefähr um das Doppelte grösseren Drüsen des zweiten Paares liegt seitlich über der schlauchförmigen Drüse dicht unter der Rücken- haut (Taf. I, Fig. 1 und 4 Dr). Diese Drüsen sind bei den durch- sichtigen Atax-krtQXi sehr stark entwickelt, so dass sie sich median berühren und den Eindruck eines einzigen Organesmachen (Cliiparede hat eben diese Drüsen als das Nervencentrum bezeichnet). Der histologische Bau beider Drüsenpaare ist nahezu der- selbe. Die Tunica propria ist leicht röthlich pigmentirt und um- schliesst radial angeordnete, kegelförmige Secretionszellen, deren Spitzen central zusammentreffen, von wo ein kleiner Hohlraum in den schwach chitinisirten Ausführungsgang führt (Taf. III, Fig. 10). Die Secretionszellen sind mit feinkörnigem Inhalte erfüllt, aus welchem sich am peripherischen, breiten Zellenende eine 0017mm grosse, wasserhelle Blase abhebt, welche eine Gruppe stark lichtbrechender Körner enthält (Taf. III, Fig. 10 k). Bei starker Vergrösserung erkennt man, wenn man eine solche Blase aufsprengt, dass sie von einer Gruppe 0*0072 wm grosser Zellen ausgefüllt wird, deren jede einen grünlichen, stark lichtbrechen- den Kern von 0-002 mm Durchmesser enthält. Die grossen Drüsen haben einen Durchmesser von 0- 17 mm, deren Ausführungsgang von 007 jnm. Die kleinen Drüsen massen 0*05 mm, deren Ausführungsgang 0-004 mm. Bei den Hydrachniden mit durchsichtiger Haut sieht man mitunter den Fettkörper als Zellenlage, den Wandungen des Magendarmes aufgelagert, durchscheinen. Bei Hydrodroma scheint Anatomie von Hi/drodionia. l2'0 durch die zur Untersuchung nothwendige Träparation der Fett- körper zerstört zu werden, wenigstens gelaug es mir nicht, Spuren desselben aufzutinden. Nervensystem. Über das Nervensystem der Hydrachniden ist bislang nur sehr wenig bekannt. Cl aparede' erwähnt nur ganz allgemein, dass ein grosses Ganglion die Speiseröhre umgibt, hat aber, worauf ich bereits hingewiesen habe, die grossen Munddrüsen für das Schlundganglion gehalten. Ebenso drückt er sich nur ganz unbestimmt über die zum Auge führenden Sehnerven aus. Nach seiner Zeichnung^ lässt es sich auch kaum verstehen, wie Cl aparede sich den Zusammenhang des Schlundganglions mit den Augennerven vorstellte. Krämer^ gibt nur allgemeine Andeutungen. Er hat sich vom Durchtritte der Speiseröhre nicht überzeugen können und seine Schilderung des Eylais- Gehirnes als gelappt, erweist sich ganz unhaltbar. Croneberg* sah den Durchtritt des Oesophagus und führt an, neben den Hauptnerven der Beine noch je einen zweiten feinen Nervenstrang beobachtet zu haben, während schliesslich bei Haller^ gar nichts über das Nervensystem zu finden ist. Nur in der Abhandlung über die Sinnesborsten*^ hebt Haller hervor, Nervenenden beobachtet zu haben, die an die Sinnes- borsten herantreten. Das Nervencentrum von Hydrodromn zeigt keine Abwei- chung gegenüber den anderen Hydrachniden. Es ist auf ein grosses Schlundganglion beschränkt, welches ventral zwischen dem Mundkegel und dem Ausführungsgange der Geschlechtsorgane 1 Claparörte, Zeitschr. f. wiss. Zoolog. Leipzig. Bd. XVIII, Heft 4, S. 468. 2 Derselbe, 1. c. Tat". XXXII, Fig. 4. 3 Kramer, Beiträge z. Naturgesch. d. Hydrachniden-, Wiegmann's Archiv f. Naturgesch. Jahrg. 41, Bd. I, S. 282 u. 317. 4 Croneberg, Zoolog. Anzeiger, 1878, Nr. 14, S. 317 u. 318. 5 Hall er, Hydrachniden der Schweiz. 6 Derselbe, Zur Kenntniss der Sinnesborsten der Hydrachniden. Wiegmann's Archiv f. Naturgesch. Jahrg. 48, Heft I, 1882. 126 E. V. Schaub, liegt (Taf. I, Fig. IN). Es hat die Gestalt einer Bohne, so dass der Horizontaldurchsehnitt ein dem Kreise nahekommendes Oval darstellt, der Längsschnitt aber nierenförmig erscheint. Die Längsachse ist schief von oben nach unten gerichtet, die convexe Seite nach vorne, die concave Einbiegung nach hinten gekehrt. Das Speiserohr durchsetzt das Nervencentrum von vorne nach hinten, wodurch es in ein oberes und ein unteres Schlund- ganglion getheilt wird, die indess so nahe aneinander gerückt sind, dass sie eine gemeinsame Masse bilden, an welcher keine Schlundcommissur auffindbar ist. Die Länge des Nervencentrums beträgt 0-174m/w, die Breite 0-116 mm und die Dicke O'l tum. Das Nervencentrum ist von einem äusserst dichten Gewirre von Tracheen umgeben, welche der Präparation sehr hinderlich sind, so dass es namentlich bei Untersuchung frischer Exemplare gew^öhnlich nur gelingt, den Schlundknoten mit einem Kranze abgerissener Nervenstränge zur Anschauung zu bringen. Bei fortgesetzten Versuchen gewinnt man schliesslich gewisse Vor- theile, die endlich doch zu etwas besseren Resultaten führen. So gelang es mir die zu den Augen und die zu den Geschlechts- organen gehenden Nerven im Zusammenhange mit dem Centrum zu präpariren, sowie an einem besonders gelungenen Längs- schnitte den die Mundtheile versorgenden Nerv zu verfolgen. Das Nervencentrum wird von einer bindegewebigen, l)lass- roth pigmentirten, homogen erscheinenden Hülle, dem Neurilemm, umgeben, welches sich direct an den austretenden Nervensträngen fortsetzt und deren Nervenelemente wie eine Scheide umschliesst. Wo der Oesophagus das Schlundganglion durchsetzt, gestaltet sich das Neurilemm, zu dessen Durchtritte, zu einer an beiden Enden trichterförmig erweiterten Röhre durch das Nervencentrum. Die Nervenelemente erscheinen bei Beobachtung frischer Präparate als apolare, scheinbar die ganze Ganglienmasse erfül- lende Kugelzellen von 0-OOQ mm Durchmesser mit 0- 002 mm grossen Kernen und punktförmigen Kernkörperchen. Central zeigt sich eine dunkle, sternförmige Schattirung, deren Radien nach den austretenden Nervenfäden hin gerichtet sind (Taf. IV, Fig. 1 und '2 st). Zerzupft man ein gut gehärtetes Schlundganglion, so findet man, dass die centralen Nervenelemente ein dichtes Gewirre von äusserst feinen langen Fasern und Ganglienzellen bilden. Anatomie von Hi/drodroma. 127 Ist mau besonders glüeklich, so g-eliiigt es einzelne Oanglienzellen zu isoliren, welche sieh dann als bipolare Ganglienzellen dar- stellen. An frischen Exemplaren gelingt dies nie. Der Körper der Zelle ist mehr minder oval mit einem Längendurchmesser von 0- 012 mm und einem Querdurchmesser von O'OOl mm. Der Kern liat einen Durclimesser von OOOAmm, dessen Kernkörperchen OOOldmm-j der Zellinhalt erscheint fein grauulirt. In der Längs- achse der Zelle lassen sich, als fein granulirte äusserst dünne Fäden, nach beiden Seiten die Zellfortsätze verfolgen, deren Enden jedoch in dem dichten Fasergewirre wieder verschwinden. Ein besonders feiner Längsschnitt, der etwas schief die Medianebene traf, gestattete mir auch einen Einblick in die äusserst complicirte Anordnung der centralen Nerveneleniente (Taf. IV, Fig. 3). Die peripherischen Zellen scheinen opolare Ganglienzellen zu sein, wenigstens sieht man da noch nichts von dem weiter gegen die Mitte zu immer stärker werdenden Fasergewirre. Ziemlich in der Mitte hebt sich vor allen Andern ein Bündel dünner Längsfasern ab, welche auf die Richtung der Speiseröhre senkrecht gelagert sind, und einen kleinen Bogen über derselben bilden (Taf. IV, Fig. 3, co). Diesen Bogen betrachte ich als die Schlundcommissur, welche das obere und das untere Schlund- gangliou wie eine Brücke verbindet. Im oberen Schlundgauglion (06) gehen nun diese Fasern in ein dichtes Gewirre bipolarer Ganglienzellen und tibrillärer Nervensubstanz über, welches sich als eine dunklere, birnförmige Gruppe von Nervenelementen darstellt (.4m), die allmälig in die peripherische Zellenschichte übergehen. Diese Gruppe bildet die centralen Nervenelemente, von welchen die Augennerven ausgehen. Die fibrillären Elemente der nach vorne gerichteten Spitze dieser birnförmigen Gangliengruppe (Äu) lassen sich in eine zweite kleinere Gruppe (Ant) solcher Nervenelemente verfolgen, die am vorderen peripherischen Rande des oberen Schlund- ganglions liegt. Von hier entspringen die Nerven der Mund- werkzeuge. Bei Hydrodroma dispar findet sich in dem oberen Schlund- ganglion noch eine ganz kleine Gruppe solcher Ganglienzellen {fiiKj) an der nach oben gerichteten Peripherie desselben. Diese 128 R. V. Schau b, Gruppe entsendet den Nerv (na) zu dem im Rückenschilde dieser Hydrachnide eingelagerten unpaaren Aug-e. In der, dem unteren Schlundganglion (Un) angehörenden Partie des Nervencentrums theilen sich die Fasern der Schlund- commissur (co) nach vorne (w) und hinten (ä) umbiegend, und verlieren sich in einem complicirten netzartigen Faserwerk (f), w^elchesvondem nach hinten, unter dem Oesophagus (Oe) liegenden Theile des Ganglions (q) ausgehend, sich fächerförmig nach vorne (/') ausbreitet. Zwischen diesem Faserwerk sind zahlreiche Ganglienzellen eingestreut. Nach liinten gegen den nach unten gerichteten Rand hin geht ein Hauptfaserzug [fz) in eine dichte dunklere Gruppe von Ganglienzellen (gn) über. Diese Gruppe bildet die Centralstelle für die zu den Genitalorganen führenden Nerven (w^). Schliesslich finden wir im unteren Schlundganglion noch eine Gruppe solcher centraler Nervenelemente, die sich als länglicher, dunkler Streif (Fu) parallel der ganzen nach vorne gerichteten Peripherie hinzieht, der von den nach vorne abbie- genden Fasern (y) der Schlundcommissur ausgeht. Von hier ans haben die nach den Seiten abgehenden Nerven der Beine ihren Ursprung. Von dem unteren Schlnndganglion treten jederseits vier starke 0-017 mm breite Nervenstränge (Taf, IV, Fig. 1 und 2, n^, n^, n^, n^) aus, deren Eintritt in die Extremitäten ich verfolgen konnte. Neben jedem dieser Hauptstränge findet sich, wie schon Croneberg hervorhebt, je ein weit schwächerer Nerv von nur 0*0025 mm Dicke. DieseNerven konnte ich in situ nicht weiter ver- folgen, jedoch habe ich Präparate, wo dieselben allerdings aus ihrer Lage gerissen, doch noch in ziemlicher Länge erhalten sind, an wel- chen es sehr gut zu sehen ist, dass sowohl von diesen, als auch von den Hauptnervensträngen zahlreiche äusserst feine, sich vielfach verzweigende Nebenäste abgehen, die wohl einerseits an die Muskeln herantreten, anderseits sich an der Bildung des peri- pherischen Nervennetzes betheiligen. An den durchsichtigen Attiaj-Avten sieht man bei Anwendung von Immersion, dass unter der chitinisirten Haut ein weit- maschiges Netz peripherischer Nervenfasern liegt, deren Knoten- punkte, gewöhnlich unter den Haarborsten, aus einer oder Anatomie von Hi/drodruriia. 129 mehreren Gang-lieuzellen gebildet werden (Taf. V, Fig. 6 pn). Die schon wiederholt hervorgehobene Übereinstimmung des anatomischen Baues der Hydracliniden lässt wohl den Schluss gerechtfertigt erscheinen, dass ein ähnliches peripherisches Nervennetz allen Hydrachniden zukomme. Das nach hinten und unten gerichtete Ende des unteren Schlundganglions geht direct in ein Paar dicht nebeneinander liegende Nerven (Taf. l, Fig. 1; Taf. IV, Fig. 1 n^) von 0-012 mm Dicke über, welche längs der Bauchwand, gerade nach hinten, zu den Genitalorganen ziehen und sich in feine Fäden auflösend diese umspinnen. Es gelang mir einen derselben ziemlich vollständig zu isoliren. Der Hauptnervenstrang theilt sich nach Abgabe einzelner dtinner Seitenäste zunächst in zwei Hauptäste, welche, sich in znhlreiche Nebenäste auflösend, immer dünner werden, und schliesslich mit einem starken Ganglion von 0-062 mm Durch- messer enden. Von diesem Ganglion gehen wieder äusserst zarte sich dendritisch verzweigende Nervenäste nach allen Seiten hin aus (Taf. IV, Fig. 1 gl). Die bindegewebige Hülle der Nervenfasern hebt sich immer als homogene, wasserhelle Contour deutlich ab. Die Nerven - demente lassen gewöhnlich nur einen faserigen Bau erkennen; zwischen den Fasern (insbesondere an den Augennerven) sind spindelförmige Kerne mit Kernkörperchen sichtbar. In den zu den Geschlechtsorganen gehenden Nerven lassen sich meist an den verschiedenen Spaltungsstellen Ganglienkugeln erkennen. Von dem oberen Schlundganglion (Taf. IV, Fig.] und 2 Ang) geht vom äusseren, vorderen Rande jederseits ein starker Nerven- strang von 0-023 mm Dicke aus, welcher direct nach vorne zum Auge führt. Bei Besprechung der Augen komme ich noch aus- führlicher auf die Augennerven zurück. Von diesen nach innen zu und dicht neben denselben tritt jederseits ein zweiter, weit schwächerer Nerv aus (Taf. IV, Fig. 2 Ant), welcher ein kurzes Stück weit parallel zum Augennerven verläuft, dann sich in zwei gleichstarke Aste gabelig theilt, die nach einer kleinen Biegung in entgegengesetzter Richtung, fastgeradelinig auseinander laufen (a und b, Taf. IV, Fig. 2 Ant). An den Stellen, wo die beiden Nervenäste « und h nach entgegengesetzter Richtung abbiegen, Sitzb. d. mathem.-naturw. CI. XCVir. Bd. Abth. I. 9 130 R. V. Scliaub, werden sie durcli einen dünnen Nervenfaden (c) nochmals ver- bunden, so dass ein kleines Nervendreieck (a, 6, c) entstellt. Dieser Nerv (Ant) versorgt die Mundtheile, und zwar zieht der Ast a durch den Mnndkegel in die Kiefertaster, wo er, sich dendritisch theilend, an die einzelnen Muskeln herantritt. Der andere Nervenast b zieht zu den Muskeln der Kieferfühler, sich in derselben Weise dendritisch theilend. Es werden also Kiefer- fühler und Kiefertaster durch zwei Aste desselben Nerven versorgt, welcher, soweit meine Beobachtung reicht, dem oberen Schlundganglion angehört. Demgegenüber ist es von grossemlnter- esse, dass nach den neuesten Untersuchungen W. Winkler's^ bei den Gamasiden die Mandibeln von Nerven innervirt werden, die vom unteren Schlundganglion ausgehen und das obere Schlundganglion durchsetzen, während die Taster von eigenen dem oberen Schlundganglion angehörenden Nerven versorgt werden. An gut gehärteten Schnittpräparaten lassen sich die Nerven- enden in den Kieferfühlern sehr gut verfolgen. Die einzelnen an nach hinten gerichtet. Zu beiden Seiten der Geschlechtsspalte lie- gend, sind sie an dem derselben proximalen Rande mit starken Haarborsteu besetzt (Taf. II, Fig. 5 Gp). Die bisher bekannten beiden Formen der Gattung //i/^/ro^Z/owa {H. helvetica und H. riibrn) sind nach den Autoren auch dadurch ausgezeichnet, dass die sogenannten ,, Haft näpfc" an den Genital- platten durch eigenthümliche halbkugelförmig vorspringende Chitinknöpfe ersetzt werden. Bei Hydroilroma dispar findet man an den nach hinten gerichteten äusseren Ecken der Genitalplatten je einen grossen solchen Chitinknopf {K^) von O051 mm Durch- messer. An den nach vorne gerichteten Spitzen sitzt auch je ein solcher, aber etwas kleinerer Knopf {K^) von 0'044:mm Durch- messer, und unter dem der Geschlechtsöffnung proximalen Rande, etwas hinter der Mitte auf einer weich cliitinisirten, jederseits zwischen Geschlechtsöffnung und Genitalplatte vorsprin- genden Hautfalte befindet sich je ein napfförmiger Chitinring (A3) von OVdbmm Durchmesser. Letztere sind ihrer Function nach wohl als wirkliche Haftorgane aufzufassen, welchen insbeson- dere die gegenseitige Fixirung beider Geschlechter während der Begattung obliegen dürfte. Die Chitinknöpfe dagegen stellen hohle aus homogenen) starkem Chitin gebildete Halbkugeln dar, welche auf einem Chitinring den Genitalplatten aufsitzen und insoferne in Beziehung zum Copulationsvorgange treten, als innen an jedem derselben je ein kurzes, dickes Bündel starker, quergestreifter Muskeln angesetzt ist fTaf. I, Fig. 1 und Taf. VI, Fig. 4 m^), welches mit seinem anderen Ende an dieCopulationsorgane heran- tritt. Die Aufgabe dieser vier Muskelbündel, den Copulationsvor- gang zu unterstützen, ist durch ihre Lage und Anordnung wohl unzweifelhaft. Die weiblichen Geschlechtsorgane werden von zwei schlauch- förmigen Keimdrüsen gebildet, deren Enden vorne und hinten eng miteinander verschmelzen, so dass sich keine Grenze zwischen den Keimdrüsen jeder Seite nachweisen lässt, das ganze Ovarinm also als ein unpaares ringförmiges Organ sich darstellt (T&t VI, Fig. 6 0). Es liegt als seitlich zusammengedrückter, in die Länge gezogener Ring, analog den männlichen Geschlechts- organen unter dem Centralraume des Magens, nach vorne bis an das Schlundganglion, nach hinten bis an den Ausführungsweg 144 R. V. Sc ha üb, des Excretionsorganes reichend. Ziemlich in der Mitte des Leibesraumes, zugleich auch in der Mitte der beiden Längsseiten des Ovariums, geht jederseits aus denselben ventral gerade nach abwärts ein Oviduct ab (Taf, VI, Fig. 6 Ovd). Die beiden Ovi- ducte vereinigen sich kurz ober der Geschlechtsöffnung zu einem kugeligen Uterus (Taf. VI, Fig. 6 U), der in zwei muschelförmige muskulöse Hautfalten übergeht (Taf. VI, Fig. 6 Lp), welche zwischen den Genitalplatten eingefügt sind und mit ihrem äusseren, distalen Eande die Geschlechtsöffnung bilden (Gö). Diese unterscheidet sich von der männlichen Geschlechtsöffnung nur dadurch, dass die Ränder derselben hier nicht chitinisirt sind, sondern weiche Schamlippen bilden (Taf. VI, Fig. 6 Lp). Das Oriticiuui des Uterus wird durch starke Ringmuskeln muttermund- artig geschlossen (Taf. VI, Fig. 4 OrU). Die Genitalplatten sind genau so gebildet wie die der Männchen und treten ebenso die kurzen Muskelbtindel aus den Chitinknöpfen hier an das Orificium Uteri heran (Taf. VI, Fig. 4 A\). Nur an dem oberen und nach aussen gekehrten Theile der ringförmigen Keimdrüse entwickeln sich die Eier. Man findet sie stets ringsum auf der ganzen Keimdrüse in den verschiedensten Entwicklungsstadien dicht aneinander gedrängt, so dass der obere Theil der Keimdrüse ein traubenförmiges Aussehen erhält, während der untere Theil stets ganz frei von Eiern bleibt. Die ganz jungen Eier sind durchsichtige Bläschen, aus deren wasserhellem Inhalte sich deutlieh das Keimbläschen abhebt. Mit fortschreitender Entwicklung trübt sich das Protoplasma, es wird feinkörnig und erscheint zugleich von einer feinen Contour um- geben, die das Ei deutlich von der FoUikelwand abgrenzt. Letztere wächst an einem zarten Stiele mit der zunehmenden Grösse des Eies über die weniger entwickelten Nachbarn heraus (Taf. VI, Fig. 7 Sf). DasProtoplasma wird immer grobkörniger, das Ei undurchsichtig und erscheint endlich mit gelben Dotterkugeln erfüllt, so dass das Keimbläschen ganz verschwindet. Zugleich wird die Dotterhaut dicker, erscheint schalenartig chitinisirt und zeigt im Querschnitte eine radiale Streifiing. Haben die Eier ihren grössten Durchmesser ()• 1 wm erreicht, so scheint es, dass sie durch den Stiel des Follikels in den Keimschlauch gelangen. Dies direct zu beobachten ist mir zwar niemals gelungen, doch Anatomie von Hi/drodroma. 145 ist kaum ein anderer Weg denkbar, da man doch die soweit ent- wickelten Eier in dem unteren schlauchförmigen Theile der Keimdrüse findet. Wird im Frühjahre, kurz vor der Eiablage, ein hochträchtiges Weibchen geöffnet, so findet man in demselben bis 40 reife Eier, die alle im schlauchförmigen Tiieile der Keim- drüse liegen, welcher nun allerdings seine ursprüngliche Gestalt verloren hat und zu weiten dünnwandigen Kammern ausgedehnt erscheint, welche die ganze Banchfläche bedecken und sich seit- lich neben und zwischen die Mageublindsäcke zwängend, dorsal ausdehnen, so dass die sänimtlicheu anderen Organe auf ein Raumminimum zusamniengepresst werden. Das Ei erhält nun eine zweite Hülle (Taf. III, Fig. 11 EH), die durchsichtig weiss, die Dicke eines Eihalbmessers erlangt. Diese Hülle entwickelt sich als Zellenwucherung von verschie- denen Stellen der Eischale aus zugleich, und scheint direct aus den Eadiallamellen der Eischale durch Anschwellen derselben hervorzugehen, denn mit der Entwicklung dieser zweiten Hülle wird die Eischale dünner und verschwindet auch der radiale Bau derselben. Die zweite äussere Ei hülle besteht aus poly- gonalen Zellen bis zu 0'012ww Durchmesser, mit wasserhellem, keinerlei Differenziruug zeigendem Inhalte (Taf. III, Fig. 12). Im optischen Querschnitte erscheinen die Berührungsflächen der Zellen als stark lichtbrechende, chitinisirte Linien mit kleinen Knöpfchen an den Kreuzungspunkten. Das Ei färbt sich schön roth und gelangt durch die Oviducte nach aussen, wo dann diese äussere Hülle als Kittsubstanz dient. Histologisch kann ich nur mittheilen, dass der Keimschlauch aus runden Zellen von 0' Oll mm Durchmesser besteht, in welchen mitunter auch noch ein Kern zu erkennen ist. Der Keimschlauch wird von einer dünnen Tunica, die aber dicht von Tracheen durchzogen ist, umgeben, deren Traeheenreichthum die Präparation so schwierig gestaltet. Die FoUikelmembran, sowie der Stiel erscheinen homogen und sind wohl als die Zell- membran der sich zum Ei entwickelnden Zelle aufzufassen, welche nach dem Austritte des Eies sich wieder auf die ursprüng- liche Grösse reducirt; es gelingt niemals Follikelreste zu finden. Die Oviducte haben in gehärtetem Zustande einen Durch- messer von • OS nim, sie sind von einem Epithel ovaler kern- Sitzb. d. mathem.-naturw. Cl. XCVII. IM. Abth. I. 10 146 R. V. S c h a u b , führender Zellen ausgekleidet, welches sieh in den kugelförmigen Uterus fortsetzt; aussen sind sie von einer starken Schichte dünner Ringmuskelfasern umgeben, welche über dem Uterus als dreifache Schichte ihrer Richtung nach sich kreuzender Muskel- fasern erscheinen und sich bis in die Schamlippen fortsetzen. Basal legt sich um das Orificium Uteri noch ein starkes Ring- muskelbündel (Taf. VI, Fig. 6 Rm). Accessorische Drüsen habe ich nicht vorgefunden. Erkläruno- der Abbilduno-en. Tafel I. Sämmtliche Figuren beziehen sich auf Hijdrodroma dispar. Fig. 1. Verticaler Längsschnitt nahe der Medianebene durch ein Männchen. „ 2. Bauchseite eines Individuums mit Hinweglassung der Beine. „ 3. Rückenansicht, auf der linken Seite ist die Rückenhaut weg- genommen. „ 4. Horizontalschnitt durch ein Männchen. Die Schnittfläche liegt etwas unter dem Ceutralraume des Magendarmes, trifft noch die oberen Theile des Nervencentrums und ist ein wenig schief; links höher ist die dorsale, grosse Munddrüse noch getroffen, dagegen nur ein Stück der schlauchförmigen Drüse; rechts etwas tiefer fehlt erstere, dagegen ist letztere gut getroffen. Bezeichnung für alle vier Figuren: 1, 2, 3, 4 Hüftplatten des 1., 2 , 3., 4. Beinpaares, Ar Anusring, as Aus- führungsgang der schlauchförmigen Munddrüse, Au Augen, aii fünftes unpaares Auge im Rückenschilde, B Chitinband, an welchem die schlauch- förmige Munddrüse suspendirt ist, cÄj, cho, ch^ die drei Chitinbogen im Mundkegel, cArkuhhornförmig gebogene Chitinleiste des Penis, i) kleine vorne am Nervencentrum liegende Munddrüsen, Di' grosse dorsale Munddrüse, Ed muskulöser Ausführungsgang des Enddarmes, End Enddarm, Ex Ex- cretionsorgan, f^, /"o, /"g, f^ das 1., 2., 3., 4. linke Bein, fz falzförmig vor- springender vorderer Körperrand, Gp Genitalplatten, gs Geschlechtsöffuung, Hdr Hautdrüsen, Hg rechter und linker Ausführuugsgang der Hoden, Htr Traeheenhauptrohr, h\ vorderer, Ao hinterer Chitinknopf der Genital- Anatomie von Hi/drodromu. 147 platten, A3 napfförmig'ei- Ring, h'f Kieferfühler (Mandibel^, Kl Kiefertaster, LM Centralraum des Magendarnies, LMs seitliche Blindsäcke desselben, Lr Luftkammer der Tracheen (Grundglied der Kieferfühler;, m Muskeln des Mundkegels, /«j Muskeln in den Kieferfühlern zur Bewegung des End- gliedes, ffio Muskeln in den Chitinknöpfeu der Genitalplatten, /«g Muskeln des Penis, mc Ansatzstellen der die Rücken- und Bauchfläche verbindenden Muskeln, 3IE muskulöser Ausführungs weg desExcretionsorganes, iWA Mund- höhle, MK Chitinpanzer des Mundkegels, ml Muskeln, welche Rücken- und Bauchfläche verbinden, 31(1 Mundöffnung, A^ Nervencentruni, n^ Nerv für die (renitalorgane, Na Nerven für die grossen paarigen Augen, na Nerv des kleineu unpaaren Auges im Rückeuschilde, nk Nerv für die Mundwerkzeuge, Oe Oesophagus, P Penis, ph Pharynx, Pp Papillen der Cuticula, R Rücken- schild, schD schlauchförmige Munddrüse, trö Tracheenöffnung, Vd Vas deferens, z Chitinzapfen des Anusringes. Tafel II. Fig. 1. Rückenschild von Hydvodr. rubra nach Hall er, Ch Chitinkapsel der Augen, hb Haarborsten, R Rückenschild. „ 2. Genitalplatten von Hjidrodr. rubra nach Haller, Hn die sogenannten Haftnäpfe. „ 3. Rückenschild von Hjidrodr. lu-lvetica nach Hai 1er, Bezeichnung wie Fig. 1. „ 4. Kieferfühler (Mandibel) von Hjidrodr. dispar, i und 2 die beiden Offnungen in der Basis, E Endglied, G erstes Glied, gl Gelenkknopf für das Endglied, w Muskel zur Bewegung des Endgliedes. „ 5. Genitalplatten und Geschlechtsöffnung von Hijdrodr. dispar (^ von aussen, Gö Geschlechtsöffnuug, Gp Genitalplatten, K^ vorderer und Ä2 hinterer Chitiukuopf der Genitalplatten, A3 napfförmiger Chitin- ring derselben. „ 6. Genitalplatten von ////rf/w//. Är/re^/c« nach Haller, An sogenannte Haftnäpfe. „ 7. Rückenschild und rechtes Augenpaar von Hjidmdr. dispar von oben. Au das grosse, au das kleinere Auge, aug das unpaare kleine Auge im Rückenschilde, Ch Chitinkapsel der Augen, hb Haarborste, R Rückenschild, So die vier Stellen im Rückenschilde, in welchen die Sinnesorgane liegen. „ 8. Kiefertaster von Hjidrodr. dispar, kl klauenförmiges Endglied, ks kralleufönnige Spitze des vierten Gliedes, m Mukeln zum Be- wegen der einzelnen Glieder. „ 9. Drittes rechtes Bein von Hjidrodr. dispar, a kui'ze gebogene, stachel- förmige Haarborsten, b Schwimmborsten, c gefiederte Haarborsten, d lanzettförmige Chitingebilde. 10* 148 R. V. Schaub, Tafel III. Alle Figuren beziehen sich auf Hydrodr. dispar. Fig. 1. Ein Stück des Exeretionsorganes, S feinkörniges Secret, sz Secre- tionszellen, T Tunica propria, zk Zellkern. „ 2. Innenansicht der Cuticula mit einer Hautdrüse, ch dreieckiger Chitinwall der Haarborste, ehr ringfönniger Chitinwall der Drüsen- öffnung, Cu feine wellenförmige Linien der Cuticula, D Chitin- gerüste der Drüse, Hb optischer Querschnitt der Haarborste, p opti- scher Querschnitt der Hautpapillen, respective Basis derselben. „ 3. Anfangsstück der schlauchförmigen Munddrüse, chb chitinisirtes Band, mit welchem die Drüse an der Körperwand suspendirt ist, F Fettkugeln, T Tunica propria, st Secretionszellen. „ 4. Anusring, A Afteröft'nung, Exö Ausführungsöffnung des Secretions- organes, PC Papillen der Cuticula, r knopfförmiger Vorsprung an der vorderen Peripherie des Chitinringes. „ 5. Verticaler Längsschnitt durch den Anusring mit Enddarm und Ende des Exeretionsorganes, .4 Afteröffnung, Ar Anusring, Cu Cuticula, End Enddarm, Ex Excretionsorgan, m^ Muskeln an der Afteröffnung, mg Muskeln, die Ausführungsöffnung des Secretionsorganes secun- dirend, md muskulöses Ende des Enddarmes, mc muskulöses Ende des Exeretionsorganes, PC Papillen der Cuticula, * in die Leibes- höhle vorragender Chitinzapfen des Anusringes, in welchen der Enddarm mündet, „ 6. Horizontalschnitt durch den Mundkegel, Ay Chitinspitzen der Kiefer- fühler, Kr kropfförraige Anschwellung beim Übergang des Pharynx in den Oesophagus, mc Muskel zur Bewegung der Kiefertaster, mxp palpenartige Gebilde am Anfang der Mundhöhle, N Nerven- centrum, Oe Oesophagus, ph Pharynx, q scheibenförmige Querflächen im Pharynx, Rmc Ringmuskeln in den einzelnen Abtheilungen des- selben, Sl das Schlundrohr. „ 7. Zellengruppe aus einer wasserhellen Blase in den Secretionszellen der grossen Munddrüsen. „ 8. Eine der beiden Luftkammern (Grundglied der Kieferfühler), g gabelige Einsatthmg, Htr Tracheenhauptrohr, s sackförmige Er- weiterung, die eigentliche Luftkammer, TH Hauptstamm der aus der Luftkammer in den Körper ziehenden Tracheen, tr direct aus der Luftkammer abgehende Tracheen, trö Tracheenöffnung. „ 9. Magendarm von der Bauchseite, b vorderer unpaarer Magenblind- sack, 6,, Äo, 63, 64 die vier seitlichen paarigen Magenbliudsäcke, End Enddarm, Oe Oesophagus. „ 10. Querschnitt durch eine der beiden grossen dorsalen Munddrüsen, A Ausführungsgang, k wasserhelle Blasen, kk Zellengruppen in denselben, sz Secretionszellen, T Tunica propria. Anatomie von Hydrodroma. 14" Fig. 11. Reifes Ei, an zwei Stellen beginnende Entwicklung der zweiten Ei- hülle, Dh chitinisirte Eischale, Do Dotterkugeln, EH zweite EihüUe, „ 12. Ein Stück der zweiten (äusseren) Eihülle. Tafel IV. Alle Figuren beziehen sich auf Hydrodr. dispar. Oh oberes, Un untere» Schlundganglion. Fig. 1. Nervencentrum von der Bauchseite, Ant Nerven der Mundwerk- zeuge, Aug Nerven der grossen seitlichen Augen, gl Ganglienzellen,. «D 'hl "3) "i Nerven des 1., 2., 3., 4. Beinpaares mit neben jedem derselben austretendem zugehörigen dünnen Nervenfaden, 7?^ Nerven der Genitalorgane, Oe Oesophagus, st centrale als dunkle Schattirung auftretende Nervenelemente, von welchen die Nerven ausgehen. „ 2. Nervencentrum von der Seite, Ab Augenbulbus des grösseren, ah des kleineren linken Auges, Ant Nerv der Mundwerkzeuge, a Nervenast der Kiefertaster, b Nervenast der Kieferfühler, c Ver- bindungscoramissur beider, Aug Nerv des linken Augenpaares, na Nerv des unpaaren kleinen Auges im Rückenschilde, Wj, «.,1 «3) «4 Nerven des 1., 2., 3. 4. linken Beines, «5 Nerv der Genitalorgaue,. 5h, Seitenast des Augennerven für das linke vordere, 5«2 für das linke hintere Sinnesorgan im Rückenschilde, st centrale Nerven- elemente, von welchem die Nerven ausgehen. „ 3. Verticaler Längsschnitt durch das Nervencentrum, der Schnitt geht etwas schief von oben nach unten, so dass der Oesophagus erst in der unteren Hälfte getroffen ist, Ant Ausgangsstelle der Nerven für die Mundwerkzeuge, Au centrale Nervenelemente für die Nerven der paarigen Augen, aug desgleichen für das unpaare Auge im Rückenschilde, co Nervenfasern der Schlundcommissur, f fächer- förmiges Nervenfasernetz, Fu Centralstelle, von welcher die Nerven für die Beine ausgehen, fz Fasern des fächerförmigen Nervenfaser- netzes, welche in die centralen Elemente der Nerven für die Genital- organe übergehen, gn centrale Nervenzellen für die Nerven der Genital- organe, h die nach hinten abbiegenden Nerventaseni der Schlund- commissur in das fächerförmige Fasernetz übergehend, n schwacher Nerv neben dem Nerv für die Genitalorgane, «5 Nerv für die Genital- organe, na Nerv des unpaaren Auges im Rückenschilde, Oe Oeso- phagus, p peripherische Nervenzellen, q Ausgangsstelle des fächer- förmigen Fasernetzes, v die nach vorne abbiegenden Nervenfasern der Schlundcommissur, übergehend in die centralen Nervenelemente für die Nerven der Beine. Tafel V. Fig. 1. Horizontalschnitt durch die rechte Augenkapsel von Hgdrodr. dis- par, Au Augenbulbus des grösseren, au des kleineren Auges, B Bindegewebe, Chk Chitinkapsel der Augen, Cu Cuticula, L Linse 150 K. V. Schaub, des grösseren, / des kleineren Auges, h in den Augenbiilbus ragender Zapfen der Linse, N Augennerv. Fig. 2. Senkrechter Querschnitt durch die Chitinkapsel der Augen von Eyla'is, der Schnitt trifft jederseits das vordere grössere Auge, Au^^ linker, Au^ rechter Augenbulbus, Chk Chitinkapsel, L Augen- linse, h in den Bulbus ragender Zapfen der Linse, m Muskelbündel, iVdie beiden Aste der Augennerven für die grossen Augen, n Nerven der beiden Sinnesorgane, So die beiden Sinnesorgane. „ 3. Chitinkapsel des rechten Augenpaares von Hydrodr. dispar, Be- zeichnung wie Fig. 1. j, 4. Linke vordere Ecke des Rückenschildes von Hydrodr. dispar, Innen- ansicht, Ch Chitinprismen, n Nerv des Sinnesorganes, p Poren im Chitin, So das in das Eückeuschild eingelagerte Sinnesorgan. ^ 5. Medianer senkrechter Längsschnitt durch das Eückeuschild von Hydrodr. dispar, a das unpaare kleine dorsale Auge in demselben, Ch Chitinprismen des Rückeuschildes, Cu Cuticula, cl als Linse fun- girende homogene Chitinfläche des Rückenschildes über dem kleinen Auge. y, 6. Rechtes Doppelauge von Atax mit der umgebenden Körperpartie, von oben gesehen, Ah anteuiforme Haarborste, am Augenmuskel, CB Chitinbaud der Augenlinsen, Cu Cuticula, DAu Doppelauge, Hb Haarborste, Hd Hautdrüsen, L Linse des grösseren, l des kleineren Auges, md grosse dorsale Munddrüse, N die beiden nebeneinander liegenden Äste des Sehnerven, n Nerv des Sinnesorganes, pn peri- pherisches Nervennetz, So Sinnesorgan. ^ 7. Die Augenlinsen des rechten Doppelauges von Atax, Chb Chitin- band der grossen, chb Chitinband der kleineren Linse, Cu Cuticula, hl hackenförmiger Fortsatz der grossen Linse, L der centrale, stark lichtbrechende Linsenkörper des grösseren, / des kleineren Auges, pl peripherisches poröses Chitin der Linsen. Tafel VI. Alle Figuren beziehen sich auf Hydrodroma dispar. Fig. 1. Genitalplatten und Penis von innen gesehen, der Penis ist aus seiner natürlichen Lage von as^ nach as umgeschlagen, as stacheliger Chitinknopf mit der Ausführimgsöffnung, ck kuhhornförmig ge- bogene Chitinleisten zum Muskelansatze , Gö Geschlechtsöffuung, Gp Genitalplatten, K^ vorderer, ATo hinterer Chitinknopf der Genital- platten, K^ die beiden napfförmigen Chitinringe, P Penis, Sp Chitin- spangen zur Stütze des Penis. „ 2. Männliche Geschlechtsorgane, Hg rechter und linker Hodenaus- führungsgang, Hod Hodensäckchen, P Penis, Frf Vas deferens. „ 3. a einzelne Spermatozoen, b Spermatophorenkugel. Anatomie von Hydrodroma. 151 Fig. 4. Orificium uteri, Ch Stück der Genitalplatten, K^ vordere Chitin- knöpfe der Genitalplatten, /«o Muskeln in den Chitinknöpfen, OrU Orificium uteri. „ 5. Querschnitt durch ein Hodensäckchen, 5 Spermaballen, Sz Secre- tiouszellen, T Tunica propria. „ 6. Weibliche Geschlechtsorgane, Gö Geschlechtsöfinung, Lp muskulöse Hautfalte (Schamlippen), durch welche die GeschlechtsöfFnung ge- bildet wird, Ovarium, Ovd Oviduct, in einem derselben vier reife Eier, Rm Eingmuskeln, welche sich aussen um den Uterus legen, U Uterus. „ 7. Ein Theil des Ovariums mit Eiern in verschiedenem Entwicklungs- zustande, Eh chitinisirte Eischale, Km Keimschlauch, sich ent- wickelnde Eier, Or Ei kurz vor dem Verlassen des Follikels^ St Follikelstiel. SITZUNGSBERICHTE DER 1 ur 1) I FIEN. MATHBMATISCH-NATüRWISSENSrHAFTLICHE CLASSE. XOVII. Band. IV. Heft. ABTHEILUNG I. Enthält die Abhandlungen aus dem Gebiete der Mineralogie, Krystal- lographie, Botanik, Physiologie der Pflanzen, Zoologie, Paläon- tologie, Geologie, Physischen Geographie und Reisen. 15& IX. SITZUNG VOM 12. APRIL 1888. Der Vorsitzende gedenkt des Verlustes, welchen die kaiserliche Akademie durch das am 4., beziehungsweise 5. April d. J. erfolgte Ableben der beiden wirklichen Mitglieder, des Ministerialrathes Dr. Karl Werner inWien und des Universitäts- Professors Dr. Hubert Leitgeb in Graz erlitten hat. Die anwesenden Mitglieder erheben sich zum Zeichen de» Beileides von ihren Sitzen. Der Secretär legt folgende erschienene Publicationen vor: Mittheilungen der Prähistorischen Commission der kais. Akademie der Wissenschaften. Nr. 1. — 1887. Sitzungsberichte der mathematisch-naturwissenschaftlichen Classe,XCVI.Bd., I.undlll. Abtheilung vollständig; IL Ab- theilung December-Heft 1887, somit ist dieser Band und Jahrgang ganz abgeschlossen. Monatshefte für Chemie. II. Heft (Februar 1888). Herr Prof. Dr. P. Salcher an der k. k. Marine- Akademie in Fiume dankt für die ihm zur Durchführung seiner Versuche über die Projectile von dieser Classe bewilligte Subvention. Das w. M. Herr Prof. E. Weyr übersendet eine Abhandlung des Herrn Regierungsrathes Prof. Dr. F. Mertens in Graz: „Über die invarianten Gebilde einer ternären cubi- schen Form." Das c. M. Herr Regierungsrath Prof. C. Freih. v. Ettings- hausen in Graz übersendet eine Abhandlung „Die fossile Flora von Leoben in Steiermark." (II. Theil und Schluss). Das c. M. Herr Prof. L. Gegen bau er in Innsbruck tiber- sendet folgende zwei Mittheilungen: 156 1. „Notiz über gewisse binäreFormeu, durch welche sich keine Potenzen von Primzahlen darstellen lassen." 2. Notiz über die Anzahl der Primzahlen." Der Secretär legt folgende eingesendete Abhandlungen Tor: 1. „Magnetische Ortsbestimmungen", ausgeführt mit Unterstützung der kaiserlichen Akademie an den süd- östlichen Grenzen Österreich-Ungarns, von Herrn Eugen Gel eich, Director an der k. k. nautischen Schule in Lussin piccolo. ^. „Bacteriologisch - ch e m is c h e Untersuchungen einiger Spaltpilzarten", Arbeit aus dem Laboratorium für medicinische Chemie des Prof. M. Nencki in Bern, von Herrn James Kunz. 3. Untersuchungen über die Gruppe der Süsswasser- Turbellarien (in böhm. Sprache), von Herrn phil. cand. Emil Sekera, d. Z. in Hlinsko (Böhmen). Ferner legt der Secretär ein versiegeltes Schreiben behufs Wahrung der Priorität von Herrn Heinrich Gravö, Civil- Ingenieur in Fünfhaus (Wien) vor, mit der Inhaltsangabe: „Die auf die Senkung des Grundwasserspiegels «inwirkenden Verhältnisse und der Einfluss des Null- punktes bei Flusspegeln auf die Beurtheilung der Wasserverhältnisse." Zugleich theilt der Secretär mit, dass der k. k. Feld- marschalllieutenant Herr J. Roskiewicz in Graz sein in der Sitzung vom 6. Mai 1886 hinterlegtes versiegeltes Schreiben mit der Aufschrift: „Ermittlung des Curses und der Fahrgeschwindig- keit eines Schiffes von einem Standpunkte der Küste aus" zurückgezogen hat. Offene Mittheilungen sind eingelangt: 1. Von Herrn Constantin Emanuel in Constantinopel: „//Vm- milation alternative d'une force motrice par V interposition alternative, entre cette force et le piston sur lequel eile agit d'un solide ä l'^tat d' extreme divisioti.^' 157 2. Von Herrn K. F. v. Si etil off in Aruhera (Holland): Proben Über seineVersuche, die Wirkung der positiven und negativen Elektricität graphisch darzustellen. Das w.M. Herr Prof. Loscbmidt überreicht im physikalisch- chemischen Universitätslaboratorium gefertigte Mikrophoto- g ramme von patliogenen Bacterien. Herr Prof. Loscbmidt überreicht ferner eine von Herrn J. C. Pürthner im physikalisch-chemischen Laboratorium aus- geführte Arbeit: „Methode und Apparat zur Erzeugung gleich gerichteterlnductionsströme, so wie Anwendung derselben zur Widerstandsbestimmung der Elektro- lyte." Das w. M. Herr Prof. Ad. Lieben überreicht zwei in seinem Laboratorium ausgeführte Arbeiten: L „Über die Darstellung von Normalvalerian- und von Dipropylessigsäure aus Malon säureester und die Löslichkeit einiger Salze derselben", von Ernst Fürth; H. „Über das Cubebin", H. i\bhandlung, von Dr.C. Porae- ranz. Das w. M. Herr Hofrath A. v. Kern er überreicht eine Ab- handlung: ,,Über die Verbreitung von Quarzgeschiebe durch Auer- und Birkhühner." Herr Dr. Guido Goldschmiedt überreicht eine von ihm im L chemischen Laboratorium der k. k. Universität in Wien ausgeführte Arbeit: „Untersuchungen über Papaverin" (VL Abhandlung). Herr Dr. Max Man dl in Wien überreicht eine Abhandlung: „Über eine algebraische Deutung des Legendre'schen Symbols und das quadratische Reciprocitätsgesetz." Selbständige Werke oder neue, der Akademie bisher nicht zu- gekommene Periodioa sind eingelangt : Roskiewicz, J., Über Kriegs-Distanzmesser. (Mit 3 Tafeln). Graz, 1888; 8". Boehmer. G. St., Elektrische Erscheinungen in den Rocky Mountains. (Abhandlung als Manuscript), Washington, 1888; Folio. 158 über die Verbreitung von Quarzgeschiebe durch wilde Hühnervögel Anton Kerner von Marilaun, w. M. k. Akad. Zur Erklärung gewisser pflanzengeographischer Erschei- nungen war es mir von Wichtigkeit, zu ermitteln, ob die von den Vögeln als Nahrung aufgenommenen Pflanzensamen, nachdem sie den Darmcanal der genannten Thiere passirt haben, keim- fähig geblieben sind oder nicht. Um diese Frage zu lösen, habe ich durch fünf Jahre ver- schiedene Vögel mit Pflanzensamen gefüttert und unter Beob- achtung der genauesten Controle über 2000 Keimungsversuche mit den abgegangenen Samen und Samenresten ausgeführt. Aus diesen Versuchen ergab sich, dass die von den wilden Hühnern unserer Grebirge, zumal dem Schneehuhn, Steinhuhn, Birk- oder Spielhuhn und Auerhuhn gefressenen Samen im Magen voll- ständig zermalmt werden und von einer Keimfähigkeit ihrer mit dem Kothe abgegangenen Reste keine Rede mehr sein könne. Zugleich stellte sich aber heraus, dass die genannten Staudvögel dennoch zur Verbreitung der Samen beitragen können, indem sie sich sehr häufig den Kropf mit Speisen überladen und dann Ballen von Samen, Beeren, Knospen, Zweigspitzen, Blättern und Knöllchen auswerfen. Die in diesen Ballen enthaltenen Samen waren keimfähig, und es schien sogar, dass gewisse Samen, wie z. B. jene der Preisseibeeren, nach dem zeitweiligen Aufenthalte im Kröpfe der genannten Hühner besser keimten, als wenn sie unvermittelt vom Stocke auf das Keimbett gelangten. Verbreitung von Quarzgeschiebe. lo9 Ich suchte nun zu ermittehi, welche Früchte, beziehungs- weise Samen von den obgenannteu Vögehi mit Vorliebe als Nah- rung aufgenommen werden, und zwar dadurch, dass ich mir durch Jäger und Wildprethändler die Kröpfe und Mägen der ge- scliosseneu Auerhühner, Spiel- oder Birkhühner u. s. f. bringen liess, wozu sich sowohl in Innsbruck als auch in meinem Somnier- aufenthalte im Gschnitzthale die beste Gelegenheit bot. Auch in Wien erwarb ich die Kröpfe und Mägen von verschiedenen wil- den Hühnervögeln, namentlich von Hasel- und Schneehühnern, welche in neuester Zeit massenweise in gefrorenem Zustande aus Norwegen an die Wildprethändler in Wien geliefert werden. Bei der Untersuchung dieses Materials erstaunte ich nicht wenig über die grosse Menge von Quarzsteinchen, welche sich in allen diesen Hühnermägen fand. Dass die Hühnervögel Steinchen in den Magen bringen, um damit die im Kröpfe erweichten Samen zu zermalmen, ist ja allgemein bekannt, aber dass diese Steinchen in so grosser Menge (oft his 20 in einem Magen) und von so ansehnlicher Grösse (im Magen der Auerhähne nicht selten bis zu einem Centimeter Durchmesser) in den Magen eingelagert werden, scheint mir bisher nicht genügend beachtet zu sein. Was mich aber bei diesem Ergebnisse am meisten interessirte, war der Umstand, dass auch solche wilde Hühner, welche nur im Kalkgebirge ihr Weiderevier hatten, ihren Magen niemals mit den zu wenig harten Kalksteinchen, sondern immer nur mit Quarzsteinchen, abgerundetem Hornstein und sehr selten auch mit Feldspath beluden. So zeigte der Magen eines im Authale nächst dem Achensee geschossenen Auerhahnes neben mehreren kleineren, nicht weniger als 18 grössere gerundete Quarzsteinchen und noch ein Feldspathkorn. Da sich dort, wo der Auerhahu ge- schossen wurde und wo er sein ständiges Quartier hatte, weit und breit kein Quarz findet, so musste er sich die Steinchen aus der Ferne geholt haben! Der nächste Punkt, wo dies möglich war, ist das Innthal. Die Entfernung des Standplatzes des geschossenen Auerhahnes von der ersten Fundstätte von Quarzgescliieben be- trägt 18 Kilometer. So weit musste das Thier geflogen sein, um sich den Quarz zu verschaffen, was für einen Standvogel gewiss sehr merkwürdig ist. 160 A. Kerner v. Marilauu, Verbreitung von Quarzgeschiebe. Mir kam aber bei diesem Ergebnisse auch noch ein anderer Gedanke. Gesetzt den Fall, der Auerhahn wäre nicht der Kugel des Jägers erlegen, sondern an seinem Standplatz im Kalkgebirge verendet, das Aas wäre von den Füchsen zerrissen und stückweise verschleppt worden, so würden nach seiner Verwesung neben den Knochen die in dem Magen eingelagerten Quarzsteinchen als ein Häufchen zurückgeblieben sein, und zwar auch dann noch, nach- dem sich die leicht verwitternden porösen Knochen des Vogels längst ganz zersetzt hatten und spurlos verschwunden waren. Ich stehe nicht an, manche der merkwürdigen Vorkommnisse von Quarzgeschiebeu, welche ich im hohen Kalkgebirge zu beob- achten Gelegenheit hatte, auf diese Weise zu erklären. Es mochten solche Geschiebe mitunter auch für erratisch, für letzte Gletscherspuren gehalten worden sein und ich will das Geständ- niss ablegen, dass ich selbst in früheren Jahren solche räthsel- hafte Häufchen von abgerundeten Quarzsteinchen im Kalkgebirge als Gletscherspuren deutete und mich nur darüber verwunderte, dass sie noch in der Seehöhe von 1600 Metern vorkamen. Ich darf diese Mittheihmg nicht schliessen, ohne auch noch der berühmten Quarzgeschiebe in den sogenannten „Augen- steindelgruben" in der Nähe der Gjaidalpe auf dem Dachstein- gebirge zu gedenken, welche ich vor Jahren selbst zu sehen Gelegenheit hatte. An einigen Punkten macht dort das Vorkommen der Quarzgeschiebe in der That den Eindruck, als ob Hühnervögel an demselben betheiliget wären, an anderen Orten aber ist die Menge der Quarzsteinchen eine so ansehnliche, die abgerundeten Quarz- und Hornsteiustücke zeigen einen so grossen Durchmesser und sind überdies stellenweise noch zu einer Art Breccie ver- kittet, dass die oben gegebene Erklärung ausgeschlossen ist. Anderseits ist es aber sehr wahrscheinlich, dass sich die Hühner- vögel des Dachsteingebirges ihren Bedarf an Quarzsteinchen in den kleinen Mulden nächst der Gjaidalpe holen und dass die Ge- schiebe dann in der dargestellten Weise in die Umgebung ver- schleppt werden. 161 X. SITZUNG VOM 19. APRIL 1888. Der Vorsitzende gibt Nachricht von dem am 16. April d. J. erfolgten Ableben des correspondirenden Mitgliedes dieser Classe Herrn Universitätsprofessor Dr. Sigmund v. Wroblewski in Krakau. Die anwesenden Mitglieder geben ihrem Beileide durch Er- heben von den Sitzen Ausdruck. Herr Prof. Dr. F. Toula in Wien dankt für die ihm zum Abschlüsse seiner geologischen Aufnahme des Balkan bewilligte Reise-Subvention — und Herr D. J. E. Polak in Wien dankt für einen Subventions-Beitrag, welchen die kaiserl. Akademie zu einer von ihm ausgerüsteten Studienreise des Dr. A. Rodler in das Bachtiaren-Gebirge bewilligt hat. Das c. M. Herr Prof. L. Gegenbauer in Innsbruck über- sendet folgende zwei Abhandlungen: 1. „Zahlentheoretische Notiz." 2. „Note über das quadratischeReciprocitätsgesetz." Das c. M. Herr Prof. R. Maly in Prag übersendet eine Ab- handlung des suppl. Professors an der k. k. techn. Hochschule in Graz Herrn Friedrich Emich: „Über dieAmide der Kohlen- säure im weitesten Sinne des Wortes". Herr Prof. Dr. R. Pribram in Czernowitz übersendet eine Abhandlung: „Über den Einfluss der Gegen wart inactiver S ubsta nzen auf die polar ist robom et ris che Bestimmung des Traubenzuckers". Herr Prof. Dr. Zd. H. Skraup in Graz übersendet eine im chemischen Institute der k. k. Universität in Graz durchgeführte Arbeit des Herrn Privatdocenten Dr. Hugo Schrötter: „Über Sitzb. d. inathem.-naturw. Gl. XCVII. Bd. Abth. I. 11 1()2 die Einwirkung verdünnter Mineral säuren auf Zucke r- ääure". Der Secretär legt ein von Herrn F, Schulze in Brooklyn (N. Y.) eingelangtes versiegeltes Schreiben behufs Wahrung der Priorität mit der Aufschrift : „Faraday" vor. Das w. M. Herr Prof V. v. Lang legt eine ihm von Prof- Dr. J. Puluj in Prag übersendete Abhandlung vor, betitelt: „Beitrag zur unipolaren Induction". Herr Dr. Guido Goldschmiedt überreicht eine Arbeit: „Untersuchungen über Papaverin" (VH. Abhandlung). SITZUNGSBERICHTE DER ülSERLlCHEi iimm Ml WISSiSCeAFTi MATHEMATISCH-NATURWISSENSCHAFTLICHE CLASSE. XOVII. Band. V. Heft. ABTHEILUNG I. Enthält die Abhandlungen aus dem Gebiete der Mineralogie, Krystallo- graphie, Botanik, Physiologie der Pflanzen, Zoologie, Paläon- tologie, Physischen Geographie und Reisen. 11* 16b XL SITZUNG VOM 3. MAI 1888. Das c. M. Herr Prof, R. Maly an der k. k. deutschen Uni- versität in Prag übersendet eine in seinem Laboratorium aus- geführte Arbeit des Herrn Carl v. Kutschig: „Über ein Ein- wirkungsproduet von Phosphorpentasulfid auf Harn- stoff." Herr Prof. Dr. Veit Grab er in Czernowitz übersendet eine Abhandlung: „Vergleichende Studien über die Keim- hüllen und die Rückenbildung der Insecten." Der Secretär legt eine eingesendete Abhandlung von Herrn Karl S c h b e r, k.k. Realschullehrer in Triest: „Zur Polar- theorie der Kegelschnitte" vor. Das w, M. Herr Prof. E. Weyr überreicht eine Abhandlung des Herrn Regierungsrathes Prof. Dr. F. Mertens in Graz, be- titelt: „Invariante Gebilde von Nullsystemen," Das w. M. Herr Hofrath C. Claus überreicht eine Ab- handlung von Herrn Dr. Alexander Rosoll in Wien: „Über zwei neue, an Echinodermen lebende parasitische Copepoden: Äscomyzon comatulae und Astericola ClausiO^ Das w. M. Herr Hofrath G. Tschermak überreicht eine vorläufige Mittheilung des Herrn Prof. C, Dölter in Graz: „Über Glimmerbildung durch Zusammenschmelzen von Magnesiasilicateu mit Fluoralkalien, sowie übe r einige weitere Silicat-Synthesen". Das w. M. Herr Prof. Ad, Lieben überreicht eine aus Krakau eingesandte Abhandlung des Herrn Dr. Ernst v. Bandrowski . „Über die Einwirkung von Anilin auf Chinonphenyl- imid und Diphenylparazophenylen; Synthese des Dianilidochinonanils und des Azophenins." 166 Das c. M. Herr Kegierungsrath Prof. A. Weiss überreicht als weiteren Beitrag der Arbeiten des pflanzenphysiologischen Institutes der k. k. deutschen Universität in Prag eine Abhand- lung: „Beiträge zur Kenntniss des Cholesterins", von dem Assistenten dieses Institutes Herrn Fr. Eeinitzer. Herr Prof. Dr. Franz Toula von der k. k. technischen Hoch- schule in Wien überreicht den Schlussbericht über seine im Spät- sommer 1884 im Auftrage der kaiserlichen Akademie und mit Unterstützung von Seite des hohen Ministeriums für Cultus und Unterricht ausgeführte Reise in den centralen Balkan. Herr Joachim Steiner, k. k. Genie- Oberlieutenant und Lehrer an der Militär-Oberrealschule in Weisskirchen, macht eine vorläufige Mittheilung über die von ihm erfundenen akusti- schen Tasten-Instrumente. Hierauf entwickelt Herr Oberlieutenant Dr. Leopold Auster- litz, Lehrer desselben Institutes, die C4rundzüge eines Ton- systems mit einer gleichschwebenden Temperatur höherer Ord- nung auf mathematisch-physikalischer Basis. 167 Beiträge zur Kenntniss des Cholesterins Friedrich Reinitzer, Assisteiil am k. k. fiflamenph>isio!ogiacheyi Insfilute rier deutschen Uiiioeröiiät in Prag. Aus dem pflanzeuphys. Institute des Prof. Ad. Weiss an der k. k. deutscheu Universität in Prag. Vor etwa ly^ Jahren theilte ich das Ergebniss einiger Untersuchungen * über ein in der Wurzel der Möhre vorkommen- des Cholesterin mit, welches von Aug. Husemann den Namen Hydrocarotin erhalten hat. Ich führte damals aus, dass das- selbe, wenn auch nicht in der von Husemann vermutheten Art, mit dem rothen Farbstolf der Möhren, dem Carotin, in Zusammen- hang zu stehen scheine und durch letzteres wieder mit dem Chlorophyllfarbstoffe. Es musste daher von Interesse sein, die nähere Natur dieses Körpers zu ergründen. Da derselbe jedoch schwierig in grösserer Menge zu beschaffen ist, anderseits aber die Cholesterine untereinander eine grosse Ähnlichkeit ihrer Eigenschaften zeigen, so beschloss ich, die diesbezüglichen Vor- arbeiten erst mit dem gewöhnlichen Cholesterin vorzunehmen, welches leicht in grösserer Menge erhalten werden kann und über dessen Natur man gleichfalls noch völlig im Unklaren ist. Erst auf Grund der hiebei gesammelten Erfahrungen soll dann das ungleich kostbarere Hydrocarotin näher untersucht werden. Im Folgenden will ich einige Ergebnisse dieser Vorarbeit mit- theilen. 1 Sitzffsber. d. kais. Akad. d. Wissenseli. Bd. 94, S. 719. 168 F. Reinitzer, Das Cholesterin, welches zu den hier beschriebenen Ver- suchen benützt wurde, stammte aus der Fabrik von H. Tromms- dorff und war durch wiederholte Behandlung mit alkoholischer Kalilauge gereinigt. Es zeigte einen Schmelzpunkt von 147*5° C. (corr. = 148-5°). Gewöhnlich wird der Schmelzpunkt zu 145 bis 146° angegeben. Die angegebene Zahl wurde jedoch selbst bei sehr langsamem Erwärmen erhalten. Das benützte Thermometer war völlig genau, in Zehntelgrade getheilt. Übrigens geben schon Wislicenus und Moldenhauer den Schmelzpunkt zu 147° an (Annal. d. Chem. Bd. 146, S. 179). Moleculargewicht des Cholesterins. Das Moleculargewicht des Cholesterins ist noch nicht mit jener Sicherheit festgestellt, welche zur Gewinnung einer aus- reichend festen Grundlage für weitere Arbeiten über die Natur dieses Körpers unbedingt erforderlich wäre. Die gegenwärtig am häufigsten benützte Formel Cg^jH^^O wurde nach Gmelin's Angabe (Handbuch d. org. Chemie; Bd. 4, S. 2093) zuerst von Gerhardt mit der Begründung aufgestellt, dass sie mit den Abkömmlingen am besten in Einklang zu bringen sei. Vordem waren ziemlich viele andere Formeln aufgestellt worden. Später bemühten sich namentlich Latsch inoff und Walitzky zu beweisen, dass die Formel C25H^20 für das Cholesterin grössere Wahrscheinlichkeit habe. Sie führten hiefür insbesondere jene Thatsachen ins Feld, welche einen Zusammenhang des Cholesterins mit einem Penta- terpen vermuthen lassen. Auch Hesse gibt dieser Formel den Vorzug, da das optische Drehungsvermögen des Cholesterins kleiner ist als das des Phytosterins (Lieb. Annal.; Bd. 192, S. 175). Ebenso spricht auch Lieber mann den Ausführungen Latschinoff's und Walitzky's eine gewisse Wahrscheinlich- keit zu (Ber. d. d. chem. Gesell.; Bd. 18, S. 1803). Neuerer Zeit wurde dann von Th. Weyl* der Versuch gemacht, durch Bestim- mung der Dampfdichte der vom Cholesterin sich ableitenden Cholesterone und Cholesterilene das Moleculargewicht des Chole- 1 Arch. f. Anat. und Physiol., physiolog. Abthlg. 1886. S. 180 ^Ver- handlungen d. physiolog. Gesellsch. z. Berlin, Sitzg. v. 30. Octob. 1885). Im Auszuge in: Ber. d. d. chem. Gesellsch. 1886. Referate, S. 618. Cholesterin. 169 Sterins festzustellen. Die dabei gewonnenen Zahlen sind jedoch leider nicht geeignet, volle Sicherheit in dieser Hinsicht zu geben. Die erwähnten Kohlenwasserstotfe erleiden nämlich dabei eine Dissociation und zerfallen in kleinere Moleküle, denen Weyl, unter der stillschweigend gemachten Voraussetzung, dass sie gleichartig und gleich gross sind, die Formel C.Hg^Vs^'zsHw gibt, woraus dann natürlich für das Cholesterin die Formel ^2.^42^ folgen würde. Die erhaltenen Dampfdichten sind aber durchwegs grösser als die, einem Körper von der Formel C-Hg zukommende Dampfdichte, und es ist daher ganz gutmöglich, dass die vom Cholesterin sich ableitenden Kohlenwasserstoffe ein höheres als das angenommene Moleculargewicht haben, dass ferner die bei der Dissociation entstehenden TheilmolekUle ungleich gross sind und so das erhaltene Mittel die berechnete Dampfdichte übersteigt. So interessant und werthvoll daher auch diese Untersuchungen sind, so scheinen sie mir doch noch nicht hinzureichen, um die Frage nach dem Moleculargewicht des Cholesterins zu entscheiden. Ich versuchte daher durch genaue Untersuchung von Abkömmlingen des Cholesterins die Molecular- grösse desselben zu ermitteln. Hiezu benützte ich zunächst das Cholesterylbenzoat und bemühte mich, das Verhältniss zu bestim- men, in welchem Benzoesäure und Cholesterin durch Verseifung desselben erhalten werden. Das völlig reine Benzoat wurde in siedendem Alkohol am Rückflusskühler in Lösung erhalten, mit einem Überschuss von Normal-Alkali zersetzt und mit Kormal- Schwefelsäure zurücktitrirt. Bei diesem Verfahren ist jedoch die Bestimmung des Endpunktes der Titration sehr unsicher und überdies die schwere Löslichkeit des Benzoats sehr hinderlich. Es wurde daher versucht, die Menge des Cholesterins zu bestim- men, welche bei der Verseifung des Benzoats erhalten wird. Die verseifte, erkaltete und erstarrte Mas^e wurde abfiltrirt, mit wässerigem Alkohol und dann mit heissem Wasser gewaschen, getrocknet und gewogen. Das Filtrat wurde stark eingeegnt, mit Wasser gefällt und nach dem Auswaschen mit siedendem Wasser gleichfalls getrocknet und gewogen. Es zeigte sich jedoch, dass das Alkalibenzoat, wegen der Unbenetzbarkeit des Cholesterins durch Wasser, sich sehr schwierig vollständig aus dem Chole- sterin entfernen lässt, während andererseits durch eine geringe 1 ''-' F. Reinitzer, Löslichkeit des Cholesterins in wässerigen Lösungen von Alkali- benzoat ein Verlust an Cholesterin entsteht. Es musste somit auch dieses Verfahren aufgegeben werden. Ich schritt daher zur Analyse eines Broniabkömmlings und wählte hiezu das Bromacetat. Das Acetat wurde deshalb gewählt^ da erwartet werden konnte, dass es sich beim Bromiren weniger leicht verändern werde als reines Cholesterin, was die Erfahrung auch bestätigte. Überdies ist das Acetat und sein Bromid weit schwerer löslich in Alkohol als das nicht acetylirte Cholesterin und daher leichter reinigbar. Die Bromirung wurde genau in der von Wislicenus und Moldenhauer angegebenen Art aus- geführt (Lieb. Annal.; Bd. 146, S. 178). Das trockene, völlig reine Cholesterylacetat wurde in wenig trockenem, sehr reinem Schwefelkohlenstoif gelöst und, unter Abkühlung durch kaltes Wasser, so lange eine Auflösung von chlorfreiem Brom in Schwefel- kohlenstoff eingetragen, bis eine bleibende Gelbfärbung eintrat. Zur Herbeiführung dieses Zustandes wurden auf 10^ des Acetats beiläufig 4f/ Brom verbraucht. Während der Einwirkung ent- wickelte sich kein Bromwasserstoff. Die Flüssigkeit wurde bei gewöhnlicher Temperatur eingedunstet, wobei sie sich unter theilweiser Zersetzung und Entwicklung von Bromwasserstoff dunkelroth färbte. Der gänzlich amorphe, gelb gefärbte Ver- dunstungsrückstand wurde nach dem Zeri-eiben mit kaltem Wasser gewaschen und im luftverdünnten Räume über Schwefel- säure getrocknet. Beides musste mehrmals wiederholt werden, um die letzten Spuren von Bromwasserstoff zu entfernen. Die Masse wurde dann in möglichst wenig Äther gelöst und mit Alkohol gefällt. Sie fällt schön krystallinisch und lässt sich durch Waschen mit Alkohol leicht von der rothen ^Mutterlauge befreien. Durch wiederholtes Umkrystallisiren aus Atheralkohol und Waschen mit Alkohol kann man die Verbindung völlig farblos und von unveränderlichem Schmelzpunkt erhalten. Zur Feststel- lung der Formel wurden zwei Elenientaranalysen und zwei Brombestimmungen der über Schwefelsäure im luftverdünnten Raum getrockneten Substanz vorgenommen. Zur Ausführung der letzteren wurde die Verbindung in Atheralkohol gelöst, diese Lösung mit so viel Wasser versetzt als sie ohne Trübung ver- trägt und dann mit Natriumamalgam zerlegt. Nach dem Ein- Cholesterin. 171 dampfen wurde mit siedendem Wasser ausgewaschen und in der wässerigen Lösung das Brom als Silberbromid bestimmt. Die Elemeutaranalyse wurde mit Kupferoxyd im Sauerstoffstrom unter Vorlage von Silberdralit und Silberblech vorgenommen, I. 0-5472^ Substanz gaben 0'35065,r/ BrAg; II. 0-3249.«/ Substanz gaben 0-7051// CO2 und 0-2446C3O, |I01| POO, ITI2IV2P. Berechnet Gemessen Z (001): (100) = — 82° 9' 20 (011): (001) = 68° 17' 68° 17' 6 (011): (100) r= 87° ()' 87° 5' 4 (Tll):(001) = — 76° 45-6' 13 (TU): (100) = — 56° 43-3' 9 (112): (001) = 61° 2' 61° 10' 7 (T12):(T00) = 62° 55-5' 62° 47-5' 3 Spaltbarkeit vollkommen nach {001} . Hauptschwingungs- richtungen parallel und senkrecht zu (001 : 100). Ebene der optischen Axen parallel {010|. B. Asymmetrische Form. Die Elemente ähnlich jenen von A, zur Berechnung der- selben fehlen aber sichere Bestimmungen in genügender Zahl. Die Combinationen der rhomboidischen Täfelchen, oft den mono- symmetrischen ähnlich und als {001|. {100}. {111} .{111} gedeutet, besitzen auch ähnliche Kantenwinkel, wie folgende Vergleichung zeigt: (001): (100) =r 82' (TU): (001) - 76' (TU): (100) - 56' (T12):(001) = ßV (T12):(T00) = 62" 12 * z V, z 9' 20 81° 17' 25 46' 13 77° 57' 9 43' 9 56° 35' 5 10' 7 60° 18' 4 47-5' 3 64° 57' 4 180 F. Reiuitzer, Spaltbarkeit nach {001} und |010|. An einem Täfelchen ergab sich (010) : (100) rr 88° 47' und (010) : (001) = 96° 56', an zwei anderen wurde (010): (001) = 91° 43' und 91° 57' gefunden. Im optischen Verhalten ist kein Unterschied zwischen den geometrisch ähnlichen Formen A und B zu bemerken." Der Körper ist etwas lichtempfindlich. Im zerstreuten Tages- lichte wird er nach etwa 3 — 4 Wochen gelblich, später röthlich- gelb bis braun. Hiebei entwickelt sich Bromwasserstoff. Die ver- färbte Substanz ist amorph. Bei Abschluss des Lichtes ist die Verbindung völlig unveränderlich. Der Schmelzpunkt ist bei den beiden physikalisch isomeren Formen nicht ganz gleich. Die monosymmetrische schmilzt bei 117-6° C. (corr. = 118-0), die asymmetrische bei 115*4° C. (corr. = 115*8). Beim Schmelzen färbt sich die Substanz schwach gelbhch. Nach dem Erkalten bleibt sie glasig und kann nicht mehr zum Krystallisiren gebracht werden. Offenbar findet eine geringe Zersetzung statt. Lässt man in ätherischer Lösung auf die Verbindung Natriumamalgam einwirken, so erhält man wieder Cholesterin; doch scheint neben demselben noch ein anderer Körpor gebildet zu werden. Nach Entfernung des Natriums durch Überführung in Natriumchlorid und wiederholtes Behandeln mit Äther kann man durch fractionirtes Krystallisiren eine kleine Menge Chole- sterin in farblosen Krystallen neben einer grösseren Menge eines gelben, amorphen Körpers erhalten. Das so erhaltene Cholesterin schmolz bei 146*5°, war aber noch nicht völlig rein, da die geschmolzene Masse eine schwach gelbe Farbe hatte. Wislice- nus und Moldenhauer erhielten aus Bromcholesterin durch Natriumamalgam gleichfalls Cholesterin, und zwar vom Schmelz- punkt 147° (a. a. 0.). Da durch Einwirkung von Alkali auf das Bromacetat die Bildung eines Cholesterinabkömmlings mit zwei neuen Hydroxyl- gruppen zu erwarten ist, so wurde diese Reaction ausgeführt. Wässerige Kalilauge wirkt nur sehr langsam und unvollständig; es muss somit alkoholische genommen werden. Es wurde dabei ein gelber, in Alkohol schwer, in Äther leicht löslicher Körper erhalten, der bisher nicht zum Krystallisiren zu bringen war und dessen Untersuchung daher nicht weiter geführt werden konnte. Er bildet eine sehr zähe, klebrige Masse, welche sich nach Cholesterin. 181 längerem Stehen mit einer harten, spröden, pulverbaren Schichte überzieht. Versetzt man seine Chloroformlösung mit Schwefel- säure, so färbt sich die Schwefelsäureschichte blutroth mit grüner Fluorescenz, die Chloroformschichte dagegen nimmt nur eine sehr blass rosenrothe Färbung an. Er verhält sich somit anders als Cholesterin. 3. Cholesterylbenzoat. Dieser Körper wurde zuerst von Berthelot (Ann de cliim. [3], Bd. 56, S. 54) durch Erhitzen mit Benzoesäure, dann von Schulze (Journ. f. pr. Chem. [2], Bd. 7, S. 170) durch Erhitzen mit Benzoesäureanhydrid dargestellt. Ich wendete letzteres Ver- fahren in etwas einfacherer Ausführung an. 10^ wasserfreies Cholesterin wurden mit 12g Benzoesäureanhydrid etwa 1 Yg Stun- den in einem offenen Kölbehen im Schwefelsäurebade auf 150 bis 160° C. erwärmt. Die Überführung in den Ester ist dann fast vollständig und es bleibt nur noch sehr wenig nnverbunden. Mau erhält auch niemals eine bräunlich gefärbte Schmelze, wie sie Schulze bekam. Erwärmt man nur Yg Stunde auf etwa 130 bis 140°, so entziehen sich etwa 60''/^ des Cholesterins der Reaction. Die erstarrte Schmelze wurde zweimal mit Methylalkohol aus- gekocht und der Rückstand wiederholt aus Ätheralkohol um- krystallisirt. Krystallgestalt und Löslichkeitsverhältnisse stimmen genau mit den Angaben Schulze 's. Die schönsten Krystalle erhält man durch langsames Verdunsten einer Lösung in Äther, die mit soviel Alkohol versetzt wurde, als sie ohne Trübung ver- trägt. Herr Hofrath v. Zepharovich, welcher so freundlich war, auch diese Krystalle zu untersuchen, theilte mir über dieselben Folgendes mit: „Krystallsystem tetragonal. rt:c= 1:0-0045. Quadratische Täfelchen mit ebenem {OOljoP und sehr schmalen, meist horizontal gestreiften Seitenflächen von |111|P, HkVsP, 1221} 42 P und {U1\4P. 182 F. Reinitzer, Berechnet Gemessen z (111) (001) - 51" 59' 52° 25' 7 (443) (001) = 59" 37' 59° 44' 17 (443) ■ (443) = 75° 10-6' 75° 12' 2 (221)- (oon =: 68° 39' 68° 43' 17 (221) (221) = 82° 23' 82° 24' 5 (441): (001) = 78° 76-5' 78° 35' 7 Im Konoskop erwiesen sich die Kryställchen optisch einaxig negativ." In Bezug auf den Schmelzpunkt zeigte sich eine wesentliche Abweichung von den Angaben Schulze's. Letzterer fand den- selben zu 150 — 151°. Ich konnte jedoch trotz lange fortgesetzter sorgfältiger Reinigung nur 145-5° (corr. 146-6°) finden. Es fiel mir jedochauf, dass die Substanz dabei nicht zu einer klaren, durchsichtigen, sondern stets zu einer trüben, nur durchscheinen- den Flüssigkeit schmolz, was ich anfangs für ein Zeichen von Unreinheit hielt, obwohl sich an der Verbindung, sowohl bei mikroskopischer wie bei krystallographischer Untersuchung kein Anzeichen von Ungleichartigkeit entdecken Hess. Bei näherer Untersuchung zeigte sich denn auch, dass beim Erwärmen auf höhere Temperatur plötzlich die Trübung verschwindet. Dies geschieht bei 178-5° (corr. 180-6). Gleichzeitig fand ich, dass die so hoch erhitzte Substanz beim Auskühlen ganz ähnliche Farbenerscheinungen zeigt, wie sie beim Acetat bereits beschrie- ben wurden. Diese merkwürdige Erscheinung des Vorhandenseins von zwei Schmelzpunkten, wenn mau sich so ausdrücken darf, und des Auftretens der Farbenerscheinung war es haupt- sächlich, welche mich auf den Gedanken brachte, dass hier und beim Acetat physikalische Isomerie vorliegen müsse, weshalb ich Prof. Lehmann in Aachen um nähere Prüfung dieser Ver- hältnisse bat. Die wichtigsten Ergebnisse seiner Untersuchungen über das Benzoat sind, kurz zusammengefasst, folgende: Das Cholesterylbenzoat kann, wie das Acetat, in drei Modi- ficationen auftreten. Cholesterin. 183 1. Modi ficatiou. Wird durch Krystallisatiou aus Lösungs- mitteln erhalten und bildet die oben beschriebenen tetragonalen Krystalle. Sie schmilzt weseutlicli höher als die beiden anderen Modificationen. Beim Erwärmen bleiben die Krystalle klar, ver- wandeln sich somit nicht in eine andere Modification. 2. Modification. Dieselbe entsteht beim Erstarren und raschen Abkühlen des geschmolzenen Körpers. Sie schmilzt etwas, aber nicht sehr erheblich niedriger als die dritte Modifica- tion und bildet flache Nadeln oder schmale Blättchen des rhom- bischen Systems. 3. Modification. Entsteht beim langsamen Abkühlen des geschmolzenen Körpers, sowie beim Erwärmen der rasch erstarr- ten Masse (2. Modification) bis fast zum Schmelzen. Sie schmilzt etwas höher als die z"weite Modification und bildet dünne, breite Blätter mit nahezu quadratischer Begrenzung und symmetrischer Auslöschung. Die drei Modificationen stehen zu einander im Verhältniss der Monotropie. Die Farbenerscheinung, welche beim Auskühlen der geschmolzenen Substanz eintritt, verläuft etwas anders als beim Acetat. Beim Abkühlen der klargeschmol/.enen Verbindung tritt an einer Stelle eine tief violettblaue Farbe auf, die sich rasch über die ganze Masse ausbreitet und fast ebenso rasch wieder verschwindet, indem an ihre Stelle eine gleichmässige Trübung tritt. Die Masse bleibt dann eine Zeit lang trübe, aber flüssig; bei weiterer Abkühlung tritt dann zum zweitenmale die gleiche Farbenerscheinung auf und indem dieselbe vorschreitet, erfolgt hinter ihr ein krystallinisches Erstarren der Masse und damit auch ein gleichzeitiges Verschwinden der Farbenerscheinung. Ist die geschmolzene Schichte des Benzoats mindestens 2 — 3 mm dick, so treten, ausser der violettblauen Farbe, auch alle übrigen beim Acetat angegebenen Farben auf. Die farbenerzeugende Substanz bewirkt hier also auch die Trübung. Sie scheidet sich, wie beim Acetat, in Tropfen aus, in denen sich Krystalle vorfin- den und löst sich kurz vor dem Erstarren wieder auf. Der Vor- gang der Ausscheidung und Auflösung wird von der Farben- 184 F. Eeiuitzer, erscheinung begleitet, während in der Zwischenzeit mu- einfache Trübung hervorgerufen wird. Ferner zeigt die farbenerzeugende Substanz, wie beim Acetat, chromatische Polarisation, nur ist dieselbe nicht so stark wie dort und es treten dabei nicht so viele Farben auf. Auf die Mittheilung anderer, unter dem Mikroskope wahr- nehmbarer Einzelnheiten, sowie auf eine Erklärung der Er- scheinung muss vorläufig verzichtet werden, da die diesbezüg- lichen Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind. Ob die abweichende Angabe Schulz e's über den Schmelz- punkt durch die beim Schmelzen auftretende Trübung, welche thatsächlich das Beobachten sehr erschwert und beirrt, veran- lasst wurde, oder ob Schulze vielleicht ein anderes Cholesterin unter den Händen hatte, ist aus den vorliegenden Angaben nicht zu entscheiden. Nebenbei möge hier erwähnt sein, dass ich, einmal auf die Farbenerscheinung nufmerksam gemacht, dieselbe nunmehr auch beim Hydrocarotin gefunden habe. Hier zeigt sie jedoch blos das Benzoat, während das Acetat davon frei ist, was zur bequemen Unterscheidung dieser beiden Cholesterine benützt werden kann. Das Hydrocarotylbeuzoat zeigt auch, ganz wie die entspre- chende Verbindung des Cholesterins, zwei Schmelzpunkte, was ich früher gleichfalls übersehen hatte. Das Cholesterylbenzoat wird beim Kochen mit Wasser gar nicht, mit wässeriger Kalilauge sehr schwer und nur unbedeutend, mit alkoholischer Kalilauge, besonders bei Zusatz von Äther, ziemlich leicht zerlegt. Beim Erhitzen über den Schmelzpunkt zersetzt es sich theilweise, wobei Benzoesäure abraucht und sich an kälteren Stellen verdichtet , zum Theil sublimirt es unzersetzt. Bei stärkerem Erhitzen wird es gelb und erstarrt dann nach dem Auskühlen theilweise glasig. In diesem Zustande kann man in ihm, wie beim Acetat, durch rasches Abkühlen die Farbenerscheinung bei gewöhnlicher Temperatur dauernd erhalten. Cholesteriu. 185 4. Natriumcholesterylat. C27H4r,O.Na. 0. Linden mey er erhielt durch Einwirkung- von Natrium auf Cholesterin, das in gereinigtem Steinöl gelöst war, unter Wasserstoffentwicklung obige Verbindung (Journ. f. pr. Cliem. ; Bd. 90, S. 321). Walitzky gibt an, dass Natrium aus wasser- freiem Cholesterin keinen Wasserstoff entwickle (Beil stein, Handb. d. org. Chem.; 1. Aufl., Bd. 2, S. 1376). Obwohl Linden- meyer ausdrücklich angibt, völlig wasserfreies Cholesterin und über Natrium gereinigtes Steinöl verwendet zu haben, war es doch nuthwendig, sich über den Gegenstand durch Wiederholung des Versuches Klarheit zu verschaffen. Die Darstellung geschah, mit geringen Abweichungen, nach den Angaben Lindenmeyer's. 10// Cholesterin, welche durch Trocknen bei 100° völlig ent- wässert w^orden waren, wurden in Petroleumäther gelöst. Dieser war vorher durch Stehen und Destilliren über Chlorcalcium und dann über Natrium entwässert und gereinigt worden. Hierauf wurde Natrium, das durch Umschmelzen unter Steinöl gereinigt und unter Petroleumäther in papierdUnne Blättchen zerschnitten worden war, in kleinem Überschüsse eingetragen. Es beginnt sich sogleich Wasserstoff zu entwickeln und die Natriumstücke überziehen sich mit einer weissen Kruste, ganz wie es Linden- meyer beschreibt. Die sehr feine Zertheilung des Natriums ist für die möglichste Beschleunigung der Reaction sehr wichtig. Bei gewöhnlicher Temperatur geht dieselbe übrigens ziemlich langsam vor sich. Erhitzt man dagegen am Wasserbade unter Anwendung eines Rückflusskühlers, so ist sie, bei der oben an- gegebenen Menge von Cholesterin, in etwa 2 — 3 Tagen voll- endet, was man daran erkennt, dass sich die Natriumstücke nicht mehr mit einer weissen Kruste überziehen, sondern völlig rein bleiben. Die Flüssigkeit ist dann ein dicker, weisser Brei gewor- den. Dieser Brei wurde abfiltrirt, mit etwas Petroleumäther gewaschen und dann durch Lösen in wasserfreiem Chloroform vom Natrium befreit. Die Lösung geht so rasch vor sich, dass das Natrium auf das Chloroform kaum einwirkt. Beim freiwilli- gen Eindunsten der Lösung oder beim Eindampfen auf dem Wasserbade erhält man die Verbindung mit allen Eigenschaiten, 186 F. Keinitze r, die Lindeiimeyer bereits beschrieben hat. Zu denselben wäre höchstens noch hinzuzufüg-en, dass der Körper auch in Petroleum- äther etwas löslich ist. Die erhaltene Verbindung- wurde dazu benutzt, um zu prüfen, ob sie bei Behandlung mit Kohlendioxyd nicht in eine Säure übergeführt werden könne. Beim Einleiten in die Chloroformlösung schied sieh jedoch nur Natriumcarbonat au^;, während reines Cholesterin in Lösung blieb. 5. Nitrocholesterin. Behandelt man eine heiss gesättigte Lösung von Cholesterin in Eisessig mit rauchender Salpetersäure (sp. Gew. 1 • 54) in der Siedehitze, solange noch eine starke Entwicklung rother Dämpfe stattfindet, und giesst dann die Flüssigkeit in kaltes Wasser, so erhält man nach dem Auswaschen mit Wasser und Trocknen im luftverdünnten Raum einen festen, dunkelrothgelbcn, im gepul- verten Zustande gelben, geruch- und geschmacklosen Nitro- körper, welcher bisher nicht zum Krystallisiren gebracht werden konnte. Derselbe ist in Wasser unlöslich, löst sich jedoch in wässe- rigem Ammoniak und wässeriger Alkalilauge sehr leicht zu einer dunkelrothen, bitter schmeckenden Flüssigkeit, welche im gesät- tigten Zustande neutral reagirt und mit den in Wasser löslichen Salzen der alkalischen Erden und der meisten Metalle gelbe oder rothbraune Niederschläge liefert. Dieser Körper ist offenbar der- selbe, welcher sich bei der Schi ff 'sehen Reaction auf Cholesterin bildet. Er ist in Alkohol leicht, sehr leicht in Äther, Chloro- form, Benzol und Eisessig löslich. Die alkalische Lösung lässt sieh durch Kaliumpermanganat sehr leicht oxydiren, doch gelang es mir bis jetzt nicht, ein fassbares Oxydationsproduct zu erhalten. Auf dem Platinblech erbitzt, verbrennt der Körper rasch und leicht, aber ohne eigentliche Verpuffung. Er schmilzt bei 93 bis 94° C. unter starkem Schäumen, was auf eine Zersetzung hindeutet. Cholesterin. 187 Schliesslich sei mir noch gestattet, allen Jenen meinen aut- richtigsten Dank auszusprechen, welche mich bei Ausführung vorliegender Arbeit unterstützten, und zwar: Herrn Regierungs- rath Prof. Dr. Ad. Weiss für die Beschaffung des Materials und die Entlastung von anderweitigen Arbeiten; Herrn Prof, Dr. F. W. Gintl für die gütige Gewährung der Benützung der Ein- richtungen seines Laboratoriums; Herrn Hofrath Ritter von Z e p h a r V i c h für die bereitwillige Ausführung der Kry- stallmessungen und Herrn Prof. Dr. 0. Lehmann für die freundliche Übernahme und Durchführung der mikrophysikali- schen Untersuchungen. 188 Über zwei neue an Echinodermen lebende parasitische Gopepoden: Ascomyzon comatulae und Aster icola CJausii von Dr. Alexander Rosoll. (Mit 2 T.ifcln.) Als ich im Herbste des Jahres 1883 wissenschaftlicher Studien wegen an der k. k. zoologischen Station in Triest weilte, fand ich im October gelegentlich einer Musterung von Coma- tuliden an der Körperbedeckung von Comatula mediterranea Lam. =:.4/ec^o europaea F. S. Lkt. kleine Schmarotzerkrebse im geschlechtsreifen Zustand von circa 1 mm Länge. Diese fielen sofort durch ihre weisse Farbe auf und krochen an der Körper- bedeckung des Wirtes umher, an welchem krankhafte Anschwel- lungen oder andere krankhafte Veränderungen nicht wahr- nehmbar waren. Meine Absicht, dieses Thier einer genauen mor- phologischen Untersuchung zu unterwerfen, scheiterte, da ich trotz sorgfältiger Durchmusterung zahlreicher Comatula nicht mehr im Stande war, den Parasiten ein zweites Mal zu finden, also auf einige Individuen, unter denen sich nur ein einziges Männchen befand, angewiesen war. Nach einer Unterbrechung von vier Jahren nahm ich im October des vorigen Jahres die Untersuchung im Laboratorium des zoologischen Institutes neuerdings auf. Leider waren auch dieses Mal, obwohl ich mehr als hundert Individuen untersuchte, alle meine Bemühungen, den Parasiten wieder zu finden, erfolglos. Trotzdem glaube ich, meine Beobachtungen der Öffentlichkeit übergeben zu sollen, zumal es mir gelang, sichere Aufschlüsse über die Bildung der Mundtheile zu gewinnen und unsere Form auf Grund derselben Zwei neue p;irasitisclie Copcpodeii. 1 S9 als Asconiyzontid zu bestimmen. Dies scheint mir um so mehr von Bedeutung zu sein, als die unzureichende Keuntniss der Asco- myzontiden den Anlass bot, die Berechtigung dieser Familie in dem von Claus begründeten Sinne in Frage zu stellen. Ascoitiyxon coniatulae. Das Weibchen (Fig. 1) besitzt einen länglich elliptischen Körper von 1 nmi Länge, U-5 ww? Breite und trägt zwei bohnen- oder nierenförmige Eiersäckchen. An dem flachen, in der Form einigevmassen mit Doridicola Leydig übereinstimmenden Körper fallen schon bei schvs^acher Vergrösserung der lange schnabelartige Saugrüssel und die langen gabelig auseinander weichenden Furcalglieder auf. Der Vorderleib erreicht mehr als die halbe Länge des Thieres und bietet die für die Copepoden charakteristische Segmentirung. Der mit dem ersten Brust- segment zum Cephalothorax (Fig. 1 C) verwachsene Kopf endet in einen spitzen Stirnschnabel (^St). Nahe diesem zugespitzten Kopfende entspringen die durch ihre relativ bedeutende Länge hervortretenden vorderen Antennen (des ersten Paares A^), welche aus 20 Gliedern bestehen, wie sie ThorelP für die Gattung Ascomyzon beschrieben hat. Dem mit einer Einbuchtung ver- sehenen ersten Glied folgen sechs sehr kurze, aber doch deutlich abgeschnürte, hierauf eilf ungefähr doppelt so lange Glieder, dann wieder ein kürzeres, dem sich endlich das längere terminale Glied mit zwei kurzen Borsten am verjüngten Ende anschliesst. Am oberen Eande tragen die Glieder eine Reihe von kurzen Cuticularborsten, welche sämmtlich spitz zulaufende Tast- oder Riechborsten sind, unter denen die terminale die grösste Länge erreicht. Die hinteren Antennen (des zweiten Paares A^) sind relativ kürzer, schmächtig und viergliedrig, nicht fUnfgliedrig. Sie tragen zwei kurze Borsten und enden in einen langen spitzen Stachel. Sie erinnern an die verkürzten Klammerantennen von Nicothoe. Die Mundtheile tragen den Charakter der Ascomyzon- tiden, jener Formen, welche bei Besitz eines mit stiletförmigen Mandibeln bewaffneten Saugrüssels Gestalt und Leibesgliederung 1 Bidrag tili Käunedomeu om Crustacer. K. V'et. Akad. Handl. 1859. 190 A. Rosoll, der freilebenden Copepoden bewahrt haben. Man findet vor allem als Mundaufsatz einen langen Säugrüssel (Fig. 1 und 2 Sipho Si)y der durch Vereinigung aus Ober- und Unterlippe hervorgegangen ist, mit all' den bekannten Einrichtungen der Siphonostomen. In dem Sipho liegen die tasterlosen stiletförmigen Mandibeln (Fig. 1, 2, Md), welche die ausschliesslichen Stechwaffen darstellen.' Die ausserhalb des Saugschnabels liegende Maxille (Fig. 1 und 3 Mx) ist klein, nimmt sich wie ein Taster aus und besteht aus einem inneren Lappen, welcher vier lange Borsten trägt, und einem äusseren Lappen, welcher mit einer langen Borste endet und auch nur die Bedeutung eines Tasters haben dürfte. Relativ kräftiger sind die weiter abwärts folgenden Maxillarfüsse gebaut, welche, wie Claus wiederholt nachgewiesen, ein einziges Extremitätenpaar repräsentiren.^ Beide sind hier schräg nach innen gerichtet und sitzen auf einem langgestreckten Basalstück auf, welches von kräftigen Quermuskeln durclisetzt ist. Der erste (obere Mxf\) endet mit einer medianwärts gerichteten langen Hakenborste, der zweite (untere Mxf^ mit einer nach aufwärts fast bis zum Sipho reichenden pfriemenförmigen Spitze. Es folgen nun die vier freien Thoracalsegmente, welche nach hinten allmälig kleiner werden und au ihren Grenzen durch scharfe Abgliederung des verdickten und von zahlreichen Poren durchsetzten Chitinpanzers gesondert erscheinen; insbesondersist es das fünfte kleinste Segment, welches am Hinterrand so vorspringt, dass ein spitzer Fortsatz (Flügel) mit scharfer Contour deutlich wahrnehmbar ist. Die ersten vier Thoracalsegmente tragen ebensoviel Paare gleichgestalteter Ruderftisse (Fig. 4), welche die freie Schwimm- bewegung ermöglichen. Sie bestehen aus einem sehr kräftigen, von Muskeln durchsetzten zweigliedrigen Stamm [Stni), welcher 1 Diese Rüsselbilclung ist jedoch von der verschiedeu, welche wir bei Lichomolgus und Verwandten finden. Dort stellt die glockenförmige Ober- lippe im Verein mit der etwas abstehenden Unterlippe eine Art kurzen Saugrüssel dar. Vergl. C. Claus, Neue Beiträge zur Kenntniss der parasi- tischen Copepoden, Zeitschr. für wiss. Zool. Bd. XXV, 1875, S. 345 u. f. 2 Vergl. C. Claus, Zur Anatomie und Entwicklungsgeschichte der Copepoden. Archiv für Naturg. 1858. Zwt'i neue piinisitische Copepoden. 191 eine unregelmässige beiläufig- vierseitige Gestalt besitzt, und zwei dreig-liedrigeu, mit laugen Borsten und Stacheln be- setzten, Ruderästen. Zwischen den Grundgliedern jedes dieser Beinpaare ist ein plattenförmiger Cliitinlisten (Fig. 4, 10 nebst einer dreieckigen wirbelartigen \'erdiclvung (Fig. 4, W) als Stütze des Hautskeletes ausgespannt. Der äussere Ast des Ruderfusses (Fig. 4, Re) ist etwas höher inserirt und länger als der innere (Ri). Sein erstes Glied ist auch länger als das des Inuenastes. Das zweite Glied ist durchwegs kurz, während das dritte Glied des Innenastes länger als das erste ist. Die Glieder des änsseren Astes sind an der Aussenseite mit spitzen Stacheln, auf der Innenseite mit Ausnahme des ersten Gliedes mit langen Borsten versehen. Die Glieder des inneren Astes entbehren auf der Aussenseite jedes cuticularen Anhanges, tragen aber auf der Innenseite befiederte Ruderborsten. Das erste Glied des äusseren Astes besitzt auf der Aussen- und Innen- seite je einen, das des inneren Astes nur auf der Innenseite einen Stachel. Das zweite Glied des Innenastes trägt zwei lange nach innen gerichtete Borsten, das des Aussenastes auf der äusseren Seite einen Stachel, auf der inneren eine Borste. Das dritte Glied des äusseren Astes ist auf der Innenseite mit fünf Borsten, auf der Aussenseite mit drei Stacheln versehen, das des Innenastes besitzt auf der inneren Seite fünf Borsten. Auch ein fünftes, dem kleinen fünften Brustsegment entsprechendes Beinpaar ist vor- handen, welches auf zwei kurze ein- bis zweigliedrige Fuss- stummeln mit zwei bis drei Borsten reducirt ist. Das nun folgende Abdomen besteht wie der Thorax aus fünf Segmenten, entbehrt aber aller Gliedmassen. Es zeigt auch hier die für zahlreiche Copepoden charakteristische Verschmelzung seiner beiden vorderen Segmente zu einem mächtig ausgedehnten Abschnitt, dem Genitaldoppelsegment (G. S.) mit den beiden ventral wärts gelegenen Genitalöffnnngen. Auf dieses folgen noch drei kurze allmälig verjüngte Abdominalsegniente, welche mit den langen gabelig auseinander stehenden Furcalgliedern enden, welche nahezu die halbe Länge des Abdomens erreichen, und an deren Ende mehrere Schwanzborsten aufsitzen. Der Leib des Männchens ist schlanker und von geringerer Grösse als der des Weibchens, stimmt aber im Bau der Antennen 192 A. Rosoll, und Mundtheile mit dem des Weibchens vollständig überein. Auch sein Abdomen (Fig. 5) bietet die normale (fünf Segmente) vollzählige Gliederung. Von den inneren Organen wäre der langgestreckte quer- gerunzelte Darmcanal zu bemerken, der in seinem hinteren Abschnitt allmälig schmäler wird und dorsalwärts nicht weit vom Ursprung der Furcalglieder in einer queren Afterspalte aus- mündet. Von den Sinnesorganen ist der Besitz eines medianen dreitheiligen Auges mit rothbraunem Pigment hervorzuheben. Endlich wären noch die im Innern der Extremitäten dicht zusammen gedrängten Zellen mit feinkörnigem Inhalt hervorzu- heben, welche den Eindruck von Drüsenzellen (Fig. 4, Dr) machen. Bevor ich auf die Beurtheilung der systematischen Stellung unserer Form näher eingehe, ist es nothwendig hervorzuheben, dass Kossmann,^ um einen von ihm näher untersuchten Schmarotzer (Clausid'mm testudo), welcher wohl unzureichend aber doch bereits früher von Philippi als Hersilia beschrieben war, einigermassen ohne Zwang dem System einfügen zu können, dasselbe dadurch verbessern zu können glaubte, dass er die Ascomyzontiden im Sinne der von Claus ^ gegebenen Charakterisirung als Familie aufhob, indem er auf die Unbrauch- barkeit der zu einem Saugrüssel verlängerten Oberlippe auf Grund der bei einzelnen Lichomolgiden wechselnde Länge derselben hinwies und die ausserordentliche Ähnlichkeit der Ascomyzontiden-Gattungen Artoirogus, Ascomyzon, Astero- cheres mit den Gattungen Lichomolgus, Terebellicola im ganzen Habitus hervorhob. Indem er die besonderen Gestaltungsverhält- nisse der Mandibeln und Maxillen nicht weiter in Anschlag brachte und „auf feinere Details in der Bildung der Mundesglied- massen, die so schwer zu erkennen und doch gewiss nicht wichtiger als die der übrigen Gliedmassen sind", keine Rücksicht nahm, wurde er dazu geführt, die sämmtlichen Gattungen der 1 Über Clausidium testudo, einen neuen Copepoden, nebst Bemerkungen über das System der halbparasitischen Copepoden. Verh. der Würzb. phys. med. Gesellsch. N. F. VII. Bd., Taf. VI. 2 Vergl. C. Claus, Neue Beiträge etc. S. 10 (Sep.-Abdruck) u. f. Zwei neue parasitische Copepoden. 1 ^3 Lichomolgiden, Bomoloehiden, Ergasiliden mit den Ascomyzontiden zu vereinigen und in diese bunte Mischung- von Formen auch noch Nicotho^ und Claiisidiiim ^zllersilia auf- zunehmen. Als Charakter dieser verschwommenen Gruppe, welcher er den Werth einer Unterfamilie und die Bezeichnung Ascomyzontiden beilegte, vraren abgesehen von der voll- zähligen Gliederung des Körpers, die nur gelegentlich durch Verschmelzung der letzten Thoracal- oder ersten Abflominal- glieder beim Weibchen beeinträchtigt wird, vornehmlich die häufig vorhandene riisselartige Verlängerung der Oberlippe, die in Borsten und Dornen endigenden mehr kauenden^ als saugenden Mundesgliedmassen vervverthet. Hieniit aber war thatsächlich der classificatorische Werth, welcher der besonderen Gestaltung der Mundtheile, den Mandibeln und Maxillen zukommt, aufge- hoben, und daher Prof. Claus wohl berechtigt, in seiner dem Schema Kossmaiin's gegebenen Zurückweisung diesem Autor die Geringschätzung des classificatorischen Werthes der Mund- organe vorzuhalten. Auch andere Beobachter wie A. Della Vallc^ hatten das Zutreffende dieser Kritik anerkannt und sich derselben ange- schlossen. Es war deshalb ein vergebliches Bemühen^ von Seiten 1 Wenn Kossmanu für die Mundtheile dieser Copepodengruppe als Charakter angibt, dass sie im allgemeinen mehr kauende als saugende Apparate darstellen, so ist das ein entschiedener Irrthum. In Wahrheit ist der Sachverhalt ein umgekehrter, und kauende Mundwerkzeuge kommen überhaupt bei keiner dieser Gattungen vor. Überall sind Mandibeln und Maxillen in verschiedenen Modificationen als Stechapparate gestaltet, deren Wirkung denn auch eine Saugfunction des Mundes oder Mundautsatzes entspricht, wenn es auch nicht zu einer Rüsselbildung kommt. So auch bei Ergasilus, deren Mundtheile doch von Claus klar genug als stechende beschrieben waren. Gleichwohl beruft sich Kossmaun auf dieselben, um einen Irrthum im Claus 'sehen Lehrbuche zu verbessern, wo sie als saugende dargestellt wurden, „während sie typisch beissende" seien. Kossmann unterscheidet überhaupt nicht scharf zwischen stechenden und kauenden Mundtheilen und stellt deshalb auch nicht die Begritfe kauend und stechend, sondern kauend und sangend einander gegenüber, wodurch die ganze Unklarheit und Coufundirung begreiflich wird. - Della Valle, Sui Coriceidi parasiti, e suU' anatomia del gen. Lichomolgus. Mittheilungen der zool. Station zu Neapel 18b0. 3 Robby Kossmann, Zoologische Ergebnisse einer Reise in die Küstengebiete des rothen Meeres. IV. Entomostraka. Leipzig 1877. Sitrb. d. mathem -naturw. Cl. XCVII. Bd. Abth. I. 13 194 A. Rosoll, Kossmann's, die Claus 'sehe Kritik als „auf einer irrthümlichen Auffassung" beruhend abschwächen zu wollen und so später in einer Erwiderung* an Della Valle die Meinung zu ver- theidigen, er habe Claus' „irrthümliche Auffassung seiner Ansichten über den classificatorischen Werth der Mundorgane gründlich richtig gestellt" und diesen Werth der letzteren überhaupt niemals bestritten. Denn nicht die Längenvariationen der Oberlippenlänge an sich und deren eventuelle Bedeutung als Saugrüssel waren, wie man aus Kossmann's Auseinandersetzung hätte erwarten sollen, der Gegenstand des Vorhaltes, sondern die Nichtbeachtung der mit denselben zugleich auftretenden besonderen Gestaltungsverhältnisse der Mandibeln und Maxillen. Und da mit Bezug auf diese die Kossmann'sche Gruppirung ja den directen Beweis der Geringschätzung des classificato- rischen Werthes der Mundurgane lieferte, musste eine weitere Antwort auf die sicli selbst widerlegende Erwiderung über- flüssig erscheinen. In seiner Schrift über die Entomostraken des rothen Meeres, in welcher er sein buntes Formengemisch als Subfamilie aufrecht erhielt, dieselbe aber nunmehr LichomoUj'ulae benannte, weil das Genus Ascomyzon nicht genügend bekannt sei, ging K s s m a n n aber weiter, indem er die stiletförmige zum Stechen gestaltete Beschaffenheit der Ascomyzontiden^ überhaupt in Abrede stellt und die Richtigkeit der von Boeck und Thor eil gegebenen Darstellungen bestreitet. Boeck' s^ Abbildungen der Mundtheile von Asterocheres werden — man sieht nicht ein aus welchem Grunde — unzuverlässig genannt, obwohl dieselben den langen schnabelartigen Saugrüssel wie die übrigen Mund- theile klar zur Darstellung bringen. Dann heisst es weiter, Ko SS mann habe Copepoden, welche wie Asterocheres an Echinodermen schmarotzen, auch bis auf die Mundtheile denselben ganz ähnlich seien, zahlreich untersucht: jedoch den langen 1 Derselbe : Über den classificatorischen Werth der Mundorg-ane der Crustaceen. Zoologischer Anzeiger 1881, Nr. 95. - Vergl. Zool. Ergebnisse etc. IV, S. 7 \i. f. ' Axel Boeck: Tvende nye parasitiske Krebsdyr, Artotrogus orbi- cularis og Asterocheres LüjebovgiL Saerskilt Aftryk af Forhandlinger i Videnskabs-Selskabet i Christiauia Aar 1859, daselbst vergl. insbesondere Tab. I, Fig. 1, 2 und 7. Zwei neue parasitische Copepodeu. 195 schnabelartigeu Säugrüssel und die Stilete nicht finden können, er müsse daher die Darstellung- des Saugrüssels von As/erocheres für ein Phantasieg;emälde lialten. Dasselbe gelte für Dyspontius Thor eil, Ascomyzon und Artoh-ogus. Von derG-Aitung Dyspo?itius wird bemerkt dass sie einem echten Lichomolgiden, und zwar der Gattung SteUicola ähnlich sei, wie ein Ei dem andern, von Ascomyzoti, dass die Körperform genau die der ebenfalls in Ascidien schmarotzenden Gattung Lichoitiolgus sei. Auch die Gattung Artotroffus. weil sie auf einer Nacktschnecke gefunden sei, wird deshalb auch hinsichtlich der Mundtheile mit Doridicola, einem Lichomolgiden, zusammengeworfen. Und das sind Kossmann's Beweisgründe, dass die von Boeck und Thorell im Jalire 1859 autgestellten Gattungen überhaupt keine Berech- tigung haben. Ganz abgesehen aber von einem solchen Schlüsse, welcher die eigene Unkenntniss als Beweismittel benützt, ist es doch unmöglich zu glauben, dass jene Forscher zur selben Zeit und an verschiedenen Orten Organe in ihren Arbeiten dargestellt hätten, welche gar nicht existiren, zumal Boeck gerade den Sangschnabel und die Mundtheile sehr detaillirt dargestellt hat. Unmöglich kann Kossmann aus dem Umstände, dass er keine Ascomyzontiden, sondern Lichomolgiden vor sich hatte — denn abgesehen von dem Saugrüssel stimmt ja auch nicht die Zahl der Glieder der vorderen Antennen (9 bis 20) mit jener der Lichomolgiden (6 bis 7) und die übrigen Mund- theile, bei Artotrogns^ nicht einmal die Gestalt des Abdomens Uberein — seinen Schluss begründen. Der ähnliche Habitus beweist denn doch nichts weiter als die Copepodennatur. Unter solchen Umständen war es ihm^ freilich leicht zu sagen, „es sei nur zu bedauern, dass Claus seine eigenen Beobachtungen über Ascomyzontiden noch immer vorenthalten habe; bis er sie verötfentlicht, muss ich nun schon an ihrem Vorhandensein zweifeln". Dass Prof. Claus ^ die Beobachtungen Boeck's und Thorell's gegenüber Kossmann richtig beurtheilte, dass ein langer schnabelartiger Saugrüssel mit stiletförmig verlängerten Mandibeln und Mamillen den Ascomyzontiden eigen ist, beweist nun die uns vorliegende neue Ascotiiyzon- Art Figur 2 1 Vergl. ebeudaselbst Tab. I, Fig. 10. - Vergl. Zool. Ergebnisse etc., S. 7 u. f. 3 Vergl. Neue Beiträge etc., S. 10 bis 12 (Sep. Abdruck). LS* 196 A. Eos oll, stellt uns den Säugrüssel mit den Stechorganen herauspräparirt von der Oberseite, Fig. 3 von der Unterseite dar, während Figur 1 die Seitenansicht des Saugschnabels zeigt. In allen 3 Figuren sieht man die scharf abgesetzten Stilete der Mandibeln nebst dem als Stütze des Rüssels auftretenden Chitingerüst deutlich hervortreten. Prof. Claus hatte daher in richtiger Würdigung der Beobachtungen Boeck's und Thor eil' s den Angriff Kossraann's auf die Ascomyzontiden als besondere Familie zurückgewiesen und den besonderen Gestaltungsverhält- nissen der Mundwerkzeuge denen der Lichomolgid en gegen- über mit vollem Rechte den Werth eines Familiencharakters zugeschrieben. Dabei kann natürlich eine gleichgegliederte, sehr ähnliche Körperform (Cyclops, Erf/asihis, Dovidicoln) selbst bei Gattungen verschiedener Familien sicli wiederholen. , Was die Bestimmung unserer Form betrifft, so ist schon aus dem Vorhergehenden ersichtlich, dass sie mit den beiden Gattungen Boeck's nicht übereinstimmt, da sich bei diesen, abgesehen von dem stark gedrungenen kurzen Abdomen, dessen letztes Segment bei Artotrogiis noch überdies sehr lang und breit ist, die Gliederzahl der vorderen Antennen im ersten Falle neun, im zweiten achtzehn beträgt. Hingegen stimmt die vorliegende Form rücksichtlich des ansehnlich entwickelten, allmälig sich verschmälerndeu Abdomens , der vorderen langgestreckten zwanziggliedrigen Antenne und der zweilappigen Maxille mit der Gattung Ascontyzon überein, weshalb ich sie als eine neue Species der Gattung Ascomyzoti betrachte und diese nach dem Wohnthier als Äscomyzon comatulae bezeichne. Wir werden somit Äscomyzon comatulae charakterisiren können: als einen vollzählig gegliederten siphonostomen Cope- poden aus der Familie der Ascomyzontiden mit vier gleich- gestalteten zweiästigen Ruderfusspaaren, einem rudimentären zweiästigen fünften Fusspaar, normal gegliedertem Abdomen und sehr langen schmalen Furcalgliedern. Erste Antenne zwanzig-, zweite Antenne viergliedrig. Stiletförmige tasterlose Mandibeln in einem langen schnabelartigen Saugrüssel. Maxille tasterartii;, mit vier Borsten und mit einem in eine Borste endenden Aussen- aste versehen. Zwei dünne, lang gezogene Maxillarfusspaare und zwei Eiersäckchen. Zwei neue parasitische Copepoden. 197 Während meiner Arbeiten im zoologisch - anatomischen Institute war Herr Hofrath Claus so freundlich, mir das Weibchen eines im Monate November auf Asteracanthion glaciale 0. F. Müll, im Triester Hafen gefundenen Schmarotzerkrebses zur nähereu Untersuchung zu übergeben. Dieselbe ergab, dass es sich um das Weibchen eines ebenfalls noch unbekannten parasitischen Copepoden handelte. Leider war es auch hier nicht möglich, die Tiiierform ein zweites Mal aufzufinden, weshalb ich mich in der Untersuchung auf das vorliegende Individuum beschränken musste. Astericola Clausfi. Der ockergelbe flache Körper macht den Eindruck eines normal gegliederten parasitischen Copepoden und erreicht eine Länge von l-önini (Fig. 7). Der schildförmig verbreiterte Vor- derleib stellt sich bei näherer Untersuchung als der Cephalo- thorax (C) heraus, welcher dem mit dem ersten Brustsegment verschmolzenen Kopf entspricht und in seinem Habitus an Doridicola erinnert.^ Die vier folgenden freien Thoracalsegmente, die an ihren Grenzen durch Einschnürung des Cuticularpanzers als scharf gesonderte Abschnitte erscheinen, nehmen zwar nach hinten allmälig an Breite und Länge ab, haben aber ver- schiedene Gestalt und Begrenzung. Nahe dem abgerundeten Kopfende entspringen zu beiden Seiten des medianen unpaaren Auges {Oc), welches einen X- förmigen braunen Pigmentfleck darstellt, die schlanken vorderen Antennen (^J, welche die halbe Länge des Thorax erreichen. Sie bestehen aus acht deutlich abgeschnürten Gliedern, von denen das zweite die grösste Länge erreicht und eine schwache Einbuchtung, das vierte einen deutlichen Absatz zeigt und mit einer Borste ausgestattet ist, welche an Länge die nächsten vier sehr kurzen und allmälig sich verjüngenden Glieder sammt Borsten erreicht. Dem terminalen Gliede sitzen drei längere nach aufwärts gerichtete und zwei kürzere nach abwärts gerich- tete Borsten auf, welche gleich den meist auf der Oberseite der 1 Vergl. C. Claus, Neue Beiträge, Sep. Abdruck, S. 22 u. f. uebat Figur 29. 198 A. Kosoll, übrigen Glieder aufsitzenden, spitz zulaufende Tastborsten sind. Die zweite (hintere) Antenne {A^) wiederholt durchaus den Bau und die Gliederung von Klammerantenuen, wie wir sie bei den Lichomolgiden und Ergasiliden finden. An ihr lassen sich drei Glieder unterscheiden, von welchen das basale durch ein zartes Zwischenhäutchen von dem zweiten getrennt ist, das zweite die grösste Länge erreicht, und das dritte kürzere End- glied in einen stärkeren und einen schwächeren Greifhaken endet. Die Mnndtheile zeigen gleichfalls eine grosse Überein- stimmung mit Lichomolgus und Sabelliphilus und lassen sich daher gleich diesen von denen der Corycaeiden ableiten. * Über dem Munde springt eine breite Oberlippe (Fig. 8, Lahr) vor, deren beide Randflügel die darunter liegenden langgestreckten und tasterlosen Stechmandibeln {^Md) bedecken. Diese letzteren bestehen aus einem breiten Basalabschnitt (Fig. 7 und 8, PI), der die Form der Kieferlade bewahrt, und einem sichelförmig gekrümmten, mit zwölf grossen und ungefähr doppelt so vielen allmälig kleiner werdenden Zähnchen besetzten Haken, der in eine feinbehaarte Stechspitze peitschenförmig ausläuft. Der äussere Kand zwischen dem Basalglied und Endstück ist mit einem dichten Borstenbesatz ausgestattet. Unterhalb der Mandibel entspringen die kleinen schief nach abwärts gerich- teten und mit vier starken stiletförmigen Borsten versehenen Maxillen (Fig. 8, Mo;), die auch vornehmlich zum Einstechen verwendet zu werden scheinen, also in einer an die Lichomol- giden und Corycaeiden anschliessenden Form auftreten. Um die Mandibel, von welcher selbst mit Hilfe starker Vergrösserung nur die basale Platte (PI) sichtbar ist, und die Maxille, von welcher man an dem auf dem Rücken liegenden Thier nur die zwei unteren Borsten bemerkt, zu studiren, war es nothwendig^ das Object mit verdünnter Kalilauge zu behandeln und die Mundtheile, wie Fig. 8 zeigt, herauszupräpariren. Auf die Maxille folgt jederseits der kräftige schräg nach innen gerichtete obere Maxillarfuss (Mxf^), der aus einem umfangreichen breiten Basal- stück, einem mit sieben Stacheln sägezahnartig besetzten End- stück und einer auf der Aussenseite befindlichen fein behaarten 1 Vergl. C. Claus, Neue Beiträge etc., S. 330. Abschnitt 3 u. f. Zwei ueue parasitische Copepoden. 199 Borste besteht, welche auf einem kurzen Aiissenast aufsitzt. Der obere Maxillarfuss wiederholt sonst j^enau die Form des ersten Kieferfusses bei Sabel/iphilus \ und schliesst sich daher unsere Form auch in dieser Hinsielit den Lichomolgiden an. Weiter abwärts folgt dann der von einem langgestreckten Cliitingestcll getragene untere Maxillarfuss {Mxf^, dessen kurzes dolchmesser- artiges Endstück in eine feine Spitze endet. Beide Maxillar- fusspaare sind in ihrem Endglied mit kleinen Chitinhöckern und Warzen, das untere überdies auf der medianen Seite mit kurzen Borsten versehen. Die ersten vier Thoracalsegmente tragen eben so viele Paare gleichgestalteter Ruderfüsse, welche aus einem umfangreichen, von kräftigen Quermuskeln durchsetzten, zweigliedrigen Stamm und aus zwei dreigliedrigen Ästen bestehen, die mit langen nach innen gerichteten und dicht befiederten Schwimmborsten ver- sehen sind. Im wesentlichen stimmen alle vier Paare sowohl untereinander als auch mit denen von Ascomyzon comatulae überein. Ganz besonders ist hervorzuheben, dass der Innenast des vierten Paares dreigliedrig und nicht, wie bei Lirho- niohjus, Doriilicola und StelUcola zweigliedrig ist. In dem Zwischeufelde der Grundglieder jedes rechten und linken Beines befindet sich eine fünfseitige Chitinplatte nebst einem lyra- förmigen Chitinaufsatz als Stütze des Hautskelets. Das fünfte, dem langen aber schmalen Brustsegment entsprechende Bein- paar (Fig. 7, /V) ist auf einen kurzen einfachen Ast, welcher zwei Borsten trägt, reducirt. Diesem folgt nun das vollzählig gegliederte und sehr gedrungene Abdomen, welches kaum die halbe Länge des Thorax erreicht. Das erste umfangreichste Segment, welches durch Verschmelzung der beiden ersten Abdominalabschnitte entstanden ist, hat eine tonnenförmige Gestalt und enthält in seinem hinteren Theile ventralwärts die von kleinen Chitinplättchen überdeckten Genitalöffnungen (Fig. 7, G. Ö.). Die drei folgenden Segmente sind sehr kurz. Der letzte Hinterleibsabschnitt trägt die kleinen gabelig auseinander weichenden Furcalglieder mit je zwei längeren und kürzeren Schwanzborsten. 1 Vergl. C. Claus, Ühar Sabellip/iilus Saisii und d-AS }>lämicheu des- selben. Zeitschr. für wiss. Zoologie, Bd. XXVI, 1876. 200 A. Rosoll, Was die systematische Stellung unserer Form betrifft, so geht schon aus der Beschreibung hervor, dass dieselbe in der gesammten Körpergestalt und im Bau sowie der Gliederung sowohl der Antennen als auch der Mundtheile in die Familie der Lichomolgiden gehört, deren Mundtheile sich von jenen der Corycaeiden ableiten und mit denen der Sapphirinen direct zusammenstellen lassen. Für die Zugehörigkeit spricht auch der Bau der hinteren Antennen, welche zu Klammerorganen umge- bildet sind, die schräg dachförmig der Munderhebung aufliegende Oberlippe, unter der zu beiden Seiten die stechenden Mandibeln frei hervorstehen, welche des für die Ascomyzontiden so charakteristischen Saugschnabels entbehren. Während aber bei den letzteren, wie wir in unserem Beispiele gesehen haben, die Mandibeln mit zwei kurzen, scharf abgesetzten Chitinstücken enden, erscheinen sie hier sichelförmig gebogen, beginnen mit einer l)reiten Basis und enden in eine peitschenförmige, bewim- perte Stechspitze. Von einem Sangrüssel im Sinne der Asco- myzontiden ist, wie Figur 7 und 8 zeigt, keine Spur vorhanden. Die Maxillen sind kurze Platten und mit starken Borsten bewaffnet, ebenso erweisen sich die gedrungenen Maxillarfüsse im Gegen- satze zu denen der Ascomyzontid en als die der Lichomol- giden - Gruppe eigenthümlichen. Es wäre nun aber die Frage zu untersuchen, ob für unsere Form eine besondere Gattung aufzustellen ist oder ob dieselbe nur als neue, an Seesternen parasitische Lichomolgiis-Art, betrachtet werden kann. Wie schon hervorgehoben, ist der Innenast des vierten Fusspaares bei den Gattungen Doridicola Leydig' und Stellicola Kossmann genau wie bei Lichomo/r/us zweigliedrig, hier aber dreigliedrig. Da sie die gleiche Körper- gestalt und gleiche Bildung der Mundwerkzeuge besitzen, so ist ihre Übereinstimmung mit Lichomolgns begründet. Während wir aber bei der Gattung Lichomolgns Kopf und Thorax gesondert finden, sind in unserer Form beide mit einander verschmolzen. Bei den genannten Gattungen ist die vordere Antenne sechs- bis 1 Le yd ig, Zoologische Notizeu: Neuer Schmarotzerkrebs auf einem Weichthier. Zeitschr. für wiss. Zool., Bd. IV, S. 377, Tafel XIV; feruers C. Claus, Neue Beiträge. Dieselbe Zeitschr.. Bd. XXV, 4. Tafel XXIV. Zwei ueue parasitische Copepoden. 201 siebeng'liedrig, bei unserer Form deutlich acbtgliedrig. Da Kossmanu für seine Form einen neuen Gattungsnamen gewählt hat, so glaube ich zufolge dieser charakteristischen Unterschiede mit um so grösserem Rechte eine neue Gattung, und zwar nach dem Wohnthier Ästericola aufstellen zu dürfen, und bezeichne die mir bekannte Form als Ästericola Clausü. Wir werden somit Ästericola Clnnsii charakterisiren : als einen vollzählig gegliederten Schmarotzerkrebs mit scharf aus- geprägter Segmentirung, mit vier Paar zweiästiger und gleich- gegliederter Euderfüsse und einem einfachen rudimentären fünften Fusspaar. Kopf mit dem ersten Brustsegment zu einem schildförmigen Cephalothorax verwachsen; mit schmächtigem, jedoch vollzählig gegliederten Abdomen und einfachem Auge. Vordere Antenne acht-, hintere dreigliedrig, zu einem Klammer- fuss mit zwei Greifhaken umgebildet. Mundtheile stechend, Maudibel sichelförmig gekrümmt, mit fein bewimperter End- spitze. Maxille tasterartig mit vier starken Stechborsten. Oberer Maxillarfuss sägeartig, mit einer langen Borste an einem kleinen Aussenaste versehen. Unterer Maxillarfuss mit dolchmesserartiger Endspitze. 202 A. Rosoll, Zwei neue parasitische Copepoden. Tafel erklärung. Fig. 1. Das Weibchen von Ascomt/zofi comatulae in seitlicher Lage dar- gestellt. Vergr. Hartnack Obj. 8 und Oc. 3 mit ausgezogenem Tubus. Zeichmmg mittelst Camera von Oberhäuser. C=Cephalo- thorax. Oc=dreitheiliges Auge. .4i:=erste Antenne. il2=zweite An- tenne. iS<=Stimschnabel. 5i=Saugschnabel (Sipho). iI!frf=Mandibel. i/a,-=:Maxille. Mxf^= oberer Maxilbirtuss. Mxf^^ untererMaxillarfuss. 2.Th. S.—b. Th. 5=zweites— fünftes Thoracalsegment. fi.fY=l—b. Thoracalfuss. G. S.^Genitaldoppelsegment. ^m— ^v— 3 — 5. Abdo- minalsegment. i^c^Furca mit den Schwanzborsten. „ 2. Der Saugschnabel von der Oberseite mit den Mundtheilen heraus- präparirt. Vergr. H. Obj. 8 und Oc. 3. Bezeichnung dieselbe. L«=Oberlippe. „ 3. Der Saugschnabel von der Unterseite mit dem Chitingerüst. Li = Unterlippe. „ 4. Erstes Ruderfusspaar. Vergr. H. Obj. 8 imd Oc. 3. Äm^zwei- gliedriger Stamm. F=plattenfürmiger Chitinleisten. FF=Wirbel. Äe=äusserer Ruderast. Ät=innerer Ruderast. Z>r=Drüsenzellen. „ 5. Abdomen des Männchens. iSp^Spermatophore. „ 6. Abdomen des Weibchens. „ 7. Das Weibchen von Astericola Clausii von der Bauchfläche dar- gestellt. Vergr. H. Obj. 5 und Oc. 3. La6r=:0berlippe. P/=Mandibel- platte. G. Ö.=Genitalöflfnung. Bezeichnung gleich der in den früheren Figuren. „ 8. Die herauspräparirten Mundtheile. Vergr. H. Obj. 8 und Oc. 3. CÄr= Chitinrahmen, der in die Insertion der Gliedmassen übergeht. Sonstige Bezeichnung wie in den früheren Figuren. A. Rosoll : Zwei neue Copepodeu. Taf.I. (' :- .VX Dr.- "i AuLu:- ()fl. Lifli.Aiusiv.TluFiLnirvv-arth ■■^'il•^,VII.^ie7.. SitZ^^lö.sl)el■^clltf' d.k;Li.s,.\k:i(l.il.Wis.s.iii;ith.iialiirw. ('lasse. Bd. XC VIT. Alilii. ]. lcS88. A. Rosoll : Zwei neue Copepoden. Tarn, _ ' Lirti.Ani: v,Tl;.Ba:;rnv.-irlh ,lV->n,mBc Sitzuiiy.sbeiicliio il.k:u.s. Akad.d.Wi.ss.iiuith.Tialunx-. Classe. Bd.XCVlI. AbÜi. 1.1888. 203 Einige Bemerkungen zur Geologie Nordpersiens von Dr. Alfred Rodler. 1. Lias und Jura am Urniia-See. Im Nachfolgenden möchte ich mir einige Bemerkungen über dieälteren Gebirgsglieder erlauben, welche der pliocänenBecken- aiisfülhmg von Maragha als Unterlage und als Umrahmung dienen. Gestattete mir auch die Erfüllung meiner Hauptaufgabe, der Ausgrabungen, nicht mehr als wenige Tage eiliger Rückreise und einen kurzen Ausflug den Murdi -Tschai hinauf auf den Gegenstand zu verwenden, so glaube ich doch aus einem so wenig besuchten Gebiete, wie es das Urmiabecken ist, auch vereinzelte und zusammenhanglose Daten veröffentlichen zu dürfen. ^ Das ganze Ostufer des Urmiasees ist ausserordentlich arm an klaren Aufschlüssen. Die grossen Massen von Tuffen und vulcanischem Detritus, welche der Sahend geliefert, zusammen mit den in der unmittelbaren Nähe eines centralen abflusslosen Beckens besonders mächtigen Schotter- und Lehmmassen, ver- hüllen auf weite Strecken hin das Grundgebirge völlig. Auf dem Wege, den die von Täbriz nach Süden gehenden Karavanen im Sommer nehmen, bewegt man sich von Täbriz aus nahezu eine Tagreise im Schuttland^ das besonders in den gelb- grauen Hügeln umSarderud eine imponirende Mächtigkeit erreicht. 1 Zur Orientirung diene die Kiepert'sche Carte generale des provinces asiatiques de l'empire Ottoman, Berlin 188J:, und Houtum-Schindler's Routenkarte in der Zeitschrift der Berliner Gesellschaft für Erdkunde. 1883, Tafel 8. 204 A. Rodler, Auch heute uoch ist die Geschiebefühniug der vom Sahendstocke zum Urmiasee herabkommenden Flüsse eine sehr beträchtliche, jeder von diesen hat eine breite Zone ziemlich dicht mit seinem Transportmaterial bedeckt, und namentlich Murdi-Tschai und Safi- Tschai geben gute Belege für Tietze's Charakteristik der per- sischen Flüsse' und für Woeikof's klimatologische Fluss- kategorie.^ Die wenigen Stellen, an denen das Grundgebirge zu Tage tritt, lassen erkennen, dass wir es zwischen Sahend und Urmia- See mit einer entsprechend dem gesammten Zagrossysteme NW— SE streichenden Kette zu thun haben. Allenthalben sind die Schichten steil gestellt und sie zeigen vorwiegend SW-Fallen. In unmittelbarer Nähe des Sahend tritt dieser Gebirgszug land- schaftlich zurück, S-wärts von dem weiten Thale von Maragha ist er dagegen deutlich zu verfolgen.^ Namentlich an drei Stellen sammelte ich jurassische Fossilien. Die erste derselben ist Aktahu dere, etwa eine Meile südlich von Goigan, unweit vom Seeufer und von einer allen Karavanenführern wohlbekannten Quelle. Die zweite liegt etwa zwei Meilen E von Maragha bei dem aus wenigen Hütten bestehen- den Dorfe Tazeh-Kend, und die dritte bei Guschäisch im Thale des Murdi-Tschai. Endlich sandte mir nach meiner Rückkehr mein Freund Th. Strauss noch Ammoniten aus dem schon dem Gebiete des Sefidrud zufallenden Karanguthale. Wie viele verschiedene Niveaux nach diesen Funden ver- treten erscheinen, das wird die eingehendere paläontologisehe Untersuchung zeigen,welche Herr Dr.V, Uhlig zu übernehmen die Freundlichkeit hatte. Jedenfalls ist mittlerer und vielleicht auch oberer Lias durch Harpoceraten vertreten (Tazeh-Kend, Ilditschi). Die beiden Fundorte Aktahu -Dere und Guschäisch lieferten hauptsächlich oberen Jura. Das petrefactenführende Gestein ist ein dünnbankiger mergeliger Kalk, welcher einem Schichtsysteme angehört, in dem neben Kalken auch rothe Sandsteine und eine 1 Jahrb. der k. k. geolog. Reichsanst, 1877, S. 347. 2 Die Kliiuate der Erde, I. Bd., S. 3. 3 Scliiiidler, Verb, k, k. geol. Reichsaust, iiud Pohlig eb. da.s. 1884, S. 281. Zur Geologie Nordpersiens. 205 bivalvenreiche Luniaclielle eine Rolle spielen. Wohin die recht zahlreich vertretenen Perisphincten zu stellen sind, wag-e ich nicht zu entscheiden. Vielleicht stehen sie den Polyploken des Kimmevidge näher, vielleicht aber der Gruppe des Perisphinctes curvicosta aus dein Callovien. Daneben liegt ein Holcostephanus vor, welcher aut obersten Jura deutet. Dass verschiedene Niveaux vertreten sind, ist bei der P^iit- wicklung' der Juraschichtreihe im benachbarten Kaukasus von vornherein wahrscheinlich. Nach den Mittheilungen von Gre- wingk und Abich konnte das Herüberreichen mariner Jura- bilduugen aus dem Kaukasusgebiete nach Armenien kaum mehr einem Zweifel unterliegen, obzwar diese beiden Autoren Jura und Kreide nicht mit genügender Schärfe auseinanderhalten. Pohlig hat zuerst oberjurassische Ammoniten vom Urmia- see nach Europa gebracht und damit in willkommener Weise die den Angaben G r e w i n g k 's und Ab i c h 's anhaftende Unsicherheit beseitigt. Das Materiale aus dem Karanguthale gestattet mir, mit Sicherheit mittel-' und oberliassische Meeresbildungen hinzuzu- fügen. Eine Verwechslung mit Kreide-Harpoceraten ist aus- geschlossen. Vor Auffindung mariner Liaspetrefacten am Karangu bezeich- neten die kaukasischen Liasablagerungen das äusserste Vor- komniniss von marinem Lias, an dessen Stelle bekanntlich durcii ganz Asien bis Japan pfianzenflihrende Sandsteine treten.^ Durch den nordpersischen Lias erscheint das Verbreitungs- gebiet des Liasmeeres um ein Bedeutendes nach Süden erweitert. Die höheren Juraglieder geben uns die Richtung an, in welcher wir die von Neumayr aus theoretischen Gründen angenommene Communication mit dem indischen Jura zu suchen haben, und ein neues Glied in der Kette hat Griesbach durch den Fund mariner Juraablagerungen in Afghanistan geliefert.- Abgesehen von dem Interesse, welches das Vorkommen mariner Liasablagerungen im Urmiabecken hinsichtlich der 1 Neumayr, Geogr. Verbreitimg der Juraformation, Deukschr. der k. Akademie der Wissenschaften. Mathem. nat. Gl. L. Bd., S. 113 ii. 114. 2 Records of tlie geol. Survey of ludia, vol. XX, pt. 2, pag. i)5. Tabelle u. a. 206 A. Rodler, Yertheilung von Meer- und Festland zur Jurazeit darbietet, ist dasselbe auch geeignet, einen weiteren Beleg dafUr zu liefern, dass die angenommene Lückenhaftigkeit der Schichtfolge im persischen Hochlande thatsächlich nicht besteht, sondern nur der Ausdruck unserer unzureichenden Kenntniss des Landes ist. So lange man Persien für ein Hochplateau — ein Tafelland — hielt,* hatte es nichts Befremdendes, dass an der Zusammensetzung des Landes dieselben Glieder in erster Linie betheiligt sein sollten, wie etwa in der Sahara oder in Arabien. Loftus' in ihrer schlichten Wahrheit bewunderungswürdige Auseinandersetzungen haben uns das Zagrosgebiet im weitesten Sinne als Faltenland kennen gelehrt und Tietze's Schriften haben durch die Schilderung der Entstehungsgeschichte der jüngeren Ausfüllungsmassen des persischen Hochlandes südlich vom Alburs auch diese Theile des Landes als Faltenland erwiesen. Dazu gesellen sich nun für Chorassan die Arbeiten von Gries- bach.^ Die Kettengebirge Persiens schienen also eine Ausnahme von der Regel zu machen, dass die Zusammensetzung gefalteter Gebiete stets von der benachbarter Tafelländer abweiche. Besonders charakteristisch war es, dass die Kreideformatiou nur durch ihre oberen Glieder vertreten sein sollte. Die Aufsammlungen des Herrn Dr. Stapf aus dem Gebiete zwischen Buschir und Schiras erweisen nunmehr aber auch das Vorhandensein des Urgon und gewisse von demselben mit- gebrachte austernreiche Kalke dürften vielleicht dem Neocom angehören. Aus Chorassan berichtet Gri es bach gleichfalls über neocome Ablagerungen; erst in Tnrkestan ist die Kreide auf Glieder vom Cenoman ab beschränkt. Ich selbst konnte marinen Lias feststellen und Griesb ach's Fund alpiner Trias Versteinerun- gen zu Chahil im afghanischen Turkestan ergänzt die mesozoische Serie nach unten. Wenn einmal der „blue limestone" des Bakhtyarengebietes genauer bekannt sein wird, wird vielleicht auch die Vertretung ^ Dies thut merkwürdiger Weise noch heute Lapparent, vgl. Bull. Soc. G60I. 8. s6r., t. 15, pag. 398. 2 Vgl. Siiess, Antlitz der Erde I., S. 630. Zur Geologie Nordpersiens. 207 der paläozoischen Formationen vollständiger erscheinen, als es bis jetzt der Fall ist. Genauere Parallelen zwischen den Schichtfolgen innerhalb verschiedener Gebirge Persiens lassen sich gegenwärtig noch nicht ziehen^ das eine aber scheint ziemlich deutlich, dass der Albnrs diesbezüglich den Gebirgen N. Chorassans und Afgha- nistans N, von Herat weit näher steht als den benachbarten Ketten des Zagrossystems. Die von Tietze gegebene Schilderung des Alburs stimmt trefflich mit Griesbach's neuen Aufnahmen im nordöstlichen Theile von Iran ; letzterer betont auch nach- drücklich die grosse Rolle der afghanischen Wasserscheide und die Einheitlichkeit des gesammten „Alburssystems". Die grünen Schichten, die im Alburs eine so grosse Rolle spielen, finden sich in Chorassan wieder, im Zagros scheinen sie zu fehlen. 2. Zur Eutstehuiigsgeschichte des Urmia-See's. Die reichen in den letzten Jahren nach Europa gebrachten Säugethierreste des Pliocän von Maragha lassen eine genauere Kenntniss der Geschichte des Urmiabeckens als sehr wünschens- werth erscheinen. Mit den folgenden Bemerkungen soll aber nur der Nachweis geliefert werden, dass wir gegenwärtig noch sehr weit davon entfernt sind, auch nur mit einiger Sicherheit über die Entstehungsgeschichte des Sees urtheilen zu können. Die letzte Meeresbedeckung des NW.-Persien fällt an die Grenze zwischen Oligocän und Miocän, etwa in die Zeit zwischen dem Horizonte von Castel Gomberto und den Horner- schichten, welch' letzteren der von Ab ich sogenannte Supra- nummulitenkalk des Urmiabeckens in dem Habitus seiner Fauna ausserordentlich ähnlich ist. Leider sind wir über die Beziehungen dieser Formation zu der so weit verbreiteten „gypsiferous series" bei dem absoluten Petrefactenmangel der letzteren niciit unterrichtet. Die Bearbeitung der Miocänfauna von den Inseln des Urmia- sees durch Ab ich fällt vor die Zeit der genaueren Durchforschung der osteuropäischen Tertiärablagerungen. Mag also auch eine genauere Parallelisirung der Inselkalke mit irgend einem engeren Horizonte eines gut stndirten Miocänbeckens zur Zeit noch als 208 A.Rodler, unzulässig betrachtet werden, so steht doch der mediterrane Charakter der Ablagerung- ausser Zweifel, oder vielmehr es fehlt jede Form von indischem Charakter, soweit nicht der Gesammt- tracht der mediterranen Miocänfaunen indische Anklänge zeigt. Zugegeben, dass wir eine indische Fauna, die den tieferen Gliedern des Wiener Miocän genau entspräche, überliaupt nicht kennen, so dürfen wir doch aus diesem negativen Grunde noch keine Berechtigung herleiten, den Urmia mit dem per- sischen Golfe in Verbindung zu bringen, zumal da wir die Fort- setzung der Tiefenlinie des Urmiasees nach Süden geologisch gar nicht kennen und somit über die Art und den Ort dieser Verbindung nicht das Mindeste auch nur verrauthen können. So wie der Alburs die Salzformation nur auf seiner Südseite zeigt, so finden sich sarmatische Ablagerungen nur im N. desselben. Es ist klar, dass uns dieselben keinen Anhaltspunkt für die Zeit einer Absclmürung oder für Etappen der Schrumpfung des Sees liefern. Weitere Räthsel liefert das Pliocän. Sollen die gesammten lössähnlichen Mergelbildungen im Urmiabecken lacustrinen Ursprunges sein, so ist die xlnuahme eines nach Norden gerichteten Abflusses des Sees nicht abzu- weisen; diese Mergel überschreiten SE vom Sahend die Wasser- scheide und reichen weit in das Thal des Karangu hinab. Die an die Durclibruchsthäler des Alburs geknüpfte Discussion liess ein hohes Alter des hydrographischen Netzes in diesem Theile Persiens als wahrscheinlich annehmen. Hatte der Urmia damals einen Abfluss zum pontischenSee, so musste er die physikalischen Verhältnisse dieses Beckens theileu. Nun ist aber der Mergel von Maragha gewiss kein Süsswasserdeposit. Die äusserst häufigen Gypskrystalle sind ohne die Annahme einer beträcht- lichen Salinarität des Seewassers nicht zu erklären. Aus den Tertiärgebilden des Urmiabeckens und der benach- barten Länder lassen sich also zur Stunde noch keine Beweise dafür herleiten, dass das Becken des Urmiasees ein unmittel- barer Rest des Miocänmeeres sei. Ist dies aber nicht der Fall, so haben wir mit der Bezeichnung „Relictensee" nichts gewonnen; dann ist einfach jedes stehende Gewässer in einem Gebiete tertiärer Meeresbedeckung auch ein Relictensee. Zur Geologie Nordpersiens. 209 Für die Geschichte des Urmia in nachpliocäner Zeit, für eine etwaige Controle seinerNiveaiiverhältnisse mangeln uns gleichfalls alle Anhaltspunkte. L o f t u s hat am Westufer des Sees vergebens nach Terrassen oder anderen Fluthniarken gesucht, ich an den von mir besuchten Strecken des Ostufors ebenso. Man könnte nun in den Sinterbildungen, die ja einen so charakteristischen Zug des Urmiabeckens bilden, einen Ersatz für diesen Mangel sehen; man könnte die Travcrtine am Urmia in gleicher Weise zur Bestimmung des ehemaligen Wasserstandes heranziehen, wie es die Amerikaner beim Lake Bonneville und beim Lake Lahontan gethan haben. Es sind aber diese Travertine keine unmittelbaren Absätze aus dem Seewasser selbst, wie verschiedene Kalktuffe der amerikanischen Quartärseen, dagegen spricht allein schon ihre räumlich scharf umschriebene Verbreitung. Im Ganzen und Grossen erscheinen alle Travertinbildungen des L^rmiabeckens einfach als eine Steigerung des heutigen Zustandes der Dinge. Die mächtigen Marmorbrüche bei Dehkerzan liegen in einem Gebiete auch heute noch kohlensäurereicher Quellen, das gleiche gilt für den Sinter bei Maragha und für die von Loftus beschriebenen Travertine westwärts vom See. Ebenso finden sich Travertine sofort wieder, und zwar in den verschiedensten Niveaux in dem nächsten Gebiete jungvulkanischer Thätigkeit, zu Tacht i Suleiman. Wenn wir also auch annehmen wollen, dass der Travertinabsatz nur im Mündungsgebiete von Flüssen und Bächen erfolgte, so können wir dennoch aus den Niveaux der Sinterbildungen keinen Schluss auf die Höhe des Seespiegels ziehen und müssen uns mit der Vermuthung begnügen, dass die- selbe eine beträchtlichere war als heute.' Wir dürfen auch nicht vergessen, dass das Ufer des Sees durch die eruptive Thätigkeit des Sahend vielfachem Wechsel in seiner Configuration unter- worfen sein konnte. Aufschüttungen von lockerem Material und Lavaströme mögen zu Zeiten die Wasserläufe in der horizontalen, wie in der verticalen Richtung verschoben haben, und so konnten Sinterbildungen in den verschiedensten Höhen zu Stande kommen. Dafür, dass vulcanische und seismische Ereignisse im Urmiabecken noch in historischer Zeit vorgekommen sind, scheint 1 Vgl. Angaben über Mächtigkeit von Quellabsätzen bei Roth, Allg- u. ehem. Geologie I, S. 589 u. a. o. Sitzb. d. mathem.-natnrw. CI. XCVII. Bd. Abth. I. 14 210 A. Rodler, die Tradition von ertblg'ten Einstürzen (Schloss des Hulaku), vom Aufleucliten von Feuerschein und Flammen u. dg-l. zu sprechen.^ Ob es gelingen wird die naclimiocänen Ausfüllungsmassen des persischen Hochlandes zu gliedern, erscheint mir sehr fraglich. Petrefactenfunde fehlen bis auf diePliocänfaunavonMaragha und auf vereinzelte diluviale Thierreste im Steppenlehm. Die Süsswasserschnecken, welche au dem Ufer des Urmia ange- schwemmt sind, lassen sich nicht verwerthen, da wir ihre ursprüngliche Lagerstätte nicht kennen. Von den Conglomeraten am Urmiasee wissen wir nicht, ob sie noch dem Miocän oder schon dem Pliocän angehören und ebensowenig lässt sieh eine Orenze ziehen zwischen dem pliocänen Knochenmergel und jüngeren Gebilden. Scharfe Grenzen fehlen überall von dem gleichfalls nur durch physikalische Merkmale gekennzeichneten Niveau der Salzformation abwärts. Das steht im Einklang mit der von Tietze verfochtenen Anschauung, dass schon zur Miocänzeit die Grundzüge des heutigen Zustandes von Iran gegeben waren. Es ist von grosser Bedeutung, dass neuerdings Griesbach für Ost-Iran demselben Gedanken Ausdruck gegeben hat: „Duringthe miocene period began the changes in the Distribution of land and sea which continued during later tertiary times and are still going on." — jjThe change of conditions must have been very gradual, for there is no break in conformity visible between the drab clays and shales of the estuarine upper miocene and the densely briglit coloured red and purple clays, sandstones and shales with conglomerate of the upper tertiaries which is a purely fluviatile and lacustrine formation." — „Inpliocene times already began the accumulations of vast deposits of loess." ^ Wir kennen bis jetzt aus dem ürmiabeckeu noch keine Thatsache, welche den angedeuteten Anschauungen über die Geschichte des iranischen Hochlandes in den letzten Epochen der Erdgeschichte widersprechen würden. Mag der See auch zur Pliocänzeit — der Zeit der reichsten Seenentwicklung im ganzen 1 Vgl. Ritter, Erdkunde Bd. IX, S. 857; Hammer-Purgstall, Geschichte der Ilchaiie, passiin. 2 Rec. geol. Surv. of India, vol. XX, pt. II, p. 101 flf. Zur Geologie Noidpersieus. 211 mediterranen Gebiete — eiaeu weit höhereu Stand gehabt haben, so mnss seine Schrumpfung äusserst allmälig- und continuirlieh vor sich gegangen sein, da wir nirgends eine Etappe in diesem Schrumpfungsprocess fixiren können. Die Vertheihing der An- siedlungen an den Grenzen der heutigen Inundationszone, die wenigen vorliegenden historischen Daten von Strabo und den arabischen Geographen angefangen lassen auch für die geschicht- liche Zeit keinen beträchtlicheren Rückgang annehmen. Zudem ist die Controle dieser Verhältnisse bei einem Wasser- becken mit so bedeutender Jahresschwankung des Wasser- standes, mit einem so offenen Inundationsterrain äusserst schwierig und es wird jedenfalls langjähriger Beobachtungen und Messungen bedürfen, bevor man am Urmia scharf zwischen etwaigen Veränderungen des Niveaus von constanter Tendenz und zwischen dem Effecte langjähriger Klimaschwankungen wird unterscheiden können. Dass die Seespiegelschwankungen, die wir heute in sub- tropischen Gebieten wahrnehmen, für die Discussion der geolo- gischen Geschichte eines Landes nicht unmittelbar verwendbar sind, hat Hann vor zwanzig Jahren nachdrücklieh betont. Keuerdings hat Sieger in vollkommen sachgemässer Weise die diesbezüglichen Verhältnisse an den armenischen und nord- persischen Seen discutirt,* und die Publication Wild 's über die Kegenverhältnisse des russischen Kelches^ hat für die dem Urmia- becken nahe gelegenen Gebiete die Grösse der Veränderlichkeit der hier in Betracht kommenden klimatischen Factoren kennen gelehrt. Es darf vielleicht darauf hingewiesen werden, wie ausser- ordentlich ähnlich die geologische Geschichte Persiens in nach- mesozoischer Zeit jener von Argentina ist. Hier wie dort die letzte Meeresbedeckung an der Scheide zwischen Oligocän und Miocän. Darauf folgt für den grössten Theil des Landes — nur die Küstenregionen ausgenommen — eine continuirliche Festlandsperiode, die durch eine mächtige Masse von Löss und Sehuttbildungen bezeichnet wird. Es ist nicht gelungen , diese Absätze zu gliedern , die einzigen 1 Mitth. d. k. k. geogr. Ges. Wieu 1888, Heft 3 ft'. 2 Vgl. Supan in Petem. Mitth. 1888, 3. 14* 212 A. Rodler, Zur Geologie Nordpersiena. Anhaltspunkte zu einem derartigen Versuch bilden die Säuge- thierreste der Pampasformation, aber es schwebt noch die Frage, mit welchem engeren Niveau der Tertiärformation dieselben zu parallelisiren sind. Das eine aber ist nach Stelzner, dem aus- gezeichneten Monographen des Landes, sicher: dass vom Beginne der jüngeren Tertiärzeit an die meteorologischen Verhältnisse des Landes denen der Gegenwart wenigstens im Allgemeinen gleich waren. ^ 1 Vgl. Stel.zner, Beiträge zur Geologie und Paläontologie der argentinischen Republik. I. Geolog. Theil, S. 278; — Richthofen, Asien I. 185; — Suess, Antlitz d. Erde 11,388. 213 XII. SITZUNG VOM 11. MAI 1888. Das w. M. Prof. L. Boltzmann in Graz übersendet eine von Dr. Hans Jahn in dem chemischen Institute der Universität in Graz ausgeführte Untersuchung: „Über die an der Grenz- fläche heterogenerLeiter auftretenden localenWärme- erscheinungen". Herr Prof, Dr. Ph. KnoU in Prag übersendet eine Abhand- lung: „Beiträge zur Lehre der Athmungsinnervation. (IX. Mittheilung.) Über die Lage des Athemeentrums". Das w. M. Herr Prof. Ad. Lieben überreicht eine im ehem. Institut der Universität in Graz von Dr. Gustav Pum ausgeführte Untersuchung, betitelt: „Beiträge zur Kenntniss unge- sättigter Säuren". Der Secretär übergibt eine vorläufige Mittheilung von Herrn Dr. Alfred Rodler, Assistent an der geologischen Lehr- kanzel der Universität in Wien, über ein im Privatbesitze des Dr. J. E. Polak befindliches Schädelfragment, dessen Fundort das Knochenfeld von Maragha am Urmiasee in Nordpersien ist. Herr Regieriingsrath Prof. Dr. A. Bauer überreicht drei in seinem Laboratorium ausgeführte Arbeiten, und zwar: I. Über trocknende Öle, von A. Bauer und K. Hazura. II. Über trocknende Ölsäuren (VII. Abhandlung), von K. Hazura und A. Grüssner. III. Über die Oxydation ungesättigter Fettsäuren mit Kaliumpermanganat, vonK. Hazura. 214 XIIL SITZUNG VOM 17. MAI 1888. Se. Excellenz der Herr Curator-Stellvertreter setzt die Akademie mit hohem Erlasse vom 10. Mai in Kenntniss, dass Seine kaiserliche Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog Curator in der diesjährigen feierlichen Sitzung am 30. Mai erscheinen und dieselbe mit einer Ansprache eröffnen werde. Der Secretär legt folgende eingesendete Abhandlungen vor: 1. „Über die linearen Transformationen des tetrae- dralen Complexes in sich", von Herrn Prof. Adolf Ameseder an der k. k. technischen Hochschule in Graz. 2. „Über die Piperidin - Farbstoffe", Arbeit aus dem chemischen Laboratorium der k. k. Universität in Lemberg, von Herrn Dr. Br. Lachowicz. Das w. M. Herr Prof. E, Weyr überreicht eine Abhandlung: „Über Raunicurven fünfter Ordnung vom Geschlechte Eins" (III. Mittheilung). Ferner überreicht Herr Prof. Weyr eine Abhandlung von Herrn Regiernngsrath Prof. Dr. F. Mertens in Graz: „Über die Ermittelung derTheiler einer ganzen ganzzahligen Function einer Veränderlichen". Der Secretär überreicht eine Abhandlung des Assistenten am geologischen Museum der k. k. Universität in Wien, Herrn Dr. Alfred Rodler, betitelt: „Einige Bemerkungen zur Geologie Nordpersiens". Selbständige Werke oder neue, der Akademie bisher nicht zugekommene Periodica sind eingelangt: Circolo Matematico di Palermo, Rendiconti, Tömo I, (Marzo 1884 — Luglio 1887); Fase. I. (Gennajo-Febbrajo); Fase. IL (Marzo— April e), Paleri^o, 1888; 4^ SITZUNGSBERICHTE DER mELICElÄKAMlIOEEWISSiSCHAF™. MATHEMATISCH-NATURWISSENSCHAFTLICHE CLASSE. XOVII. Band. VI. Heft. ABTHEILUNG I. Enthält die Abhandlungen aus dem Gebiete der Mineralogie, Krystallo- graphie, Botanik, Physiologie der Pflanzen, Zoologie, Paläon- tologie, Geologie, Physischen Geographie und Reisen. 15 217 XIV. SITZUNG VOM 7. JUNI 1888. Das w. M. Herr Prof. E. Hering übersendet eine Arbeit aus dem physiologischen Institute der k. k. deutschen Univer- sität zu Prag: „Beiträge zur allgemeinen Nerven- und Muskelphysiologie. XXHI. Mittheilung. Über secundäre Erregung vom Muskel zum Muskel", von Prof. Dr. Wilh. Biedermann. Das c. M. Herr Regierungsrath Prof. C. Freiherr v. Ettings- hausen übersendet eine Abhandlung von Prof. Dr. Ladislaus Szajuocha in Krakau: „Über fossile Pflanzenreste ans Cacheuta in der argentinischen Republik". Herr P. C. Puschl, Stiftscapitular in Seitenstetten, über- sendet folgende zw^ei Abhandlungen: 1. „Über das Verhalten comprimirter Flüssig- keiten". 2. „Über das Verhalten des gespannten Kautschuks". Herr Prof. Dr. Richard Pf ibram übersendet eine im chemi- schen Laboratorium der k. k. Universität in Czernowitz aus- geführte Arbeit: „Über die durch inactive Substanzen bewirkte Änderung der Rotation der Weinsäure und über Anwendung des Polaristrobometers bei der Analyse inactiver Substanzen". Der Secretär legt folgende eingesendete Abhandlungen vor: 1. „Über osculirende Kegelschnitte^' (L), von Prof. Wilh. Binder an der n.-ö. Landes -Oberreal- und höheren Fachschule für Maschinenwesen in Wiener Neustadt. 2. „Spongienschichten im mittelböhmischen Prae- carbon/' von Herrn Friedrich Katzer, emerit. Hochschul- assistent in Prag. 15* 218 3. „Über die Verbindungen der organischen Basen mit den Salzen der schweren Metalle", Arbeit aus dem k. k. chemischen Universitätslaboratorium in Lemberg, von Dr. Br. Lacliowicz und Dr. Fr. Bandrowski. Herr Dr. C. Sc hier holz in Wien überreicht eine Abhand- lung: „Über Entwicklung der Unioniden", Herr Dr. Eudolf Benedikt überreicht drei Arbeiten aus dem Laboratorium für allgemeine und analytische Chemie an der k. k. technischen Hochschule in Wien: 1. „Über die Bestimmung des Glyceringehaltes von Rohglycerinen", von R. Benedikt und M. Cantor. 2. „Über die Oxydation des ß-Naphtols zu o-Zimmt- carbonsäure ", von E. Ehrlich und R. Benedikt. 3. „Zur Kenntniss des Destillat-Stearins", vorläufige Mittheilung von R. Benedikt. Herr Alexander Lain er, Lehrer an der k. k. Lehr- und Versuchs-Anstalt für Photographie und Reproduction in Wien, überreicht eine im Laboratorium dieser Anstalt ausgeführte Arbeit: „Über die Verwendung des salzsauren Hydro- xylamins in der quantitativen Analyse". Selbständige Werke, oder neue, der Akademie bisher nicht zugekommene Periodica sind eingelangt: Guerne Jules de, Excursions zoologiques dans les lies de Fayal et de San Miguel. (Campagnes scientifique du Yacht Monegasque „L'Hirondelle"). Hleme annee 1887. Paris, 1888; 8". 219 Über fossile Pflanzenreste aus Cacheuta in der Argentinischen Republik von Dr. Ladislaus Szajnocha, Professor für Geologie und Palaeoutologie an der k. k. Universität in Krakau. (Mit ■> Tafeln und 1 Tabelle.) Aus der im Süden der Argentinischen Republik gelegenen Provinz Mendoza sind seit langer Zeit petroleumführende Schichten mit stellenweise eingeschalteten dünnen Kohlentiötzen bekannt. In den Jahren 1871, 1872 und 1873 wurden diese Schichten von Prof. Stelzner ^ genauer untersucht und die in jenem Schichtcomplex sowohl in der Provinz Mendoza, wie auch in den benachbarten Provinzen La Rioja und San Juan gefundenen Thier- und Pflanzenreste wurden von Prof. H. B. Geinitz^ be- schrieben und als rhätischen Alters bezeichnet. Ein etwas leicheres palaeontologisches Material als jenes, welches Prof. Geinitz zur Verfügung stand, wurde im Jahre 1886 von meinem Freunde und Collegen Herrn Dr. Rudolf Zuber in Cacheuta südlich von Mendoza bei Gelegenheit der Petroleum- schürfungen, welche von Dr. Zuber geleitet werden, gesammelt und mir zur Bestimmung übergeben. Die Resultate, welche beim Studium dieser aus circa 25 Handstücken bestehenden Sammlung gewonnen wurden. 1 Dr. Alfred Stelzner. Beiträge zur Geologie und Palaeontologie der Argentinischen Republik. I. Geologischer Theil. Cassel 1885. - Dr. Hans Bruno Geinitz. Über rhätische Thier- und Pflanzenreste in den argentinischen Provinzen La Rioja, San Juan und Mendoza. Palaeonto- graphica. Supplementband 111. Cassel 187G. 220 L. Szajnochii, Hessen als wünsch enswerth erscheinen, die Ergebnisse der Unter- suchung jetzt schon der Veröffentlichung zu übergeben, umso- mehr, als es vielleicht auf diese Weise gelingen wtjrde für manche andere pflanzenführende Schichtcomplexe in Südamerika ein lebhafteres Interesse zu erwecken. Es liessen sich folgende 11 Arten bestimmen: Schizoneura hoerensis? Hi sing er. Splienopteris elonyata Carruthers. Pecopteris Schönlciniana Brogniart. Nenropteris remotai Presl. Thinnfeldia odontopteroides Morris. ThinnJ'eldia lancifolia Morris. Tae/iiopteris Mareysiaca Geinitz. Cnrdiopteris Zuberi n. sp. Podozamites äff. ensis Nat hörst. Podozamifes Scheida'i Heer. ZeiigophyllHes eloiigaiifs Morris. Ausserdem fanden sich nuf mehreren Handstücken undeut- liche Pterophyllumreste, sowohl Blätter wie auch ein einzelner Same vor, dann mehrere Stengelabdrücke, welche vielleicht den Cycadeen zugezählt werden dürften und schliesslich viele Exem- plare des einzigen Thierrcstes in jenen Schichten, der bereits von Prof. Geinitz in den Brandschiefern der Provinz Mendoza ent- deckten Phyllopodenart: Estheria BlangaUensis Jones. Das Gestein, in welchem die oberwähnten Pflanzen und Thierreste eingebettet liegen, weist drei wohl unterscheidbare, jedenfalls sehr nahe stehende Varietäten auf. Vorherrschend ist ein harter, hellbräunlicher, äusserst fein- körniger Schieferthon, dann kommt ein dunklerer, etwas weicherer und weniger geschichteter mürber Schieferthon und schliesslich bestehen drei Handstücke aus hellbräunlichem hartem, kalkig- mergeligem Schiefer, der übrigens auch als geschichteter harter Schieferthon gedeutet werden kann. Brandschiefer und sepien- farbiger Schieferthon, wie sie Prof. Geinitz in dem oberwähnten Werke aus Agua de la Zorra, Sierra de Uspallata, Agua salada, San Lorenzo, Cerro de Cacheuta und Challao in der Provinz Men- doza angibt, sind in der Dr. Zuber'schen Sammlung nicht ver- treten. Fossile Pflanzenreste aus Cacheuta. 22 1 Prof. Geinitz beschrieb aus der Argentinischen Republik ausser zwei Thierresteu: Semiotiotus ßlendozaensis Geinitz und Esther ia MunguUcnah Jones folgende Pflanzen: Chondrites Mareysuicus Geinitz. Xijlomites conf. Zditiifac Göppert. Thinnfeldia odontoplevoides Morris (zuerst als Th. crassinervis Geinitz bezeichnet). Thinnfeldia? tenuinervis Geinitz. Pachypieris Stelzneriana Geinitz. Oloplcris Argentinica Geinitz. Hymenophyllites Mendozaensis Geinitz. HymenophylUtes sp. Baiera taeninta Braun. Pecopteris tenuis Schow. Taeniupteris Mareysiaca Geinitz. Plerophyllum Oeynhiiiiüiatinm Goeppert. Pa/issya Branni Endl. car. minor Geinitz. Sphaenolepis rhaetica Geinitz und unbestimmbare Farn- stengel und Cycadeenreste. Von jenen Pflanzen konnten in der Zuber'schen Sammlung nur zwei Arten nachgewiesen werden: Thinnfeldia odontopteroides Morris und Taeniopteris Mareysiaca Geinitz. Von den übrigen in der Zuber'schen Sammlung befindlichen neun Arien müssen acht, Schizoneura äff. Iioerensis Hisinger, Sphenopteris elonyata Carr., Pecopteris Schönleiniana Brogn., Neuropteris äff. remota Presl., Thinnfeldia lancifolia Morris, Podozamites äff', ensis Nath., Podozamites Schenkii Heer und Zeiujophyllites elonyatus Morris als zum ersten Male in Südamerika constatirt bezeichnet werden, während die letzte Form Cardiopteris Ziiberi sich über- haupt als neu erwies. Bei der Beschreibung einzelner Formen, wie auch im Schlusscapitel werden die Schlüsse bezüglich der Ähnlichkeit mit ausseramerikanischen Vorkommnissen wie auch des Alters dieser, wenn auch kleinen, doch recht typischen Flora näher erörtert werden. Hier mag nur im vorhinein bemerkt werden, dass diese fossile Flora von Cacheuta überraschend ähnlich, ja geradezu identisch mit der Flora der kohlenfilhrenden Schichten von Tivoli in Queensland und des Jerusalem-F^assins in Tasmanien zu sein 222 L. Szajnocha, scheint und dass sie, mit den europäischen Floren verglichen, der obersten Trias, etwa der Lettenkohle oder dem Rhät zuzuzählen wäre. Es soll hier erwähnt werden, «lass die Bearbeitung der Zuber 'sehen Sammlung zum grossen Theile während eines längeren Aufenthaltes in Wien erfolgte und ich fühle mich zum grössten Danke verpflichtet gegenüber der Direction der k. k. geologischen Reichsanstalt und der Intendanz des k, k. natur- historischen Hofmuseums, welche mir in freundlichster und zuvorkommendster Weise gestattet haben, die Bibliotheken und die Sammlungen beider Institute in ausgiebigstem Masse zu be- nutzen. Herrn Prof. Dr. Eduard Suess und Herrn Prof. Dr. Con- stantin Freiherrn v. Er tings hausen habe ich noch besonders manche wichtige literarische Mittheilung zu verdanken. Beschreibung der Arten. Equisetaceae. Schizoneura Seh. Schizoneiira hoerensis V H i s i n g e r. Syn. 1869. Schizoneura hoerotsis Schimper. Traite d. paleou. vegetale. p. 283 (alle älteren Syuouima). 1878. „ „ Nut hör st. Om florau i Skanes kolfö- raude bildningor. II. Floran vid Höganös och Helsiugborg. p. 9. Taf. I, Fig. 1 — 4. 1881. „ ,, Heer. Coatributioii8 ä la flore fossile du Portugal, p. 1. Tab. I u. II. Es liegt ein ziemlich ungün'^tig eihaltener Abdruck eines Stengelfragmentes mit zwei unvollständigen Internodien und ausserdem ein Blattrest vor, die ihrem allgemeinen Habitus und ihren Grössenverhältnissen nach zu dieser längst bekannten Schizoneuraart zu gehören scheinen. Der Stengel gehört dem Obertheile einer jungen Pflanze oder einem jungen Aste an. Die Längsriefen sind recht schwach, hie und da sogar beinahe ganz verwischt, die Gliederung ist ziemlieh stark aufgetrieben, wobei die Nahtlinie nicht sichtbar wird und die Längsriefen in einem sanften Bogen von einem zum andern Internodium zu übergehen scheinen. Die Dicke des Stengels ist 13 mm. Fossile Pflauzeureste aus Cacheuta. 223 Der Blattabdrnck zeigt ein laug-es, ziemlich schmales, iu seiner oberen Hallte stark g-ebogeues und auch zerrissenes Blatt- fragment, auf welchem im unteren Rasaltheilc zwei starke Eiefen hervortreten, die sich gegen oben allmählig verlieren und von der Biegungsstelle des Blattes nicht mehr zu entdecken sind. Die Breite des übrigens sehr unvollständig erhalteneu Blattes dürfte zwischen 3 und 5 7nm betragen haben. Schhoiunira hoerensis Hisinger wird aus den rhätischen Schichten von Schonen, aus der Gegend von Suhlbeck und Salz- gitter in Hannover, aus Langenbriicken und Maisch im Gross- herzogthume Baden, schliesslich auch aus Rapozeira in Portugal citirt. Als Vorläufer dieser Art in den tieferen Triasschichten darf Schizoneura paradoxa Schimper et Moug. aus dem Bunten Sandstein der Vogesen ' betrachtet werden, welche der Schizoucam hoerensis jedenfalls ausserordentlich nahe steht und bei ungünsti- ger Erhaltung auch mit dieser letzteren leicht verwechselt werden könnte. Filices. Sphenoptei'is B r o g n . Sphe?io/)feris elom/atu Car ruthers. Taf. II, Fig. 2 a. Syn. 1872. Sp/wnopteris clongata Carruthers. Notes ou FossilPlauts from Queensland, p. 355. Fl. XXVII, Fig. 1. 1878. „ „ Feistmantel. Palaeozoische und meso- zoische Flora des östlichen Australien. (Erste Abhandlung) S. 108. 1884. „ „ Tenison-Woods. On the Fossil Flora of the Goal deposits of Australia. p. 92. Das kleine von Cacheuta stammende, sehr gut erhaltene Wedelfragment dieses Farnes entspricht in allen Details so voll- kommen der Abbildung und der Beschreibung derSphet/. elongata von Carruthers, dass die specifische Übereinstimmung nicht dem geringsten Zweifel unterliegen kann. 1 Schimper et Mougeot. Monographie des plantes fossiles du gres bigarre des Vosges. 1844. p. 50. Tab. XXIV— XXVI. Schimper. Traite de Paläontologie vegetale Paris 1869. Vol. 1, p. 282. Tab. XIII, Fig. 8 und Tab. XIV. 224 L. Sznjuocha. Der im allgemeinen Umrisse ziemlich schmale Wedel ist in lange schmale, lanzettförmig zugespitzte Segmente zerschnitten^ welche wiederholt dichotomiren oder auch dreifach sich gabeln und unter einem sehr spitzen Winkel — gegen 60 bis 70° — nach oben aufsteigen. Die Segmente sind linear, in ihrer ganzen Länge gleich schmal, 1 bis 1-5 mm breit und dürften etwas länger gewesen sein als die Fiederchen auf dem von Carruthers ab- gebildeten Exemplare. Die Nervatur ist gut sichtbar. Der Primär- nerv verläuft in der Mitte des Fieders erster Ordnung und gabelt sich ganz entsprechend der Gabelung der secundären Fiederchen, um weiter ebenfalls in der Mitte der letzteren gleichmässig zu verbleiben. Dieser in einem einzigen Exemplar vorhandene Farnrest liegt in einem hellbräunlichen harten Schieferthon, dem die meisten in Cacheuta gefundenen Pflanzeureste entstammen. Sphenopteris elo7if/ata ist bisher nur aus den Kohlengruben von Queensland bekannt gewesen und soll dort nach Carru- thers nebst Thinnfeldia odontopteroides Morris die häufigste Pflanze sein. Tenison-Woods bestreitet die Häufigkeit des Vorkommens, führt jedoch diese Art noch aus Thomas' Aber- dare mine^ an. Crepin^ citirt sie auch aus Tasmania neben Thinnfeldia odontopteroides Morris, jedoch ohne nähere Orts- angabe. In den jüngeren Bildungen dürfte Sphenopteris angustiloha Heer^ aus den Kreideschichten von Almargem in Portugal als ein entfernterer Nachkomme der Sphenopt. elonffata angesehen werden. Unter den lebenden Farnen steht Schizaea dichotoma Swarth* aus Neu-Holland, Ost-Indien, Java und Madagascar unserer Art am nächsten. 1 Wo sich diese Localität befindet, ist aus der Abhandlung des Herrn Tenison-Woods nicht ersichtlich. - Crepin. Note siir le Pecopteris odontopteroides Morris (^Bulletins de rAcademie royale de Belgique. Vol. XXXIX, 1875) p. 261. 3 Osvald Heer. Contributions ä la flore fossile du Portugal. Lisbonne 1887. p. 14. Tab. XVI, Fig. 1, 2, 3. 1 Constantin R. V. Ettingshausen. Die Farnkräuter der Jetztwelt. Wien 18G5. S. 238. Taf. 17C. Fig. 2. Fossile Pflanzenreste aus Cacheuta. 225 Peeopterfs Brogu. Pecopteris Schönlemlana Brogniart. Tat'. T. Fig. 9. Syu. 1828. Pecopteris Scliönleiniana Uiogniait. Histoire des vegetaux foss. p. 364. Tab. CXXVI, Fig. 6. 1838. Sphenopteris Schönlc'nunna Sternberg. Flora der Vorwelt. S. 132. 1845. Sphenopteris lobifolia Morris und S trzelecki. Physical. De- scription of New South Wales and Van Diemens Land. p. 246. PI. VII, Fig. 3. 1847. „ „ M'Coy. Annais and Magaz. of Natural History. p. 14;t. 1849. „ „ Dana. Unitod States Exploring Expedi- tion. Geology. p. 715. PI. XII, Fig. 12. 1865. Pecopteris Scliönleiniana Schönlein und Schenk. Abbil- dungen von fossilen Pflanzen aus dem KeuperFraukeus.S.15. Taf.XI, Fig. 2. 1869. „ „ Schimper. Paleontologie vegetale. p. 533. 1878. Sphenopteris lobifolia Feistraantel. Palaeozoische und meso- zoische Flora des östlichen Australien. (Erste Abliaudlung), S. 87. 1884. „ „ Tenison-Woods. Ou the Fossil Flora of the Coal Deposits of Australia. p. 88. Ein kleines Wedelfragment dieses so sehr charakteristischen Farnes liegt uns aus Cacheuta vor. Die kleinen, verlängert oval- förmigen, an einer sehr dünnen Rhaehis alternirend angehefteten, nach oben aufstrebenden Fiederchen sind in mehrere kleine Lappen meistens nnregelmässig getheilt oder auch nur ganz schwach mehrere Male eingeschnürt. Die Nervatur besteht aus einem ziemlich stark ausgesprochenen Mittelnerv, von dem sicli gegen jeden Fiederlappen zwei oder drei kleinere Seiteunerven abzweigen, die nahe am Rande sich noch einmal zu gabeln scheinen. Der einzige Rest dieses feinen und zierlichen Farnes liegt in einem hellen, ziemlich harten mergelig-kalkigen Schieferthon, der in der Dr. Zuber'schen Sammlung nur durch drei Hand- stücke vertreten ist. Pecopteris Schönleiniana wurde schon im Jahre 1828 von Brogniart aus dem Lettenkohlenkeuper der Gegend von Würz- 226 L. 8zajuocha, bürg beschrieben und später von Schönlein und Schenk noch besonders eingehend untersucht. Im Jahre 1845 beschrieb Morrisim dem Strzelecki'schen AVerke unter (\eml:^Simen Sphefioptet^is lohifolia aus den Newcastle coal mine in New-South Wales einen Farn ab, dessen Abbildung und Diagnose mit der Brogniart'schen Species so gut überein- stimmt, dass man wohl diese beiden Formen als identisch ansehen und dieselben unter dem älteren Namen Pecopteris Schönleiniana vereinigen darf. Feistniantel citirt Spltenopteris lobifolia aus Mulubimba in Nev7-South Wales, Tenison -Woods schliesslich aus Daw^son River und Bov^en River coal fields in Queensland. Als der Pecopt. Schönleiniana nahestehend muss man vor allem Hymenopliyllites Mendozaetisis Geinitz ^ aus Challao bei Mendoza in Argentinien bezeichnen, w^elche Form, wie schon Geinitz bemerkte der Pecopt. Schönleiniana ähnlich ist. Doch meint Prof. Geinitz, scheinen bei dieser letzteren Art die Charak- tere eines Hymen ophyllites nicht hervorzutreten. Weitere nahe Verwandte unseres Farnes findet man in der Sphenopteris polymorpha Feistmantel ^ aus den Damuda- schichten Indiens und in dev Sphenopteris? ylossophylla Tenison- Woods '^ aus Talblagor mines bei Dubbo in New-South Wales. Diese letztere australische Art ist jedoch bisher nur in einer recht schlechten Abbildung bei Tenison - Woods dargestellt und daher noch ungenügend bekannt. 3^e uropteris B r o g n . Neuropteris remota ? Pres!. Taf, U, Fig. 3 a. Syn. 1838. Neuropteris remota Sternberg. Versuch einer Flora der Vorwelt. S. 136. Taf. XL, Fig. 4. 1865. „ „ Schönlein n. Schenk. Abbildungen von fossilen Pflanzen aus dem Keuper Frankens. 8. 14. Taf. VIII, Fig. 2—7. 1 Geinitz. 1. c. S. 7. Tafel II, Fig. 4. - Feistmantel. Palaeoz. und mesozoische Flora d. östl. Australien. Erste Abhandlung.) S. 113. Taf XVIII, Fig. 7. 8. 3 Tenison- Woods. On the Fossil Flora of the coal Deposits of Australia. p. f)4. PI. IV, Fig. 4. Fossile Pflanzeureste aus Cacheuta. 227 ISS^j. yeurojiteris remota Gümhe]. Grundzüge der Geologie. S. 693. Bild 378. Fig. 19. Nur mit Vorbehalt können zwei junge AVedelfragmente aus Caclieuta mit sehr undeutlicher Nervatur dieser Neuropteris-kxt zugezählt werden. Die Gestalt der kleinen ovalförmigen, .'^ehr eng bei einander stehenden, im oberen Theile des Fieders noch zusammenhängenden Blätter, die Anordnung derselben bei ganz geringer, kaum angedeuteter Altcrnirung, wie auch schliesslich die stark verlängerte Form des Fieders mit ziendich dicker Rhachis, entsprechen vollkommen der Abbildung eines jungen Zweiges der Ncuiopl. remota bei Schönlein und Schenk (1. c.) Fig. V b. Die Nervatur der Blätter ist an keinem unserer Stücke gut sichtbar, soweit man jedoch den Verlauf einiger Nerven an manchen Fiederchen beobachten kann, scheinen die Nerven gleich von der Rhachis oder später von einem sich langsam her- ausbildenden Mittelnerv sich entwickelt zu haben, etwa der Ab- bildung bei Gümbel (I.e.) Fig. 10a gut entsprechend. Die feineren Details der Nervatur^ also auch die Gabelung der Nerven gegen den Rand zu sind an keinem der Fiederchen zu constatiren. Es sind nur zwei Fiederfragmente dieser Farnart aus Cacheuta vorhanden, welche neben Th'mnfeUlia odontopteroides Morris, Thinnf. luncifoUa, Podozaniites Sche/ikii und Esther'ien- Schalen in dem schon öfters erwähnten hellbräunlichen Schiefer- thon eingebettet liegen. Neuropteris remota Presl ist bisher nur aus der Haupt- lettenkohlenstufe des fränkischen Keupers von mehreren Loca- litäten insbesondere von Sinsheim und Gotha bekannt. Der Neuropteris remota in der Gestalt der Blätter etwas ähnlich ist Alethopteris Lindleyana lioyle aus Raniganj ^ in Indien aus den Damudaschichten, wie auch die, dieser letzteren äusserst nahe verwandte Merianopteris major Feistm. ^ aus den ^ Feistmantel. Palaeozoische und mesozoische Flora des (istlichen Australien. (Erste Abhandlung.) 8. 113 u. 130. Taf. XVTII, Fig. 9, 10. '^ Feistmantel. Fossil Flora of the Damuda and Fauchet Divisions (Paleontologia Indica. Series 12. Vol. III). p. 83. PI. 19 A, Fig. 9 u. 11. Tenison-Woods. On the Fossil Flora of the Goal Deposits of Australia. p. 114. PI. 6, Fig. 2. 228 L. Szajuocha, Damudaschichten Indiens und aus den kohlenfiihrenden Schichten von Ballinore in New-South "Wales. Thinnfeldia Ettingshausen. Thinnfeldia odontopferoides Morris. Taf. I, Fig. 1, 2, 3, 4 a. Syn. 1845. Pecopteris odontopterotdes Morris in Strzelecki. Description of New-South Wales and Van Diemen's- land. p. 249. PI. VI, Fig. 2, 3. 1847. Gleichenites odontopteroidcs M'Coy. Annais and Magaz.of Natural History. p. 147. ISQd.? Cycadopteris odontoplevoides Schimper. Traite de paleont. veget. p. 488. „ Alethopteris ? odontopteroides. Idem p. 569. 1872. Pecopteris odontopteroides Car ruthers. Notes on fossil plants from Queensland, p. 355. PI. XXVII, Fig. 2, 3. 1875. Odontopteris Mar risii Cr a]) in. Notes sur le Pecopteris odonto- /)^e;'o«'infeldi/( odonlopleroides Morris genügend charaktcrisirt, während aus Mulubimba und Newcastle coal mine dieselbe nicht bekannt ist, dafür aber dort Pecopteris Schönlehiiana Brogn. auftritt. In Nordamerika oder in nördlichen und westlichen Theileu Südamerikas, wo man die nächsten Verwandten der Flora von Cacheuta vermuthen würde, sind bisher keine analogen Vor- kommnisse entdeckt worden. Die ältere, so überaus reiche meso- zoische Flora von Virginia und Nordcarolina, die wir aus der ausgezeichneten Monographie von W. M. Fontaine' sehr gut kennen, bietet ein vollständig verschiedenes Florenbild; die chilenischen pflanzenführenden Ablagerungen ausTernera^ b. Copi- apö dagegen — bisher ausser Argeutina tlie einzige bekannte Fossilflora Südamerikas — deutet auf den echten Lias hin und hat mit Cacheuta gar keine gemeinsamen Formen. Auf den Vergleich der Flora von Cacheuta mit den Pflanzen- vorkomninissen aus anderen Provinzen Süd-Argentinas zurück- gehend, mUssen wir noch die meiste Ähnhchkeit mit Mareyes in der Provinz San Juan constatiren. Von Mareyes beschrieb Geinitz Tliinnf'eld'm odontopferoides Morris und Taeniopteris 1 Contributions to the Knowledge of the older Mesozoic Flora of Virginia. Monographs of the United States Geological Survey. Washington \'ohime VI. 188:]. - Zeiller. Notes sur les plantes fossiles de Ternera de Chili. (Bull, d. 1. Soc. Geoloo-. d. France. 1875.) 244 L. Szajnocha, Mareysiaca Gein., und besonders die erste Pflanze darf über die Gleichaltrigkeit der Floren entscheiden. Die von Prof. Geinitz von anderen Punkten der Provinzen La Rioja und San Juan beschriebenen Pflanzenreste dürften viel- leicht — soweit man dies heute schon beurtheilen kann — anderen, wahrscheinlich etwas höheren Horizonten der mesozoi- schen Epoche angehören. Eine vollkommen unvermittelte und auffallende Stellung nimmt unter den Farnen von Cacheuta Cardiopteris Znberi n. sp. ein. Sie erinnert lebhaft an palaeozoische Cardiopteris- Arten aus dem Culm und kann als ein verspäteter Nachkomme eines alten Typus betrachtet werden, eine Erscheinung, welche, wenn wir noch die Verwandtschaft der aus Cuesta Colorada von Geinitz beschriebenen Otopteris Ärgentinica Gein. mit manchen palaeo- zoischen Formen mitberücksichtigen, ein entferntes Analogen zu dem wiederholten Auftreten vieler Glossopteris -Arten sowohl in den palaeozoischen wie auch in den mesozoischen Floren Indiens darstellen dürfte. Die wichtigsten aus der Untersuchung der Flora von Cacheuta resultireuden Ergebnisse können nach dem Vorher- gesagten folgendermassen zusammengefasst werden: 1. Die fossile Flora von Caclieuta zeigt eine auffallende Ähnlichkeit mit der Flora der kohlenführenden Ablagerungen des Jerusalem-Bassin in Tasmanien und von Tivoli und Ipswich in Queensland. 2. Mit den europäischen Fossilfloren verglichen, kann sie als obertriadischen Alters bezeichnet werden, wobei aber hervor- gehoben werden muss, dass unter mehreren echten mesozoischen Formen in Cacheuta noch ein palaeozoischer Typus wieder zum Vorschein kommt. 3. Folglich dürfen die kohlenführenden Schichten des Jeru- salem-Bassin in Tasmanien und von Tivoli und Ipswich in Queensland auch als obertriadisch gedeutet werden. Die weiteren eingehenderen Untersuchungen anderer pflan- zenführenden Schichten in Süd-Argentinien würden wahrschein- lich weitere Analogien zu Ost-Australien und Süd- Afrika zu Tage fördern. Übersichts -Tabelle der Verbreitung der Fflanzenreste aus Cacheuta. C a c h e u t a Argentinische Provinzen La Rioja, San Juan Queensland New South Wales! Tasniania Süd-Afrika Indien Deutschland Schonen Schizoneura lioeiensls? Hisinger Sphenopleriii eloiigala Carruth. Pecopteris Schiiiiteiiiiaiin Brogn. Neiiropk'iis remota ? P re s 1. Thinnfeldia udontopleroides Morris (häufig) Thinnfeldia tancifulia Morris (häufig) Cardiaplcris Z,ubeii n. sp. Taeniopleiin Maiei/siaca Gein. Podozamilex Srhenkii Heer Podmamiti's äff', ciisis Nath. /.eugophiillites elengatus Morris Esther ia Mangatiensis Jones, (häufig) verw. m. Hi/meno- phi/llites Mendoza- ensis aus Challao bei Mendoza Mareyes(Prov. San Juan) (häufig) Mareyes (Prov. .'■'an Juan) an mehreren Punkten der Provinz Mendoza Tivoli coal mine Diiwsou River, Boweu River Tivoli coal mine, Ipswich Ipswich vergl. Podozamites lan 246 XV. SITZUNG VOM 14. JUNI 1888. Das Cuvatorium der Schwestern Fröhlich-Stiftung in Wien übermittelt die diesjährige Kundmachung über die Ver- leihung von Stipendien und Pensionen aus dieser Stiftung an Künstler und Gelehrte. Der Secretär legt eine Abhandlung von Dr. A. Schmidt, Gymnasiallehrerin Gotha, vor, betitelt: „Der tägliche Gang der erdmagnetischen Kraft in Wien und Batavia in seiner Beziehung zum Fleckenzustand der Sonne". Herr Dr. Max Margules in Wien (Hohe Warte) tibersendet eine vorläufige Mittheilung: „Über die specifische Wärme der Gase." Das w. M. Prof. V.Barth überreicht zwei in seinem Laborato- rium ausgeführte Arbeiten, betitelt: „Studien über Quercetin und seine Derivate". (HI. und IV. Abhandlung) von Dr. Josef Herzig. Ferner überreicht Herr Prof. v, Barth eine Arbeit der Herren M. Honig und L. Jesser in Brunn: „Zur Kenntniss der Kohlehydrate. (IH.) Über Laevulose". Herr Prof. Dr. Karl Exner in Wien überreicht eine Ab- handlung: „Über ein Scintillometer". Herr Dr. R. Benedikt überreicht eine in Gemeinschaft mit Herrn F. Ulzer ausgeführte Arbeit aus dem Laboratorium für allgemeine und analytische Chemie an der k. k, technischen Hochschule in Wien: „Zur Kenntniss des Schellack's." (H. Mittheilung.) 247 Herr Dr. Hans Moli sc li, Privatdocent an der Wiener Universität, überreicht eine im pflanzenphysiologischen Institute ausgeführte Arbeit, betitelt: „Zur Kenntniss der Thyllen-' nebst Beobachtungen über Wundheilung in der Pflanze". Selbständige Werke oder neue, der Akademie bisher nicht zugekommene Periodica sind eingelangt: Hering, C. A., Die Verdichtung des Hüttenrauchs. (Mit 12 Ta- feln.) Stuttgart, 1888; 8". Sitzb. d. mathem.-naturw. Cl. XCVII. Bd. I. Abth. 17 248 XVI. SITZUNG VOM 2L JUNI 1888. Herr Prof. J. V. Janovsky an der k. k. Staatsgewerbescliule in Reichenberg übersendet eine Abhandlung, betitelt: „Studie über Azotoluole". Der Secretär legt folgende eingesendete Abhandlungen vor: 1. ;,Zur Kenntniss des Strychnins", Arbeit aus dem Laboratorium für angewandte medicinische Chemie der k. k. Universität in Innsbruck von Prof. Dr. W. F. Loe- bisch und stud. med. H. Malfatti. 2. „Beitrag zur Transformation und Berechnung bestimmter Integrale", von Prof. Reinhard Mildner an der Landesrealschule in Römerstadt (Mähren). 3. „Über die zu einer ebenen Curve dritter Ord- nung gehörigen elliptischen Transcendenten-', von Dr. Georg Pick, Privatdocent an der k. k. deutschen Universität in Prag. Das w. M. Herr Prof. v. Barth überreicht eine in seinem Laboratorium ausgeführte Arbeit: „Über die Einvrirkung von Schv^efelsäure auf Bromderivate des Benzols, von Dr. J. Herzig". Das w. M. Herr Prof. Ad. Lieben überreicht eine in seinem Laboratorium ausgeführte Arbeit: „Über die Bestim- mung der Löslichkeit einiger Salze der normalen Capronsäure und Diäthylessigsäure-', von Herrn Paul Keppich. Ferner überreicht Herr Prof. Lieben zwei Arbeiten aus dem chemischen Laboratorium der k, k. Universität in Lemberg: 1. „Über das Glyoxalbutylin und das Glyoxaliso- butylin, von Herrn Josef Rieger". 249 2. „Über moleculare Umlageruiigen bei Synthesen aromatischer Kohlenwasserstoffe mittelst Aln- miniumchloride", von Dr. Julifin Schramm, Privat- doeent an dieser Universität. Das w. M. Herr Director E. Weiss überreicht eine Abhandlung von Herrn Prof. G. v. Niessl in Brunn: „Bahn- bestimmung des Meteors vom 23. October 1887". Das w. M. Herr Hofrath G. Tschermak übergibt eine Mittheilung des Herrn Prof. C. Dölter in Graz: „Über Glim- merbildung aus Audalusit und Granat". Herr Prof. Dr. Carl Grobben in Wien überreicht eine Ab- handlung unter dem Titel: „Die Pericardialdrüse der chaetopoden Anneliden, nebst Bemerkungen über die perienterische Flüssigkeit derselben". Selbständige Werke oder neue, der Akademie bisher nicht zuge- kommene Periodica sind eingelangt: Annual Report of War for the year 1886. Vol. IV. Washing- ton, 1886; 8". Die Venus- Durchgänge 1874 und 1882. Bericht über die deutschen Beobachtungen, herausgegeben von dem Vor- sitzenden der Commission für die Beobachtungen der Venus- durchgäuge in Berlin A. Auwers. III. Bd. Die Beobach- tungen der Expedition von 1882. Berlin, 1888; 4°. Publications of the Lick Observatory of the Uni- versity of California. Prepared under the direction of the Lick Trustees by E. S. Holden. Vol. I. Sacramento, 1887; 4". 17* 250 Die Pericardialdrüse der chaetopoden Anneliden, nebst Bemerkungen über die perienterische Flüssig- keit derselben von Prof. Dr. Carl Grobben in Wien. Aus den Untersuchungen, welche ich vor einigen Jahren über den eigenthümlichen Kiemenherzanhang der Cephalopoden angestellt habe/ ging hervor, dass derselbe ein vom Peritoneal- epithel der secundären Leibeshöhle entstandenes drüsiges Gebilde ist, und knüpite sich meinerseits daran der Vorschlag, an Stelle der für dieses Organ bisher in Anwendung stehenden Bezeich- nung den Ausdruck „Pericardialdrüse" zu setzen, welcher mit Kücksicht auf den drüsigen Bau, die Abstammung dieses Gebildes vom Pericardialepithel, sowie seine Lage im Pericardialraume gewählt wurde. Eine an diesen Fund sich anschliessende Unter- suchung des sogenannten rothbraunen Organes der Najaden lehrte auch dieses als eine vom Pericardialepithel gebildete Drüse kennen, welche, wie fortgesetzte Beobachtungen erwiesen, bei den Lamellibranchiaten in weiter Verbreitung vorkommt und sich auch bei einigen Prosobranchiern und Opisthobranchiern lindet. ^ ^ C. Grobben, Morphologische Studien über den Harn- und Geschlechtsapparat, sowie die Leibeshöhle der Cephalopoden. Arbeiten aus dem zoolog. Institute zu Wien. Bd. V, 1884. ~ C. Grobben, Die Pericardialdrüse de;* Lamellibranchiaten und Gastropoden. Zoolog. Anzeiger Nr. 225. 1886; ferner: Derselbe, Die Peri- cardialdrüse der Opisthobranehier und Anneliden, sowie Bemerkungen über die perienterische Flüssigkeit der letzteren. Ebendas. Nr. 260. 1887 und: Derselbe, Die Pericardialdriise der Lamellibranchiaten. Ein Beitrag zur Kenntniss der Anatomie dieser Molluskenclasse. Arbeit, a. d. zoolog. lusC. zu Wien, Bd. VII. 1888. Peric;irdi;il(liüse der chactüpudeu Anneliden. 2ol Als Charakter der Pericardialdrüse erscheint die bereits her- vorgehobene Abstammuiig- ihrer Epithelbekleidimg- von dem Epithel der seeundären Leibeshöhle, ferner die innige Beziehuni;, zum Rlutg-efässsy.stenie. So sehen wir, auf die angeführten Formen eingehend, diese Drüse bei den Lamellibranchiaten entweder an den Atrien des Herzens zur Entwicklung kommen, und hier in Form vielfach gefalteter Krausen oder traubiger, zuweilen fingerförmiger Anhänge in den Pericardialraum hinein- ragen, oder dieselbe durch Ausstülpung des Pericardialepithcls in den Mantel hinein gebildet und in diesem Falle die sich ver- ästelnden Drüsenschläuche in denBlutlacunen des Mantels liegen, von denen sie allseitig umgeben werden. Bisher als vereinzelt dastehend erscheint das Auftreten von gelappten Krausen am hinteren Rande des Herzbeutels bei Meleagrina. Bei den Cephalopoden ist die Pericardialdrüse aus dem Pcritonealüberznge des Kiemenherzens hervorgegangen und tritt als in die Leibeshöhle vorspringender Anhang an letzterem auf, daher die frühere Bezeichnung „Kiemenherzanhang". Unter den Gastropoden ist es bei den wenigen Prosobran- chiern, denen Pericardialdrüsenbildungen zukommen, wieder der Vorhof, welcher dieselben trägt. Bei den Opisthobrauchiern wechselt der Entstehungsort der Pericardialdrüse. So besitzt Aplysin dieselbe in Form von Lappen an dem längs der Peri- cardialwand verlaufenden vorderen Aortenaste, Bei Pleura - branchus und Pleiirobranchaea erscheint die Pericardialdrüse in Gestalt von mehr oder weniger stark vorspringenden Falten der ventralen Herzbeutelwand längs der an der letzteren verlaufenden Aorten, bei Doriopsis und Phyllidia in Gestalt von fächerförmig angeordneten Falten an der dorsalen Pericardwand, wobei das genauere Verhalten des Blutgefässsysteraes noch nicht fest- gestellt ist. Die histologische Untersuchung zeigt, dass das Epithel der Pericardialdrüse bei den Lamellibranchiaten und unter den Cephalopoden bei Eledonc aus buckeiförmig vorgewölbten Zellen besteht, welche Concremente enthalten, und wenn sie reich mit solchen beladen sind, abgestossen werden. Bei Sepia und des- gleichen bei den Gastropoden, soweit ich dieselben in dieser Hin- sicht bisher zu untersuchen Gelegenheit hatte, fehlen Concrement- 252 C. Grobben, ablagerungen im Epithel. Bei Sepia zeigen die Zellen im weitaus grössten Theile der Pericardialdrüse eine strangförmige Anord- nung des Protoplasmas, wie dieselbe in den Zellen der Niere so häufig zur Beobachtung kommt; bei den Gastropoden besteht das Epithel aus Plattenzellen, selten aus höheren Elementen. Rücksichtlich der Function der Pericardialdrüse lässt sich aus den baulichen Verhältnissen der Schluss ziehen, dass die- selbe eine excretorische ist und der Nierenfunction sehr nahe steht. Die von der Drüse in den Herzbeutel abgeschiedene Flüssigkeit, beziehungsweise die aus dem Epithelverbande abge- stossenen, reich mit Concrementen beladenen Zellen werden wahrscheinlich durch den in den Pericardialraum mündenden Wimpertrichter der Niere in diese und von hier nach aussen befördert. Eine Durchforschung des Baues der chaetopoden Anneliden zeigt, dass auch bei diesen Pericardialdrüsenbildungen vor- kommen und habe ich bereits bei früherer Gelegenheit^ auf einige Fälle hingewiesen. Es möge hier vorausgeschickt werden, dass die Thatsachen^ welche in Folgendem aufgeführt werden sollen, aus den in der Literatur vorhandenen Angaben zusammengestellt wurden, wenngleich mir einige Vorkommnisse, wie die sogenannten Gefässanhänge von Lumhriculus, sowie die Chloragogenzellen von Oligochaeten und Polychaeten auch aus eigener Anschauung- bekannt sind. Zweck dieser Zusammenstellung ist, die That- sachen unter einem neuen gemeinsamen Gesichtspunkte zu ver- einigen, welcher bisher fehlte, wie aus der verschiedenen Beur- theilung jener Bildungen genügend hervorgehen dürfte. Rufen wir uns zu diesem Zwecke die Charaktere der aus gleichem Behufe ausführlicher beschriebenen Pericardialdrüse der Mollusken zurück, so sehen wir, dass die letztere eine locale drüsige Entwickelung der Epithelbekleidung der secundären Leibeshöhle in inniger Verbindung mit Theilen des Blutgefäss- systems ist, wobei anhangsweise bemerkt sei, dass der Pericar- dialraum der Mollusken als secundäre Leibeshöhle aufgefasst werden muss. 1 C. Grobben, a. a. 0. Zoolog. Anzeiger. Nr. 260. 1887. Pericardiiildrüse der chuetopoden Anneliden. 2o3 Drüsige Dififereuziniugeu des Epithels der secuudärcn Leibesliühle gleicher Art iinden sich nun bei einer Anzahl von chaetopoden Anneliden, sowohl Oligochaeten als Poly- chaeten. Solche sind zunächst in den als Chloragogenzellen bekannten, über den Blutgefässen sich vortindenden Epithelstrecken zu erkennen. Die Zellen des Leibeshöhlenepithels sind in diesen Fällen wie die entsprechenden Elemente bei den Mollusken nicht zu einem geschlossenen Epithel angeordnet, sondern ragen einzeln bauchig in die Leibeshöhle vor, so dass Spalten zwischen den Zellen entstehen, die häufig tief bis zwischen die Basen der Zellen hinabreichen. "Wo die Zellen in dichter Anordnung und Lagerung gegen einander gepresst liegen, bilden sie einCylinder- cpithel, an welchem jedoch die oberen Enden der Zellen kuppig vorgewölbt sind. Was den Inhalt dieser Zellen betrifift, so besteht derselbe aus d linkelkörnigen Concrementen, welche als Aus- scheidungsproducte aus dem Blute betrachtet -werden. Die mit Concrementen tiberfüllten Zellen lösen sich los, erfahren in der Leibeshöhle höchst wahrscheinlich eine theilweise Resorption und werden durch die Excretionsorgane hinausbefördert. * Daneben finden sich bisweilen, nach Ude^ aller Wahrschein- lichkeit nach blos bei den terricolen Oligochaeten, besondere Poren, welche die Leibeshöhle in directe Communication mit dem umgebenden Medium setzen, und zur gelegentlichen Eiit- i Vergl. R. Timm, Beobachtungen an Phreon/ctes Menkeanus Hoffm. und Nais. Arbeiten aus d. zoolog. zoot. Institut zu Würzburg. Bd. VI. 1883, S. 122 nnd 123. — Fr. Vejdovsky, System und Morphologie fler Oligochaeten. Prag 1884, S. 110—112, sowie S. 128 — 129. — W. Kükeuthal, Über die lymphoiden Zellen der Anneliden. Jenaisclie Zeitschr. f. Naturw. Bd. XVIII. 1885, S. 336. — W. Michaelscn, Unter- öucbuugen über E/tch>/traeiis ßlübii Mich, und andere Enchytraeidon. Kiel 1886, S. 28. — H. Eisig, Die Capitelliden. Fauna und Flora des Golfes von Neapel. XVI. Monographie. Berlin 1887, S. 132 nnd S. 753. — E. Meyer, Studien über den Körperbau der Anneliden. Mittheilg. aus der zoolog. Station zu Neapel. VII. Bd. 1887, S. 648. - H. üde, Über die Rilckcnporen der terricolen Oligochaeten, nebst Beiträgeu zur Histologie des Leibesschlauches und der Systematik der Lumbriciden. Zeitschr. f. wiss. Zoologie. 43. Bd. 1886. 254 C. Gvobben, leerung der die Leibeshöble erfüllenden Flüssigkeit (Perivisceral- flüssigkeit) dienen. Mit Ausnahme des letztgenannten ausnalims. weisen Vorkommens tritt in allen Punkten eine vollkommene Übereinstimmung mit den Mollusken hervor. Die eben besprochenen drüsigen Diflfereuzirungen werden blos als Anfänge von Pericardialdrüsen zu betrachten und den nahezu gleich einfachen Verhältnissen der drüsigen Entwicke- lung des Vorhofüberzuges bei Area unter den Laraellibran- chiaten an die Seite zu stellen sein, bei welcher das Pericardial- epithel der Vorhöfe wohl drüsig ausgebildet ist, jedoch nur wenige in den Herzbeutel vorspringende Hervorragungen bildet. Als besonders zu unterscheidendes Organ können dieselben indessen aus dem Grunde noch nicht betrachtet werden, da sie sich nicht als eigene Gebilde absetzen. Es gibt jedoch unter den chaetopoden Anneliden Fälle, wo die Pericardialdrüse als besonderes Organ auftritt. So bei den Oligochaeten am umfänglichsten entfaltet in den bekannten schlauchförmigen, contractilen, mit Chloragogenzellen bedeckten Anhängen des Rückengefässes der Lumbriculiden (Lumbriculiis, Claparedilla, Ehynchelmis), welche sich in zahl- reichen Eumpfsegmenten wiederholen. Dieselben können sich reich verästeln und erfüllen zuweilen vollkommen die beireffen- den Leibeshöhlenabscbnitte. Bei Claparedilht entspringen über- dies nach Vejdovsky* an den Seitengefässen, da, wo diese in das Bauchgefäss einmünden, drei bis vier pulsirende in die Leibeshöhle hineinragende Blindgefässe aus einer an dieser Stelle befindlichen Anschwellung. Functionen wurden die Anhänge des Rückengefässes bei Lumbriculns von Leydig früher^ den blasenartigen Ervreiterungen in dem Gefässsysteme mancher Hirudineen verglichen; eine ähnliche Auffassung hat Clapared e '' von diesen Anhängen besessen, wenn er von denselben schreibt: „Ils serventä activer la propulsation du sang." Später bezeichnet 1 Vejdovsky, n. a. 0. S. ITi. 2 Fr Leydig, Anatomisches über Branchellion und Pontobdell.i. Zeitschr. f. wiss. Zoologie. Bd. III. 1851, S. 322. 3 E. Claparede, Recherches aHatomiques sur les Oligoclietes. Geneve, 1862, pag. 41. Pericaniialdiiise der oliaetopoden Anneliden. 25o jedoeli Leydig^ die iu Frage stehenden Bildungen von Lum- hriculus als ,,etwas eigenes", ohne sich über eine bestimmte Function derselben zu äussern. Als Bildungen, welche hieher gehören, sind möglicherweii^e auch die von Claparede^ bei Liimbriciis beobachteten, zu- weilen sich findenden Zellenwucherungen anzusehen, die beson- ders an Gefässschlingen von den Dissepimenten aus in die Leibes- höhle vorspringen. Vejdovsky beschreibt gleiche Gebilde bei RhyficJu'hnis und Tnbif'ex^ deren Inconstanz dieselben jedoch als nur vorübergehende Wucherungen des Leibeshöhlenepithels erscheinen liisst, eine Beobachtung, durch welche auch die Zellen- wucherungen von Lnmbricus ihrer Inconstanz wegen möglicher- weise unter den gleichen Gesichtspunkt zu stellen sind. Auf dem Gebiete der Polychaeten werden die von Milne Edwards^ bei Snbella beschriebenen „filamens vasculaires", welche sich in grosser Zahl an der Innenseite des Integumentes finden und der Ansicht des genannten Forschers nach Secretions- organe zu sein scheinen, hieherzuzählen sein; nach der Be- schreibung von Cosmovici*, welcher dieselben gleichfalls beobachtet«^, sind sie mit pigmentirten Zellen bedeckt, und dienen vielleicht dazu, das Blut von einigen Bestaudtheilen zu befreien. Als hieher gehörig sind ferner die von Jaquct^ angegebenen „filaments sauguins termines eu coecum" anzuführen, welche bei Terebelln Meckelii von Zweigen des Bauchgefässes eut- 1 Fr. Leydig, Lehrbuch der Histologie, Frankfurt a./M. IH.öT, S. 436. ~ E. Claparede, Histologische Untersuchungen über den Regen- wurm. Zeitschr. f. wiss. Zoolog. Bd. XIX. 1869, S. 580. 3 H. Milne Edwards, Recherches pour servir ä l'histoire de la circulation du sang chez les annelides. Ann. des scienc. natur. 2 serie, t. X 1838, pag. 212. ■* L. Cosmovici, Glandes genitales et organes segmentaires des Annelides polychetes. Arch. de Zoolog, experim. t. VIII. 1879 und 1880, pag. 328. — Ob die Angabe bezüglich des Vorhandenseins von „ciüs-de- sac sanguins" auch für die in demselben Capitel abgehandelte Mi/.rirola modcsta gilt, geht aus der Stellung und Fassung des betreffenden Absatzes nicht hervor. 5 M. Jaqnet, Recherches sur le Systeme vasculaire des Annelides. Mittheilg. aus d. zoolog. Station zu Neapel. VI. Bd. 1886, S. 358. 256 C. Grobben, springen und mit ihrem freien Ende in der Leibeshöhle flottiren. Bei Are7iicohi 'piscatorum sind von Mi Ine Edwards^ drüsige Anhänge gesehen worden, welche sich an der Innenseite des Körpers und um die Thoraxportion des Darmcanales finden. Bezüglich ihrer Function wurden erstere von Milne Edwards als secretorische Anhänge, welche die gelbgrUne Masse, die von der Haut abgeschieden wird, liefern soll, letztere als vielleicht Galle abscheidend^ bezeichnet. Die Untersuchungen Cosmo- vici's^ erwiesen diese Anhänge als Blindgefässe, welche von Zellen bekleidet werden, die den Zellen der Niere sehr ähneln. Dieselben finden sich nach Jaquet* an Seitengefässen des Bauchgefässes und entspringen einzeln oder in Büscheln, welche aus einer ansehnlichen Zahl von Filamenten zusammengesetzt sind. Die Blindgefässe werden nur stellenweise von höheren, mit braunen Inhaltskörpern erfüllten Elementen überdeckt, während an anderen Stellen dasGefäss nackt sein soll; die Unbe- decktheit der Gefässe an einigen Stellen dürfte doch nur eine scheinbare sein, es wird auch hier das Epithel der Leibeshöhle sich vorfinden, jedoch aus Plattenzellen bestehen. Cosmovici kommt rücksichtlich der physiologischen Bedeutung dieser Anhänge zu dem Resultate, dass dieselbe keine secretorische ist, oder wenigstens keine solche, wie sie ihnen zugeschrieben wurde. Ich zweifle nicht, dass auch diese Anhänge Pericardial- drüsenbildungen sind. Endlich hat Eisig^ in jüngster Zeit bei zwei Capitelliden, Mastobranchus und Heteromastus, peritoneale Wucherungen nachgewiesen. Bei Mastobranchus bietet nicht nur „der grösste Theil des Peritoneums ein hypertrophisches drüsen- haftes Ansehen dar", sondern es treten einzelne, durch ausser- ordentliche Mächtigkeit sich auszeichnende Wucherungen beson- ders hervor. Bei Heteromastus finden sich umfangreiche Wuche- rungen in regelmässig segmentaler Anordnung, und zwar dorsale sowie ventrale, letztere von besonderer Umfänglichkeit. Dabei ist 1 Milne Edwards, 1. c. pl. 13. Fig-. 1. ■■2 Diese Ang;ibe der Figurenerkläruug in Cu vier 's Regne ani- mal (Annelides pl. I) entnommen. 3 Cosmovici, a. a. 0. pag. 253. 4 Jaquet, 1. c. pag. 349 — 51, sowie pag. 356. 5 Eisig, a. a. 0. S. 227, 242, 245, 757-758. Pericardialdrüse der chaetopoden Anneliden. 257 die Übereinstimmung der einzelne dieser Wucherungen zusammen- setzenden Elemente mit jenen der Nepliridien so gross, dass man diese Wucherungen „geradezu Nephridien ohne Ausfuhrcanäle nennen könnte." ' In der A'on mir im zoologischen Anzeiger publicirteu Mit- theiluug rechnete ich auch die von KUkenthaP an dem Blutgefässe der Segmentalorgane bei Nereis und Polymnia beob- achteten Zellenhaufen zu den Pericardialclrüsenbildungen. Es handelt sich indess hier blos um die Entstehungsorte der gewöhnlichen sogenannten Lymphkörper der Perivisceralflüssig- keit, obwohl sich auch in diesen häufig den Excretionskörnchen gleichende Ablagerungen finden. In allen augeführten Fällen, welche sich durch weitere Nach- forschungen in der Gruppe der Chaetopoden wahrscheinlich ver- mehren Hessen, handelt es sich um besondere Bildungen, und '/warum VergrÖsserungen des drüsig entwickelten Peritonealüber- zuges im Zusammenhange mit Gefiissvergrösserungen. Damit sind die Bedingungen erfüllt, welche der Auffassung, in allen den genannten Fällen von einer Pericardialdrüse zu sprechen, Berech- tigung verleihen. Eine Ausnahme bilden die Capitelliden nur insofern, als bei denselben Gefässvergrösserungen bei dem Mangel des Blutgefässsystemes fehlen; dieser Mangel ist jedoch als secundäres Verhältniss aufzufassen. Ich muss hier noch rücksichtlich der Bezeichnung „Peri- cardialdrüse", welche für die aufgeführten Drüsenbildungen der chaetopoden Anneliden verwendet wurde, eine Bemerkung ein- schalten. Obgleich die Leibeshöhle der Anneliden jener der Mollusken, aus den gleichen anatomischen Verhältnissen zu schliessen, homolog ist, so würde doch die Bezeichnung „Pericard" für diesen Raum insofern als unzutreffend erscheinen, als in demselben der Darm, die Nieren gelegen sind, das Herz dagegen in sehr vielen Fällen im grössten Theile des Körpers nicht einmal als geson- derter Gefässstamm auftritt. Es würde sich aus diesem Grunde für die obigen, aus der Epithelbekleidung dieses Raumes ent- ^ Eisig, a. eben a. 0. S. 242 und 598. 2 Kükenthal, a. a. 0. S. 338—360. 258 C. G robben, standenen Drüsenbildmig-en der Ausdruck „Peritooealdrüse'' besser empfehlen, wenn derselbe vor Kurzem nicht in viel weiterer Bedeutung Anwendung gefunden hätte. E. Meyer ^ hat in neuester Zeit alle drüsig differenzirten Stellen des Perito- neums als „Peritonealdrüsen" benannt, und zählt zu denselben die Geschlechtsdrüse, die Bildungsstätten der lymphoiden Zellen (Lymphkörperdrüsen) und die pigmentirten Lymphdrüsen, in welchen letzteren es sich um zu Chloragogenzellen umgewandelte Strecken des Peritonealepithels handelt. Um daher eine Ver- wechslung zu vermeiden, behalte ich trotz des rücksichtlich der verwendeten Bezeichnung zu erhebenden Einwandes den von den Verhältnissen bei den Mollusken entlehnten Ausdruck „Pericar- dialdrüse" auch für die Anneliden bei. Es ist bereits erwähnt worden, dass die Chloragogenzellen in die Leibeshöhle abgestossen werden. Dieselben flottiren in der die letztere erfüllenden sogenannten perienterischen Flüssig- keit (Perivisceralflüssigkeit) und stellen mit die Körperchen der- selben vor, deren Herleitung von der Leibeshöhlenbekleidung zuerst Leydig, ^ wenngleich nicht mit voller Sicherheit beob- achtete, dann Ray Lankester^ auch für die Chloragogenzellen zeigte. Es ergibt sich damit die Veranlassung, einige Worte über die perienteriscbe Flüssigkeit anzufügen. Aus den oben angeführten Thatsachen, dass die sogenannten Lymphkörperchen häufig Excretionsproducte enthalten, und dass es, wie sehr verbreitet unter den Mollusken, so auch bei den chaetopoden Anneliden nicht nur zur Entwickelung drüsig diflferenzirter Stellen, sondern auch zur Ausbildung von besonders sich abhebenden Drüsengebilden kommt, ergibt sicli der Schluss, dass die Bedeutung der Epithelbekleidung der secundären Leibes- 1 E. Meyer, a. a. 0. pag. 640. - Fr. Leydig, Über Phreori/etes Me/ik/'atnis Hofm. nebst Bemer- kungen über den Bau anderer Anneliden. Arch. f. mikrosk. Anat. Bd. I 1865, S. 281. 3 E. Ray Lankcster, On some mioi'«itions ot' cells. Quart. Journ. of micrusc. Science, vol. X. 1870, pag. 2G5. Peiicardialdnise der chaetopodon Anneliden. 259 höhle in grossem Umfange eine excretorische ist. Wie daraus weiters folgt, muss die Flüssigkeit, welche die Leibeshöhle erfüllt, zum grossen Theile als durch die Thätigkeit des Epithels ausgeschiedene betrachtet werden. Schon Ehlers' haben sich zweierlei Ansichten über das Wesen der Leibesflüssigkeit aufge- drängt, von denen ihm als die allerdings weniger wahrschein- liche jene erschien, „dass wir in dieser Flüssigkeit eine Substanz vor uns haben, die einen Excretionsstoff darstelle, der in der Körperhöhle aufgespeichert wird, um zu Zeiten durch die Öffnun- gen, vermittelst derer die Leibeshöhle mit dem umgebenden Medium in Verbindung steht, entleert zu werden". Entschiedener spricht sich Ude^ aus, indem nach ihm die peritoneale Leibes- höhle „vielleicht als excretorisch" zu bezeichnen ist. In voller Übereinstimmung mit der auch von mir oben vertretenen Ansicht steht die Auffassung von Eisig^ über die „in breitester Weise excretorische Function" des Peritoneums, dessen umfangreiche Wucherungen bei Mastohranchus und Heteromastns wohl mit dem Ausfall der Nephridien im Vorderkörper in Zusammen- hang zu bringen sind. Ebenso scheint es Meyer,* dass sich die Lymphkörperchen, sowie einzelne Strecken des Peritoneums (die pigmentirten Lymphdrüsen) an der Excretion betheiligen. Obwohl die excretorische Function des Peritoneums eine sehr ausgedehnte ist, und abgesehen von der Bedeutung der Peritonealbekleidung als Ursprungsstätte der Genitalproducte, auch eine ursprüngliche zu sein scheint, infolge davon die in der Leibeshöhle enthaltene Flüssigkeit mit ihren Körperchen in einem grossen Theile als Excretionsproduct betrachtet werden muss, so kann doch nicht bezweifelt werden, dass die functio- ncUe Bedeutung der LeibesflUssigkeit und ihrer Körper noch eine andere ist, und zwar jene von Lymphe und Blut, somit eine nutritive und respiratorische. Diese Ansicht ist auch diejenige. 1 E. Ehlers, Die Bor.stenwürmer. I. Abtheilung. Leijizig 1864, S. 25. ^ Ude, a. a. 0. S. 129. 3 Eisig, a. a. 0. 8. 228, 597, 757—758. 4 Meyer, 1. o. S. (]45 und 648. 260 C. Grobben, welche am allgemeinsten angenommen wird,^ wozu nicht wenig die in die Augen fallende Ähnlichkeit dieser Flüssigkeit mit ihren lymphoiden Zellen mit der Lymphe (Blut) beitrug. Als Begründung für die Richtigkeit dieser Auffassung ist zunächst die Thatsache hier anzuführen, dass die Leibeshöhlenflüssigkeit eiweisshältig ist, wie dies schon aus dem bekannten Umstände hervorgeht, dass die Gescblechtsproducte in vielen Fällen sich frühzeitig von den Keimstätten loslösen und in der Leibeshöhlen- flüssigkeit flottireud, die volle Reife erlangen. Die Flüssigkeit hat somit, insofern sie eiweisshältig ist, nutritive Bedeutung. Die gleiche Bedeutung wird auch den in ihr suspendir- ten lymphoiden Zellen von KükenthaP zugesprochen. Die Elemente der Leibeshöhlenflüssigkeit scheinen mir jedoch vor- wiegend respiratorische Function zu besitzen. Für diese Ansicht finde ich neben anderen eine besondere Stütze in der zuerst von Williams beobachteten Thatsache, dass bei Glycera die Körperchen der Leibeshöhlenflüssigkeit roth gefärbt sind, und diese Färbung, wie Ray Lankester zeigte, von demVorhanden- 1 Verg-1. A. de Quatrefages, Memoire sur la cavite generale du Corps des Invertebres. Ann. d. scienc. natur. III. sörie. t. XIV. 185n, p. 309 u. ff. Ferner: Tb. Williams, Eeport on the British Annelida. 1851, p. 173; sowie: On the Blood-Proper and Chylaqueous Fluid of Invertebrare Auimals. Philos. Transact. 1852. p. G33— 635. Williams war der Ansicht, dass sich das Blut jedenfalls zum Theile aus der Leibeshöhlenflüssigkeit reproducire, dass somit auch, im Gegensatze zu der von mir gegebenen Entwickelung, der Farbstoff des Blutes aus dieser selben Flüssigkeit stammen müsse. Verwandt ist die Ansicht von Fr. Eatzel (Beiträge zur anatomischen und systematischen Kenntniss der Üligochaeten. Zeitschr. f. wiss. Zoologie, Bd. 18. 1868, S. 585), welcher sich über die Function der Leibeshöhlenflüssigkeit folgendermassen äussert: „Die Function der Körper- flüssigkeit besteht in der Vermittlung des Stoffaustausches zwischen Verdauungs- und Circulationssystem." In neuerer Zeit sehen wir auch von Fr. Schack (Anatomisch -histologische Untersuchung von Nephthis coeca Fabricius. Kiel 1886, S. 26) vermuthungsweise ausgesprochen, dass die Leibesflüssigkeit „noch ausser dem Blute die Respiration und Er- nährung besorgt" imd der Ansicht von E. Ehlers (a. a. 0., S. 25) widersprochen, welcher die Leibesflüssigkeit als eine Gewebsmasse an- sehen möchte, „die dazu bestimmt ist, die Füllung der Körperhöhle zu besorgen". -' Kükenthal, a. a. 0., S. 339 und 363. Pericardialdrüse der chaetopoden Anneliden. 2G1 sein von Haemoglobin hciTübvf. Gfijcrra ist nun eine Anneliden- form, bei welcher das BlutgefUsssystem, in dem rothes haemo- globinbältiges Blut strömt, durch Rückbildung verloren gegan- gen ist, eine Annahme, zu welcher alle Erfahrungen auf dem Gebiete der chaetopoden Anneliden hinführen. Mit Rücksicht anf die hohe respiratorische Bedeutung des Haemoglobins schliesse icli nun, dass sich dieses in den Zellen der Leibes- höhlenflüssigkeit nicht vorfinden würde, wenn die Elemente der- selben nicht bereits respiratorisch wären. Diese Affinität /.um Haemoglobin, das sonst bei dem Vorhandensein des Blutgefäss- systemes in der Blutflüssigkeit enthalten ist, seitens der Körper- chen der Leibeshöhlenfiüssigkeit betrachte ich als einen wichtigen Beweis für die respiratorische Bedeutung der lymphoiden Zellen, welche sich wie in dem Falle von Glycera bis zur Höhe jener der rothen Blutkörperchen steigern kann. Unter den chaetopoden Anneliden bieten sich noch zwei Familien, in denen das Blut- gefässsystem fehlt und an Stelle desselben sich die Zellen der Lcibeshöhlenflüssigkeit zu rothen Blutkörperchen entwickelten. Es sind dies die Faniiliender